Insolvenzen, Staatskredite und Millionen Miese: Die Coronavirus-Pandemie hat die Wirtschaft ordentlich auf den Kopf gestellt. Neben etablierten Branchenriesen wie Tui und Lufthansa haben auch etliche Travel-Start-ups mit den Folgen der Krise zu kämpfen. Zwar ist Reisen mittlerweile wieder erlaubt, aber nicht jedes Geschäftskonzept ist auf Social-Distancing-Urlaub in Europa ausgelegt.

Und trotzdem geht es einigen Jung-Unternehmen in der Krise besser als so manch einem alten Hasen in der Reisebranche, so scheint es. Aber: Wie bahnt man sich den Weg aus der Krise? Der reisreporter hat mit drei jungen Unternehmen über ihre Reise durch die Corona-Zeit gesprochen – und dabei viel über Mut, Kreativität und Optimismus gelernt. 

„Midnightdeal“: Ein Konzept, dem Corona in die Karten spielt

Ein Buchungsportal, das Spaß macht – das wollte der Österreicher Lukas Zirker gemeinsam mit seinem Team erschaffen. Das Ergebnis ist die 2017 gestartete Plattform midnightdeal.com. Dort können User die Hotel- und Wellness-Angebote entweder sofort buchen oder mit einem eigenen Preis darauf bieten, ähnlich wie beim Online-Auktionshaus Ebay. Mit diesem Konzept expandierte das Unternehmen bereits nach Deutschland: Es gibt neben dem Hauptstandort in Wien seit Anfang 2020 auch ein Büro in München. Und dann kam Corona.

Hallo Lukas, du bezeichnest euch gewissermaßen als „Gewinner der Pandemie“. Warum siehst du das so?

Lukas Zirker: Weil wir unseren Fokus auf Urlaub mit Eigenanreise gelegt haben – und das boomt ja seit Corona noch mehr.

Lukas Zirker von „Midhtnightdeal“.

Also hattet ihr keinerlei Nachteile durch die Coronavirus-Pandemie?

Lukas Zirker: Natürlich haben auch wir erst mal einen Dämpfer durch die Pandemie erlebt. Vor Corona sind wir richtig durchgestartet – und dann gab es erst mal jede Menge Stornierungen. Seitdem Reisen aber wieder möglich sind, verzeichnen wir sogar ein nicht unerhebliches Umsatzplus im Vergleich zum Vorjahr. Konkret sprechen wir da von 150 Prozent trotz sinkender Werbepräsenz.

Was denkst du, woran die große Resonanz liegt?

Lukas Zirker: Ich denke, wir sind mit unserer Nische am Zahn der Zeit, und der Trend in Richtung Heimaturlaub beziehungsweise Urlaub mit Eigenanreise wird sich auch in den kommenden Jahren weiter durchsetzen.

Was genau bietet ihr denn für Reisen an?

Lukas Zirker: Vor der Krise hatten wir auch viele Städtereisen in ganz Europa im Angebot. Mittlerweile fokussiert sich der Markt auf Österreich, Deutschland, Italien und Kroatien.

Was könnten etablierte Reiseunternehmen von euch lernen?

Lukas Zirker: Der klare Vorteil eines Start-ups ist die Agilität. Wir können sehr schnell und flexibel auf neue Situationen reagieren und unser Konzept neu anpassen. Etablierte Unternehmen haben es da schon schwerer, da hängt viel mehr dran und sie sind oft sehr festgefahren in ihrer Arbeitsweise.

Und welche Innovation bräuchte die Reisebranche generell mal?

Lukas Zirker: Es braucht gar keine unglaublich innovativen Konzepte für die Branche. Ich glaube, es würde schon viel ausmachen, wenn die Anbieter sich auf verfügbare Reiseziele konzentrieren und dem Kunden alle wichtigen Infos transparent zur Verfügung stellen – gerade in einer solchen Situation, wie wir sie gerade haben. Abgesehen davon stelle ich mir mehr Fokus auf personalisierte Reisen interessant vor.

„Joinmytrip“: Hoffnungsvoll durch die Corona-Krise 

Wenn zwei Vollblut-Reisefans ein Travel-Unternehmen gründen, dann steckt sehr viel Herzblut darin. „Joinmytrip“ ist so ein Start-up. Und Gründer Niels Mueller-Wickop hat gemeinsam mit Freund Valentin Funk eine Plattform geschaffen, auf der sich Reisejunkies wohlfühlen. Das Konzept: Jeder kann sich in der Community anmelden und entweder als Tripleader eine Reise anbieten, an der dann andere teilnehmen können, oder sich einer angebotenen Reise anschließen. Das Ganze wurde allerdings schwierig, als die Pandemie ausbrach.

Hallo Niels, Ihr habt euch voll und ganz dem Reisen verschrieben. Warum?

Niels Mueller-Wickop: Reisen ist für viele ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Anders als unsere Eltern damals reisen wir weiter weg und wünschen uns meistens mehr vom Urlaub als die reine Entspannung. Vor allem Fernreisen sind auch für die Gesellschaft besonders wichtig. Es hilft, wenn man weiß, was auf der anderen Seite der Erde so los ist und welche Werte dort wichtig sind.

Niels und Valentin haben „Joinmytrip“ gegründet.

Wie habt ihr die Krise bisher erlebt?

Niels Mueller-Wickop: Als Start-up hatten wir den Vorteil, dass wir flexibel auf die neuen Herausforderungen durch die Coronavirus-Pandemie reagieren konnten.

Und wie seid ihr damit umgegangen, dass Reisen wochenlang komplett tabu waren?

Niels Mueller-Wickop: Als niemand reisen konnte, war die Aktivität auf unserem Portal natürlich auch gering. Aber: Einige haben trotzdem weiter Reisen angeboten für Herbst und Winter dieses Jahres. Die Hoffnung war also selbst zum Höhepunkt der Pandemie da.

Und wie sieht das mittlerweile aus? 

Niels Mueller-Wickop: Aktuell sind die User bei uns natürlich auch weniger aktiv, wenn es um Fernreisen geht, und das halte ich auch für vernünftig. Innereuropäisch bewegen wir uns schon fast wieder auf „Vor-Corona-Niveau“.

Auf eurer Plattform können Privatleute als Reiseleiter Urlaube für ganze Gruppen gestalten. Wie garantiert ihr die Sicherheit der Reisenden?

Niels Mueller-Wickop: Grundsätzlich kann jeder Tripleader werden – also eigene Reisen anbieten, an denen andere dann teilnehmen können. Aber natürlich prüfen wir die Angebote auch und schauen uns an, was die Person sonst noch so macht. Ein Abiturient, der bei seiner ersten Arktisreise direkt Leader sein will, wird damit beispielsweise nicht durchkommen.

Was waren denn die kuriosesten Anfragen, die ihr bekommen habt?

Niels Mueller-Wickop: Bei Reisen in den Sudan oder den Iran etwa werden wir hellhörig und prüfen dann ganz genau, was dahintersteckt. Und am Ende haben wir schon oft dazugelernt, dass auch dort sicheres Reisen möglich ist.

Was könnten sich etablierte Unternehmen bei euch abgucken?

Niels Mueller-Wickop: Ich glaube, das Problem vieler konservativer Unternehmen ist, dass sie zu versteift auf die Arbeitsweise sind, die sie schon seit Jahrzehnten anwenden. Es würde ihnen guttun, sich mehr auf Start-ups einzulassen.

Wünsch dir was: Wie könnte sich die Reisebranche durch Corona zum positiven verändern?

Niels Mueller-Wickop: Ich hoffe, dass es nach Corona nicht einfach so weitergeht wie bisher. Im Gegenteil: Vielleicht kann die Pandemie ja einen Anstoß dafür geben, dass wir dann bewusster und nachhaltiger reisen, uns auch vor Ort mit den Menschen und Lebensumständen befassen und lokale Unternehmen unterstützen.

„Querido Mundo“: Kreativität statt Kopf in den Sand

Andrea Babilon und Joanna Krupa lernen sich im Jahr 2013 bei einem Promotionjob kennen. Die eine ist studierte Kulturwissenschaftlerin, die andere hat gerade ihr Maschinenbau-Studium beendet. Und sie merken schnell: Die Wellenlänge stimmt. Denn ein Nine-to-five-Job, der ist für beide nicht das richtige.

Stattdessen wollen sie reisen, am liebsten in Lateinamerika. Also fangen sie einen Job als Reiseleiterin an. Nach drei Jahren wagen sie dann den Schritt in die Selbstständigkeit. Das ist die Geburtsstunde des Travel-Start-ups Querido Mundo. Corona sorgt allerdings dann für einen Stillstand.

Hallo Joanna, wie geht es euch beiden aktuell?

Joanna Krupa: Aktuell arbeiten wir beide aus dem Homeoffice – Andrea aus Köln und ich aus Vancouver. Das ist schon ein Abenteuer, denn sie hat ein kleines Kind, und wir müssen mit neun Stunden Zeitunterschied immer in Randzeiten miteinander telefonieren. Aber es funktioniert gut.

Andrea Babilon (links) und Joanna Krupa, Gründerinnen von „Querido Mundo“.

Ihr bietet Gruppenreisen nach Lateinamerika an. Was hat sich bei euch durch die Pandemie verändert?

Joanna Krupa: Durch Corona können wir aktuell keine Reisen anbieten, denn Mexiko, Kolumbien, Kuba und die Anden sind Risikogebiete und dementsprechend nicht bereisbar. Nachdem wir einen Monat erst mal die Entwicklung beobachtet haben, wurde uns schnell klar, dass wir uns etwas einfallen lassen müssen.

Und was ist dabei herausgekommen?

Joanna Krupa: Wir haben eine Staycation auf Social Media gestartet und mit Videos und Live-Koch-Sessions über Zoom unsere Community ausgebaut. Mittlerweile bieten wir auch Sprachkurse für Spanisch an – da hat uns ein Kunde drauf hingewiesen. Zusammen mit Live-Reportagen und Vorträgen, die wir auf unserer Website ausstrahlen, ist das aber aktuell unsere einzige Einkommensquelle.

Wie haben eure Nutzer auf das neue Angebot reagiert?

Joanna Krupa: Wir bekommen unglaublich viel positives Feedback und liebe Worte auf Social Media, dafür sind wir sehr dankbar. Was wir aber auch merken: Durch unsere Livestreams werden wir für unsere Community nahbarer und sie lernen uns gleich ein wenig kennen.

Jetzt ist Corona ja noch lange nicht vorbei. Wie wollt ihr langfristig mit der Pandemie umgehen?

Joanna Krupa: Wir sind uns in einem sicher: Reisen ist und bleibt unsere große Leidenschaft. Und das Reisen wird auch in Zukunft wichtig bleiben, denn es gibt einem Menschen so unglaublich viel: Respekt, Offenheit, Lebensfreude. Sollte Lateinamerika als Reiseziel coronabedingt allerdings noch ein paar Monate ausfallen, dann werden wir uns umorientieren und Europa in den Blick nehmen. Auch in Spanien, Portugal und Italien findet man die Lebensfreude und Leichtigkeit, die Lateinamerika so besonders machen.

Und was können etablierte Unternehmen von eurer Reaktion auf die Pandemie vielleicht lernen?

Joanna Krupa: Unser Vorteil gegenüber etablierten Reiseunternehmen: Wir haben noch keine Mitarbeiter und wenige Fixkosten, können also mit weniger Risiko flexibel reagieren. Was große Konzerne aber von uns lernen könnten? Näher am Kunden agieren und auch mal das Feedback von den Kunden einholen, wenn es um neue Reiseziele und Angebote geht. Und Kreativität ist in Corona-Zeiten wichtiger denn je. Man muss eben auch mal um die Ecke denken und neue Ansätze zulassen.

Was wünscht ihr euch für das Reisen nach Corona?

Joanna Krupa: Wir haben ein großes Problem mit Massentourismus. Klar gibt es viele Menschen, die diese Reiseart mögen, aber für uns ist das nichts. Und ich würde mir wünschen, dass in Zukunft mehr Menschen individuell reisen und sich auch mit den Menschen vor Ort beschäftigen, bei kleinen Betrieben übernachten und essen und davon am Ende auch was mit nach Hause nehmen.