Eine Sache, die man von Nic Jordan lernen kann, ist das: „Mach, worauf du Lust hast!“ Klingt einfach? Theoretisch schon – wenn es nicht so viele Abers gäbe: Aber mein Job … Aber das Geld … Aber meine Angst … Aber die Erwartungen … Nic hat sich von solchen Einwänden nicht abbringen lassen: Die 31-Jährige ist von London bis nach Byron Bay in Australien getrampt.

Trampen von London nach Australien: Wie kommt man darauf?

Wie kam sie auf so eine verrückte Idee? Bei Nic war es eine Kombination aus mehreren Gründen. Zum einen hatte sie gerade zwei zum Teil langjährige Beziehungen hinter sich, in denen sie sich gefühlt habe, „als wenn ich angeleint bin“. Auch damals ist sie schon viel gereist, auch mal für mehrere Monate am Stück. Aber Fernreisen oder längere Auslandsaufenthalte wollte sie aus Liebe nicht antreten. 

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Nach der zweiten Trennung zog sie zurück nach London, wo sie bereits zuvor gelebt und gearbeitet hatte. „Da fiel ich in ein ziemliches Loch“, erzählt sie dem reisereporter im Interview. Als ihr dann innerhalb weniger Wochen Dutzende Leute unabhängig voneinander gesagt hätten, wie gut sie nach Byron Bay in Australien passen würde, brachte das die Sache ins Rollen. Nic stellte fest: Mich hält nichts in London.

„Eigentlich wollte ich nie nach Australien“, sagt sie. Aber nachdem die Idee erst mal gesät war, schlug sie immer stärkere Triebe. Zuerst schaute Nic nach Flügen – die seien aber alle extrem teuer gewesen. Getrampt sei sie schon immer viel, geflogen dagegen nur selten. Einer fixen Eingebung folgend warf sie also einen Blick auf die Karte – und stellte fest, welche spannenden Reiseziele sie auf dem Weg nach Australien einfach überfliegen würde.

Ehe ich mich versah, wollte ich zu jedem Ort zwischen mir und Australien.

Nic Jordan

„Asien war schon immer mein Traumziel, aber auch Russland mit Sibirien fand ich total spannend, genauso wie Skandinavien.“ Je genauer sie die Karte studierte, desto mehr Reiseziele entdeckte sie: „Und ehe ich mich versah, wollte ich zu jedem Ort zwischen mir und Australien.“ Als ihr das erste Mal der Gedanke kam, einfach zu trampen, habe sie einfach laut gelacht. Dann dachte sie an Bücher und Filme wie „Into the Wild“. Und ihr wurde klar: „Es gibt Leute, die machen so was – warum dann nicht auch ich?“

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Nach sechsmonatiger Vorbereitung schulterte Nic im September 2016 ihren Backpack und machte sich auf den Weg. Dabei war sie sich durchaus bewusst, dass sie sich beim Trampen auch in missliche Lagen begeben könnte. Für sie war klar: „Wenn ich auf der Reise sterbe, ist das halt so. Und wenn nicht, schreibe ich darüber ein Buch.“ Zum Glück ist der zweite Fall eingetreten.

„Trampen kann man nicht planen“

Bis sie ihr Ziel erreicht hat, war die heute 31-Jährige sieben Monate lang unterwegs. Und sie sagt heute, dass sie sich rückblickend betrachtet noch mehr Zeit hätte lassen sollen. Sie hätte gern noch mehr von einigen Ländern gesehen und sich weniger gehetzt gefühlt. Vor allem hat sie gelernt, dass sich beim Trampen wenig planen lässt. Manchmal habe sie Pläne gemacht, die dann schnell zerbröselt seien.

Am Ende ist das aber nicht wichtig: Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine unvergessliche Zeit. An das erste Mal, dass sie Polarlichter gesehen hat. An ihre Arbeit auf einer Husky-Farm in Finnland. An freundliche Couchsurfing-Gastgeber wie Tom, bei dem sie in Helsinki nur eine Nacht verbringen wollte und zehn Tage blieb. An das Paar in China, mit dem sie sich nur per Sprachapp verständigen konnte, aber das sie zwei Tage quasi adoptiert, in einem Vier-Sterne-Hotel einquartiert und allen Freunden vorgestellt hat.

Vor allem aber an die Insel Koh Phayam in Thailand. „Als ich dort den ersten Fuß auf den Bootsteg setzte, wusste ich schon, dass dieser Ort anders ist. Das hier etwas Besonderes passieren würde.“ Auf der kleinen Insel habe sie sich unfassbar zugehörig gefühlt. Sie habe Freunde getroffen, die sie einfach sein ließen, ohne dass auf ihr irgendein Leistungsdruck lastete. Kein Wunder, dass Nic seitdem fünfmal nach Koh Phayam zurückgekehrt ist und dort sogar eine Zeit lang mit einer Freundin ein Café geleitet hat. 

Manchmal ist das Ziel nicht das Wichtigste

Und Byron Bay? Hatten die Leute, die ihr rieten, mal dorthin zu reisen, recht? „Jein“, lacht Nic. Bis heute verbinde sie eine Hassliebe mit dem Ort, obwohl er lange ihr Ausgangspunkt war. Byron Bay habe zwar den Ruf, frei und offen zu sein. „Aber nur, weil alle, die dorthin gehen, vor irgendwas fliehen oder etwas suchen. Auf Dauer ist der Ort zerstörerisch, weil keiner lange bleibt und deshalb nicht an sich oder der Beziehung zu anderen arbeiten muss.“

Ob sie nach Byron Bay zurückkehrt, weiß Nic noch nicht. Auch, weil Australien die Grenzen für Ausländer dicht gemacht hat, und so schnell auch niemanden wieder reinlassen wird. Aktuell ist Nic wieder in Deutschland, in München. Der nächste Schritt führt sie nach Berlin, wo sie noch einige Freunde und eine Wohnung hat. Aber: „Ich bin offen fürs Leben. Es gibt noch so viele Orte auf der Welt, die ich sehen will.“ Und es ist gut möglich, dass sie dorthin wieder trampen wird.  

Nics Tipps fürs Trampen

Bevor Corona die Reisewelt veränderte, hatte Nic sogar geplant, zur Veröffentlichung ihres Buches wieder von Australien zurück nach Deutschland zu trampen. Denn ihre verrückte Reise würde sie jederzeit wiederholen. Wenn dich nun ebenfalls die Lust auf ein solches Abenteuer gepackt hat, hat Nic einige Tipps parat:

  1. Wenn du zum ersten Mal trampst, nimm am besten eine Freundin mit, falls du dich unsicher fühlst.
  2. Trampe nie nachts.
  3. Versuche, in Situationen die Kontrolle zu wahren. Schreib zum Beispiel kein Fahrziel auf ein Schild, sondern frag Fahrer, wohin sie wollen. Wenn du bei jemandem ein mulmiges Gefühl hast, kannst du dann immer noch sagen, dass das nicht deine Richtung ist.
  4. Suche an Rastplätzen oder Tankstellen Mitfahrgelegenheiten. Dort hast du die Chance, Menschen im Gespräch kennenzulernen.
  5. Sag auch mal Nein, wenn du bei einem Mitfahrangebot ein schlechtes Gefühl hast.
  6. Lass dich nicht hetzen und nimm nicht die erstbeste Gelegenheit, nur weil du überstürzt weiterreisen willst.

Aber vor allem: „Mach, worauf du Lust hast!“ Nic bekomme in den sozialen Medien etliche Nachrichten, die alle ähnlich beginnen: „Ich würde so gern dasselbe machen wie du. ABER …“ Nic ist das beste Beispiel dafür, dass die meisten Abers nur in unseren Köpfen existieren: „Wenn Glück für dich Priorität hat – was es haben sollte –, dann findest du immer einen Weg.“ Corona sei das beste Beispiel dafür, dass man seine Träume und Pläne nicht auf später verschieben sollte. Schließlich weiß man nie, welches Ereignis später dazwischenkommen könnte.

Mehr über Nics Reise kannst du in ihrem Buch „aWay“ nachlesen, das am 7. September 2020 im Conbook-Verlag erschienen ist.