In diesem Teil von Schottland ist die Welt noch in Ordnung, scheint es. Das könnte daran liegen, dass man ohnehin auf ganz andere Dinge achtet. Die Landschaft hier rund eine Flugstunde von der Hauptstadt Edinburgh entfernt ist weit und sehr malerisch.

Grüne Wiesen wechseln sich ab mit Wasser, in dem sich bei klarem Wetter die Sonne spiegelt. Abends wölbt sich ein orangerot gefärbter Himmel über dem Land. Sanfte Hügel und gewaltige Steilküsten formen die Inseln. Die Aussichten, Schafe zu sehen, tendieren 365 Tage im Jahr gegen 100 Prozent – egal, wie kurz ein Ausflug auch sein mag. 

Yesnaby im Westen Mainlands ist bekannt für seine meterhohen Klippen aus Sandstein.


Auf Orkney, das die Einwohner niemals als „die Orkneys“ bezeichnen, weil ihnen das viel zu despektierlich klingt, sind die Sorgen und Nöte des übrigen Großbritanniens weit weg. Man hat seine eigenen. Zum Beispiel die Rush Hour in der 9.000 Einwohner zählenden Inselhauptstadt Kirkwall. Wie stark der Verkehr am nächsten Morgen sein werde, wisse hier niemand, heißt es im Hotel auf die Nachfrage nach dem Weg zum Flughafen. Am nächsten Morgen ist klar: Der Verkehr gleicht in etwa dem auf einem Supermarktparkplatz in einer katholischen Region am ersten Weihnachtstag. Man muss Autos suchen, um überhaupt eines zu finden.

Einheimische haben eigenen Dialekt

Lorna Brown ist vor sieben Jahren von der nördlichen Insel Westray nach Mainland gezogen. Ein großer Schritt – nicht nur, weil man dafür zwangsweise ein Boot benötigt. „Die Inseln führen ihr Eigenleben“, sagt Brown. Das birgt in ihrem Fall den Nebeneffekt, dass sie sich bis heute einen Dialekt bewahrt hat, der auf Mainland sonst eher selten zu hören ist. Silben werden zum Ende des Satzes hin nach oben gezogen, das rollende „R“, das im Süden Schottlands manchmal zu hören ist, fehlt eher.

Einmal Postkarte, bitte: Der Hafen von Kirkwall ist reif fürs Bilderbuch.


Westray mag nicht weit entfernt liegen, doch die anderen Inseln wirken hier wie andere Kontinente – selbst wenn sie zur selben Verwaltungseinheit gehören. 20 der insgesamt 70 Orkney-Inseln sind bewohnt; jede auf ihre Weise.
Brown hat sich nach ihrem Umzug mit ihrer Tochter Carrie selbstständig gemacht und fährt seitdem Touristen auf Mainland – vor allem zu den historischen Sehenswürdigkeiten der Insel.

Wikinger hinterließen eingeritzte Graffiti

Eine Reihe von jungsteinzeitlichen Hinterlassenschaften hat Teilen der Orkney-Inseln den Status eines Weltkulturerbes eingebracht. Maeshowe ist eine davon. Das Hügelgrab auf einem Acker unweit der Hafenstadt Stromness ist rund 5.000 Jahre alt. Zur Wintersonnenwende am 21. Dezembers scheint ein Sonnenstrahl durch den schmalen Gang direkt in die Grabstätte. An allen anderen Tagen ziehen vor allem die Wände das Interesse auf sich, die dann allerdings nur mithilfe einer Taschenlampe richtig zu sehen sind: Wikinger verewigten sich hier im 12. Jahrhundert mit eingeritzten Graffiti.

Graffiti aus dem 12. Jahrhundert: Wikinger haben sich im Hügelgrab Maeshowe verewigt.


Es ist nicht mehr ganz genau zu ermitteln, wann sie auf den Orkney-Inseln Fuß fassten. Fest steht: Sie taten es irgendwann zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert, und sie hinterließen nachhaltige Spuren. Nicht nur die Flagge der Inseln, rot mit einem gelb umrandeten blauen Kreuz, erinnert an Norwegen. Die ganze Mentalität tut es.

Wir sind schottisch, aber fühlen uns Skandinavien verbunden.

Lorna Brown, Touristenführerin

„Wir sind schottisch, aber fühlen uns Skandinavien verbunden“, beschreibt es Tourführerin Brown. Das führt nicht nur dazu, dass vor Weihnachten das skandinavische Lichterfest gefeiert wird, es gibt auch zu anderen Zeiten Direktflüge nach Bergen in Norwegen. Zu Schottland gehören die Orkney-Inseln genau genommen erst seit dem Jahr 1468. Und das ist in einem Teil der Welt, in dem Zeit eine eher untergeordnete Rolle spielt, nicht sonderlich lang her.

Bestimmung von Steinkreis ist ungeklärt

Der Ring of Brodgar ist so etwas wie das Stonehenge Schottlands – ein Steinkreis aus 27 Megalithen, entstanden wahrscheinlich in der Zeit um 2500 bis 2000 vor Christi. So genau können es Forscher bislang nicht sagen, sie fanden jedoch heraus, dass es ursprünglich einmal 60 Steine gewesen sein müssen. Genauso wenig sind sie sich bislang sicher, wozu man auf einer einsamen Inselgruppe überhaupt 60 Steine aufgestellt haben mag. Es wird wohl astronomische oder religiöse Gründe gehabt haben, vermuten viele.

Das Stonehenge der Orkneys: der Steinkreis Ring of Brodgar.


Eindeutiger ist da die Nutzung der früheren Siedlung Skara Brae in bester Küstenlage im Westen Mainlands. 1850 entdeckten Bewohner der Umgebung in einer Düne Häuserreste. Nach Ausgrabungen war klar: Sie waren auf ein kleines Dorf gestoßen, in dem hier zwischen 3100 und 2500 vor Christi Menschen gelebt haben müssen. Neun Häuser sind es insgesamt, die Besucher inzwischen bei einem Rundgang von oben betrachten können.

Skara Brae gilt als Pompeji Schottlands

Skara Brae ist aus Sicht von Archäologen die besterhaltene Siedlung der Jungsteinzeit in Europa. Das brachte ihr auch den Beinamen Pompeji Schottlands ein. Egal, ob man sich für Geschichte interessiert oder nicht, die Aussicht auf die Küste dürfte jedem gefallen.

Skara Brae im Westen Mainlands, eine bei Ausgrabungen entdeckte vorzeitliche Siedlung, hat nur noch Museumscharakter.

Inseln sind ein Geheimtipp für Feinschmecker

Die eigentliche Überraschung aber kommt am Abend, in einem Pub am Hafen von Kirkwall. Helgi’s nennt er sich, und während sich mancher gedanklich beim Lesen dieses Namens schon mit Sodbrennen nach viel zu fettigen Fish and Chips abfindet, wird man wenig später eines Besseren belehrt: Was hier an Fisch und Meeresfrüchten auf den Tisch kommt, steht großen Restaurants in London, Paris oder anderen selbst ernannten Feinschmeckermetropolen in nichts nach. Ein Ausrutscher?

Am nächsten Tag wird deutlich: Das ist hier Alltag. Auch im Restaurant nebenan gibt es erstklassige Küche, ebenso in der Cafeteria eines Schmuckherstellers, im Pub an der Küste und anderswo. Wieso kommt jeder für prähistorische Hinterlassenschaften auf die Orkney-Inseln, aber niemand einfach nur zum Essen? Kirkwall und andere Orte mögen vom Faktor Nachtleben eher das Wanne-Eickel Schottlands sein; kulinarisch aber sind sie vielmehr so etwas wie das Paris Großbritanniens.

Kathedrale ist die nördliche Großbritanniens

Ein bisschen ist das auch baulich so: Ein großer rötlicher Bau bestimmt das Zentrum Kirkwalls. Die St.-Magnus-Kathedrale stammt aus dem 12. Jahrhundert und scheint auf den ersten Blick für einen Ort dieser Größe völlig überdimensioniert. 50 Meter ist sie hoch, das Kirchenschiff reicht weit hinein in die Hauptstadt, ist innen bestimmt von normannischen Säulen und einer Orgel, die über Konzertqualitäten verfügt.

Regelrecht opulent mutet die St.-Magnus-Kathedrale in Kirkwall an, der Inselhauptadt.


Gestiftet wurde der Bau von einem Neffen des heiligen Magnus, der in die Wirren zwischen Skandinaviern und Schotten verwickelt war. Ein Geschenk für die Bewohner Kirkwalls, denen der Bau seit 1486 auch offiziell gehört. Und damit die nördlichste Kathedrale Großbritanniens.

Vielleicht erklärt das ein bisschen die Gelassenheit, mit der hier der Hektik des Alltags widerstanden wird. Was bedeuten schon rote Ampeln an Landstraßen, wenn man Eigentümer einer Kathedrale ist? Und überhaupt: Wenn abends zwangsläufig etwas Gutes auf den Tisch kommt, verschwimmen die Probleme des Alltags von selbst.

Tipps für deine Reise auf die Orkney-Inseln

Anreise: Loganair bietet Direktflüge ab Edinburgh, Glasgow, Aberdeen und Inverness auf die Orkney-Inseln in Schottland an. Der Flug dauert meistens weniger als eine Stunde. Von Deutschland aus gibt es vor allem nach Edinburgh und Glasgow oft gute Zubringerverbindungen. Fähren fahren ab Aberdeen, Scrabster, Gills Bay und John o’Groats zu den Orkney-Inseln. Teilweise sind damit auch Tagestrips möglich.

Einreise: Großbritannien ist nicht Teil der Schengen-Zone, deswegen benötigen EU-Bürger einen Personalausweis oder Reisepass zur Einreise. Wegen Corona können sich die Einreisebedingungen kurzfristig ändern.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst. Im Winter schneit es zwar so gut wie nie, aber Wind und Regen können einen Aufenthalt noch mehr beeinträchtigen als zu anderen Jahreszeiten.

Unterkunft: Einfach am Hafen von Kirkwall: The Ayre Hotel, Ayre Road, Kirkwall.
Kleines Boutiquehotel in Kirkwall: The Storehouse, Bridge Street, Kirkwall.
Komfortable Apartments in Kirkwall: Northlight Apartments, Kirkwall.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Scotland. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.