Erst die Balearen, nun die Kanaren: Für alle beliebten Urlaubsinseln in Spanien gilt nun eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Dass auch Gran Canaria, Lanzarote, Teneriffa und Co. zum Risikogebiet werden und auf der entsprechenden Liste des RKI landen würden, war absehbar. Denn die Kanaren überschreiten seit mehr als einer Woche den kritischen kumulativen Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Zeitraum von sieben Tagen.

Doch obwohl sich die Entwicklung abzeichnete, wurden etliche Urlauber vor Ort überrascht. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) sind aktuell mehrere Zehntausend Urlauber auf den Kanaren – die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas ist auch im Herbst und Winter beliebt, weil dort die Temperaturen noch angenehm sind. Gran-Canaria-Urlauberin Nadine S. aus Lengerich berichtet von der Situation vor Ort.

Gran Canaria ist die vom Coronavirus am stärksten betroffene kanarische Insel. Dort wurde am 1. September die Marke von 3000 aktiven Covid-19-Infektionen überstiegen, mit 3058 Fällen verzeichnet Gran Canaria den Mammutanteil der insgesamt 4426 aktiven Infektionen des Archipels.

Risikogebiet Kanaren: Urlauberin berichtet von Situation vor Ort

Nadine S. und ihr Mann Oliver haben erst nach der Landung auf Gran Canaria von der Reisewarnung für die Kanaren erfahren.

Nadine und ihr Mann Oliver waren am Mittwoch, 2. September, gerade mit dem Flugzeug auf dem Weg auf die Insel, als die Bundesregierung die Reisewarnung aussprach.

„Wir haben am Airport auf unser Gepäck gewartet und haben die Handys angemacht. Und da sahen wir schon die ganzen Nachrichten von Verwandten, die uns auf die Situation hinwiesen“, sagt die 35-Jährige im Gespräch mit dem reisereporter. „In dem Moment war das natürlich ein Schock, die Laune war erst mal hinüber.“

Bereits in den Tagen vor dem Abflug hätte sie ein ungutes Gefühl gehabt. „Wir haben versucht, mit dem Reiseveranstalter in Kontakt zu treten, aber niemanden ans Telefon bekommen“, berichtet Nadine. Sie hätten aufgrund der Entwicklung der Infektionszahlen auf den Kanaren gern umgebucht – „wir wollten lieber nach Griechenland reisen, hätten dafür sogar draufgezahlt“. Doch darauf habe sich der Veranstalter nicht eingelassen.

Kanaren-Urlaub: Umbuchen war nicht möglich

Warum sich das Ehepaar trotzdem entschlossen hat zu fliegen? „Wir hätten sonst 1900 Euro Stornokosten zahlen müssen, und als Risikogebiet eingestuft waren die Insel zum Zeitpunkt des Abfluges ja auch noch nicht“, so Nadine. Zudem kennt sie die Insel bereits aus einem Urlaub im vergangenen Jahr und fährt nicht komplett in die Fremde. Nach dem ersten Schock sieht sie die Situation jetzt pragmatisch: „Nun kann man es ohnehin nicht mehr ändern.“ 

Bezüglich der Situation auf Gran Canaria sagt sie: „Es ist schon sehr leer im Vergleich zum letzten Mal.“ Auf den Straßen, der Promenade und am Strand seien bedeutend weniger Menschen unterwegs. Für die Kanaren kommt das einer wirtschaftlichen Katastrophe gleich: Fast jeder zweite Arbeitsplatz hängt vom Tourismus ab.

Mehr anzeigen

Für die Inselgruppe bricht nun auch der zweitwichtigste Reisemarkt mehr oder weniger weg, und das auf unbestimmte Zeit. Sonst reisen pro Jahr etwa 2,7 Millionen Touristen aus Deutschland auf die Inseln. Touristenbringer Nummer eins ist Großbritannien, doch nachdem die Regierung dort eine Quarantäne für Rückkehrer ausgesprochen hat, heben kaum noch Flüge aus dem Königreich in Richtung der Kanaren ab. 

Die Tourismusbranche befürchtet, dass etliche Hotels die Saison beenden und schließen werden. „Das sind schlechte Nachrichten, die sich voll auf unsere Wirtschaft auswirken werden“, twitterte Yaiza Castilla, die kanarische Tourismusministerin, am Mittwochabend anlässlich der deutschen Reisewarnung. Sie mahnt: „Wir müssen die Kontrolle über die Pandemie intensivieren, um diese Situation so schnell wie möglich umzukehren.“ Das wird bereits mit etlichen verschärften Corona-Regeln versucht.

Die Corona-Sicherheitsmaßnahmen auf Gran Canaria

Anders als in Deutschland gilt auf den Kanaren beispielsweise eine generelle Maskenpflicht, auch im Freien. Auch das Rauchen ist verboten, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. 

Das sind nur zwei von vielen Sichermeitsmaßnahmen, die auch Urlaubern wie Nadine S. „ein gutes Gefühl“ geben. Unmittelbar nach der Landung sei am Flughafen die Temperatur der Passagiere gemessen worden, in der Maschine selbst sei regelmäßig Desinfektionsmittel gereicht worden. Und auch in der Unterkunft, dem Suitehotel Playa del Ingles in Las Palmas, werde „penibel auf die Sicherheitsstandards geachtet“, berichtet Nadine. Ein Beispiel: Ans Büfett dürfen Urlauber nur mit Mund-Nasen-Bedeckung und mit Plastikhandschuhen.

Trotzdem komme Urlaubsfeeling auf: Pool und Dachterrasse seien geöffnet, es gebe abends auch Musik. Daher hoffe sie nun, ein paar Tage entspannen zu können. Geplant hat das Ehepaar einen Urlaub bis zum 12. September, doch auch in diesem Punkt weiß Nadine, dass sie flexibel sein muss, denn: „Es könnte ja sein, dass uns der Veranstalter früher zurückholt.“ 

Corona-Test und Quarantäne nach Rückkehr in Deutschland

Und dann ist da natürlich noch der bange Blick auf die Rückkehr nach Deutschland. Die 35-Jährige ist medizinische Fachangestellte, ohne ein negatives Corona-Testergebnis darf sie in keinem Fall arbeiten. „Ich hoffe, dass ich über meinen Arbeitgeber schnell einen Test machen kann und das Ergebnis zügig kommt.“