Eine Fernreise, gar eine Weltreise trotz Corona? Für die meisten Menschen ist das angesichts von Grenzschließungen, Risikogebieten und Reisewarnungen aktuell undenkbar. Es gibt aber auch diejenigen, die sich trotz Pandemie aufgemacht haben oder ihre Langzeitreise nicht unterbrochen haben.

Da ist das Paar, das im Juli nach Tansania geflogen ist und das Land sehr intensiv erlebt. Da ist die siebenköpfige Familie, die mit ihrem Bus in Griechenland die Grenzschließung abgewartet hat. Und da ist das Paar, das ein Jahr unbezahlten Urlaub genommen hat und nun durch Europa statt Amerika reist.

Welche Gründe haben die Menschen für ihre Reisen? Und wie erleben sie die Corona-Krise unterwegs? Wie hat sie ihre Routen verändert? Der reisereporter hat mit ihnen gesprochen.

Tanja und Armin Vogelsang: Nur eine kurze Pause

2013 sind Tanja und Armin Vogelsang von Vancouver bis Feuerland gereist – doch anstatt die Reiselust zu stillen, führte die Tour nur dazu, dass sie mehr wollten. Also sparten sie Geld, um erneut auf Reisen zu gehen. Am 3. Juli 2019, lange vor Ausbruch der Corona-Pandemie, fuhren sie los, in ihrem ausgebauten Camper, mit dem Ziel Südafrika. 

Sie starteten in Europa – Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Griechenland, Türkei und ließen dann ihr Auto nach Alexandria verschiffen. Weiter ging es also in Afrika: Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Uganda, Demokratische Republik Kongo, Ruanda, Tansania. Dort kamen sie am 7. März 2020 an. 

Wegen Corona zurück nach Deutschland – aber nur für kurze Zeit

„Wir hatten ganz lange den Plan, Corona in Afrika beziehungsweise in Tansania auszusitzen“, erzählt Tanja Vogelsang dem reisereporter. Bei der Einreise sei das Thema auch noch nicht sehr präsent in Ostafrika gewesen. „Als sich die Lage in Deutschland dann aber zuspitzte, wurden wir unruhig“, so die 44-Jährige. Auch in Subsahara-Afrika wurde die Pandemie größer: Erste Länder kündigen Lockdowns an. 

 „Wir stellten uns die Frage, ob wir es aushalten würden, drei bis sechs Monate in einem Land festzusitzen. Wir haben diese Frage beide mit Nein beantwortet und so buchten wir uns dann einen Heimflug.“ Am 29. März war das Kapitel Weltreise erst einmal beendet: Mit einem regulären Linienflug ging es zurück nach Deutschland. 

Gefühlschaos nach der Heimkehr – erneuter Aufbruch nach Tansania

„Wir hatten erst einmal Gefühlschaos. Wir hatten in Deutschland alles aufgegeben, keine Wohnung und keine Arbeit mehr.“ Sie zogen in die Einliegerwohnung von Armins Mutter und überlegten, wie es nun weiterginge. Bewerbungen schreiben? „Wir haben uns ein paar Wochen Zeit genommen und gemerkt, dass wir einfach nicht möchten, dass unser Traum vorbei ist“, sagt Tanja. 

Das Glück der beiden: Sie hatten ihr Auto in Tansania gelassen und Tansania war eines der ersten Länder in Afrika, die wieder für Touristen geöffnet haben. Mitte Juli flogen sie also zurück und setzten ihre Tour fort. 

Das Ziel der Weltreise ist Südafrika

Das Ziel Südafrika ist geblieben, doch die Route wird sich wohl nach aktueller Lage ändern. Sie hoffen, dass sie als Nächstes nach Sambia können, dort ist eine Einreise via Luft zwar möglich, die Landgrenzen sind aber noch geschlossen. Welche Länder wann öffnen, das werde sich zeigen, so Tanja. Ihre Wunschroute wäre es, noch Sambia, Malawi, Simbabwe, Mosambik, Botswana, Namibia, Eswatini (Swasiland), Lesotho und Südafrika zu besuchen.

Sie reisen jetzt deutlich langsamer als zuvor, „aber gerade in Tansania empfinden wir das als sehr schön. Wir genießen es, das Land und die Menschen besser kennenzulernen. Wir erleben das Reisen momentan sehr intensiv und sind sehr glücklich dabei.“ 

Von einem weiteren Traum haben sich Tanja und ihr 41-jähriger Mann schon nahezu verabschiedet: Eigentlich sollte es von Südafrika nach Südamerika gehen, ein weiteres Jahr wollten sie dort reisen. „Das wird wohl nichts mehr werden.“

Tino Pätzold: Mit 5 Kindern und Hund im Bus unterwegs

Fünf Kinder, zwei Erwachsene, ein Hund: Tino Pätzold ist mit seiner Familie seit Mitte 2018 unterwegs. Sie leben in einem ehemaligen Polizeibus, den sie Frieda getauft haben. Der Wunsch, die Kinder auf Reisen aufwachsen zu sehen, kam den Eltern 2016. Sie merkten während einer zweimonatigen Tour durch Asien, wie gut ihnen das Unterwegssein tue. 

„Wir wollten den Kindern zeigen, wie schön unsere Welt ist. Wie gut es funktioniert, wenn man einfach auf Menschen zugeht, auch wenn man ihre Sprache nicht spricht. Wie viele andere Lebenswege als den ‚Eigenheim plus Fünf-Tage-Woche‘-Weg es gibt. Und vor allem: Mit wie wenig man glücklich sein kann“, das schreibt Tino dem reisereporter. Die Familie reiste in den vergangenen zwei Jahren durch Osteuropa, durch Rumänien, Bulgarien, der Türkei, Georgien und den Iran. Die zwei Winter verbrachten sie in Griechenland.

Die Familie von Tino Pätzold ist seit zwei Jahren im alten Polizeibus unterwegs.

Und im Frühjahr 2020 sollte es eigentlich Richtung Indien und Nepal gehen. „Tja, daran erinnern jetzt nur noch abgelaufene Visa in den Reisepässen“, so Tino. Denn die Corona-Krise wirbelte die Pläne der Reisefamilie ganz schön durcheinander. „Wir waren in Griechenland, als die Welt auf einmal anfing, kopfzustehen, und haben dort dann auch die ganze Zeit des Lockdowns verbracht“, erzählt der Vater. Das sei ein glücklicher Umstand gewesen, denn die Lage sei abseits der Städte sehr entspannt gewesen. „Da alle Landesgrenzen geschlossen waren, meinte die Polizei nur zu uns, wir sollen schön allein irgendwo bleiben und gut ist. Wir verbrachten also einen sehr ruhigen Robinson-Frühling am Meer, das wir nur verließen, wenn die Lebensmittel mal knapp wurden.“

Natürlich hätten sie sich auch Gedanken gemacht, wie es weitergehen sollte. „Aber wir sind sehr schnell zu dem Punkt gekommen, dass es in Deutschland auch nicht anders wäre als in Griechenland – im Gegenteil, es wäre kälter, mit viel mehr Menschen und viel mehr von den Dingen, die wir froh waren, erst einmal hinter uns gelassen zu haben.“ Bereut haben sie den Schritt nicht.

Nachdem Mitte Juni die Grenzen langsam wieder aufmachten, fuhren sie nach Bulgarien. Wie es nun weitergeht? Der Plan, irgendwann weiter Richtung Osten zu reisen, stehe nach wie vor. „Wir wollen am liebsten mindestens noch einmal bis in den Iran, aber die Grenzen dort sind noch geschlossen. Über die Länder noch östlicher, also Pakistan und Indien beispielsweise, braucht man ja noch gar nicht nachzudenken im Moment.“ Die Familie will daher den Herbst in der Türkei verbringen, bleibt aber flexibel. „Planen ist ja im Moment nicht wirklich möglich. Daher genießen wir einfach und freuen uns über jeden Tag, den wir so unbeschwert gemeinsam als Familie verbringen können.“

Sonja und Dietmar Schneider: Routen-Änderung durch Corona

Ende März sollte es für Sonja und Dietmar Schneider losgehen, ein Jahr um die Welt. Die Eigentumswohnung war verkauft, die Übergangs-Wohnung und Jobs waren gekündigt, die Flüge nach Mexiko gebucht. Von dort aus sollte es bis Patagonien gehen, dann nach Neuseeland und Australien und am Ende nach Asien. Dann kam Corona. 

„Ausgeträumt und total verzockt – es hat sich zunächst echt übel angefühlt“, berichtet Sonja Schneider dem reisereporter. Doch die beiden haben direkt nach Lösungen gesucht: „Die Reise zu verschieben klingt einfach und logisch, doch das war in unserer Situation kaum möglich“, sagt die 37-Jährige.

Sie hatte ein Jahr unbezahlten Urlaub genommen, den sie um drei Monate verschieben konnte, der Mietvertrag zur Übergangs-Wohnung konnte verlängert werden und Dietmar, der seinen Job gekündigt hatte, verbrachte seine Zeit als freiwilliger Einkaufshelfer. Also Prinzip Hoffnung für den Sommer.

Corona sorgte für eine Planänderung: Europa statt Amerika

Statt Nord- und Südamerika steht jetzt erst einmal Europa auf dem Plan. „Auch wenn wir alles andere als Europa geplant hatten, sind wir nun froh, dass wir uns nicht aufhalten lassen haben. Jetzt oder nie – einfach das Reisen genießen“, sagt Sonja. „Die Panik um Corona hat uns von Anfang an eher genervt als gelähmt.“

Ende Juni ging es los, mit dem eigenen Auto, von Offenburg nach Slowenien, Kroatien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, aktuell sind die beiden in Skopje. Das nächste Ziel: Albanien. Noch rund acht Wochen wollen sie im Balkan bleiben, sich das Kosovo und Serbien anschauen.

„Wir halten an unserem Traum fest“: Nächster Stopp Mexiko oder Costa Rica

Anfang November wollen sie den Kontinent wechseln und nach Nordamerika – Costa Rica oder Mexiko soll es werden. „Alles noch ungewiss und wir müssen die Lage in den Ländern beobachten, aber wir halten an unserem Traum fest“, sagt Sonja. 

Das Spezielle an ihrer Langzeitreise: Sie haben das Motto „Run the Globe“ ausgegeben, und nachdem sie in den vergangenen Jahren schon an Lauf-Events im In- und Ausland teilgenommen haben, sollte das auch im Zentrum ihrer Weltreise stehen. „Zunächst sah es nicht danach aus, dass irgendwo etwas statfinden würde. Doch am 1. August sind wir beim ‚Budapest Night Run‘ den Halbmarathon gelaufen – ein fantastisches Erlebnis, am Ufer der Donau zu laufen.“ Auch in Bulgarien konnten sie laufen: 8,8 Kilometer beim Lukovit Road Run und einen Halbmarathon in Stara Zagora. 

Für Sonja und ihren 45-jährigen Partner war klar, dass Covid-19 ihren Traum von der einjährigen Reise nicht beenden wird: „Reisen macht frei und schenkt einem so viele tolle Erfahrungen – auch in der Corona-Zeit. Wir genießen jeden Tag.“

Stephanie Billensteiner Ott: USA mit Kindern und Campern

Im Februar erfüllten sich Stephanie und Pascal Billensteiner Ott einen Traum: Gemeinsam mit den Töchtern Theresa (3) und Charlotte (6) machten sie sich auf – und begannen ihre Weltreise. London, Abu Dhabi, Singapur, Malaysia.  

„Im Februar war ja irgendwie alles noch nicht so wild und wir hatten auch schon unser Haus verkauft, gekündigt und die Kinder von der Kita abgemeldet“, erzählt Mama Stephanie dem reisereporter. Eine wirkliche Alternative habe es aber ohnehin nicht gegeben, immerhin wird Charlotte im nächsten Jahr eingeschult. 

Aus zwei Wochen Lockdown in Malaysia wurden fünf Monate

Die vierköpfige Familie war gerade in Malaysia, als der Lockdown verkündet wurde. „Wir waren so naiv und dachten, dass wir die 14 Tage in Kuala Lumpur einfach aussitzen.“ Die Kinder durften sich noch was im Spielzeugladen aussuchen und die Familie stellte sich auf zwei Wochen in ihrem Apartment ein. Doch dann kamen immer wieder Verlängerungen. 

Erste Überlegungen, in die USA zu fliegen, wurden verworfen – immerhin wollten die vier Mitte August Pascals Sohn in Tokio treffen. „Deshalb sind wir in Asien geblieben“, berichtet Stephanie. 

Aufgeben war keine Alternative – also planten sie wegen Corona um

Auch wenn sie an Abbrechen dachten, so kam der Zeitpunkt, an dem ihnen bewusst geworden sei, dass die Aussitzerei dann umsonst gewesen wäre – und zu Hause in Deutschland hatten sie ohnehin nichts mehr. „Also war klar, dass wir irgendwie weitermachen werden.“  

Der Plan reifte: Die USA würden nun doch das nächste Ziel, denn viele Auswahlmöglichkeiten hatte die Familie wegen der Corona-Pandemie und geschlossener Grenzen nicht. „Es zeichnete sich ab, dass die Länder in der Umgebung hier geschlossen bleiben. Nach Rücksprache mit Freunden, die in den USA leben, haben wir gesagt: Gut, wir machen das.“ So flogen sie nach fünf unfreiwilligen Monaten über Tokio nach Los Angeles. 

Neustart in den USA: Mit dem Wohnmobil durch den Westen

Auch wenn die USA stark betroffen seien, dürfe man nicht vergessen, wie groß das Land sei. „Wir haben Situationen hier unterschiedlich erlebt. In Kalifornien war es am Strand sehr entspannt, aber es gab kein Frühstück und die Pools hatten geschlossen. In Nevada gilt Maskenpflicht, aber Dine-in ist erlaubt und die Pools geöffnet.“ Besonders für die Kinder sei es in Kalifornien hart gewesen. 

Nun ist die Familie in Utah unterwegs, direkt nach der Ankunft in Los Angeles haben sie sich ein Wohnmobil gekauft, mit dem sie nun umherreisen. Auch wenn die USA nicht auf ihrem ursprünglichen Plan stand, sind sie nun zufrieden. „Hier ist es auch sehr entspannt und wir fühlen uns sehr wohl und wesentlich freier als in Malaysia. Der Plan war ein anderer, aber man muss flexibel sein und es ist nun mal so, wie es ist.“

Bis Ende Oktober will die Familie noch in den USA bleiben und so lange werden sie den Westen des Landes erkunden. Eine Route gibt es nicht. Und auch kein Ziel für die Zeit danach, immerhin wüsste man noch nicht, wohin sie dann überhaupt könnten und wollten. „Pläne machen wir nicht mehr, es kommt eh anders, als man plant, in Zeiten wie diesen.“