Einmal kam zu Martin Maier eine Frau, die zu „diesem einen Prozent“ gehört, wie er das ausdrückt. Sie bot ihm zwei Millionen Euro. Der 32-Jährige saß gelassen auf seiner Holzbank vor dem Bootsschuppen, schaute auf den See mit Alpenpanorama und ließ die Frau hat reden. Sie gehörte zu jenen Superreichen, für die Geld keine Rolle spielt. Statistisch sind diese an seinem See häufiger zu finden als irgendwo sonst in der Bundesrepublik.

Starnberger See: Millionen Euro für den Seezugang

Die Frau bot Maier die Millionen für einen wenige Meter breiten Direktzugang zum Starnberger See in Ambach am Ostufer. Maier hat aber nicht verkaufen wollen. „Die Frau erhöhte den Preis, und irgendwann nannte sie mir einen zweistelligen Millionenbetrag“, sagt Maier in einem Ton, als ginge es um sein übliches Monatseinkommen als Starnberger Fischer.

Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen.

Martin Maier, Fischer


Maier hat der Frau geantwortet: „Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen.“ Damit war die Sache für ihn erledigt. Wo sonst hätte er auch abends nach dem Räuchern seiner Aale sitzen und den Sonnenuntergang gegenüber am Westufer des Starnberger Sees genießen sollen?

Man kann also getrost sagen: Um keinen Preis der Welt würde Martin Maier diesen Platz aufgeben. Auch die gerade einmal eine halbe Stunde entfernte Weltstadt München lockt ihn nicht, „im Sommer gleich gar nicht“, sagt er. Denn im Sommer fährt er in seinem umfunktionierten Bundeswehrsturmboot mit dem 30-PS-Motor noch mitten in der Nacht raus auf den See. Nur im Winter arbeitet er als Restaurateur.

Martin Maier ist Fischer am Starnberger See: Der Bayer hat einen Wels aus dem Wasser gezogen.

Starnberger See ist für manche Fischarten zu sauber

Wenn die Sonne aufgeht, ist er weit draußen mit dem Einholen der Netze beschäftigt, in denen zumeist Renken zappeln – anderenorts auch als Felchen oder Maränen bekannt. „Wenn ich aufblicke, spiegelt sich manchmal das grelle Tageslicht oben in der Zugspitze“, sagt Maier. Und dann erliegt er noch immer der Schönheit des flächenmäßig fünftgrößten deutschen Binnengewässers.

Dann blickt er auf das Ufer mit Wiesen und Laubwäldern, auf mondäne Villen, die hinter hohen Hecken hervorlugen, auf die spiegelglatte Oberfläche des bis zu 128 Meter tiefen Gewässers, in dem manche Fischarten seltener werden, weil der See so klar und sauber ist und diese lieber im Trüben schwimmen.

In solchen Momenten weiß Maier schon, dass er am Abend wieder auf seiner Bank sitzen und vielleicht mit ein paar Kumpeln grillen wird. Sie bekommen Fisch, er bevorzugt Steak. Den Fisch probiert er ja beruflich jeden Tag, wenn er die Qualität von Karpfen, Wels, Hecht, Brachse oder eben Renke kontrolliert.

Vor dem Bootsschuppen hat schon seine Mutter Doris gesessen und ebenso sein Opa Hans. Man kann noch ein paar Jahrhunderte weiter zurückgehen: Das Fischereirecht am See wird vererbt. Und wer immer in dem Haus auf der anderen Seite der Uferstraße wohnte, besaß auch den Seezugang.

Der Bootsschuppen am Starnberger See ist schon über mehrere Generationen im Besitz der Familie von Martin Maier.

Gut 30 Fischer gibt es noch am See, der bis 1962 Würmsee hieß. Früher waren sie verpflichtet, ihren Fang jeden Freitag beim Fischmeister abzuliefern. So waren die bayerischen Beamten betitelt, denen es oblag, die schmackhaftesten Flossentiere für die Hofküche auszuwählen.

Gasthaus Zum Fischmeister lockt Promis

Ein heute angeblich besonders bei Münchner Porsche-Fahrern beliebtes Gasthaus in Ambach heißt immer noch Zum Fischmeister. Hier begegnen Gäste schon mal dem knarzigen Schauspieler Josef Bierbichler, dessen Familie Ende des 18. Jahrhunderts den Hof übernommen und eine Schankwirtschaft eröffnet hatte. Renkenleber ist eine Spezialität auf der Speisekarte.

Auch noch andere berühmte Grantler waren am See zu Hause. Zum Beispiel bekam U-Boot-Fahrer, Bestsellerautor („Das Boot“) und Kunstliebhaber Lothar-Günther Buchheim nach endlosen Streitigkeiten 2001 in Bernried ein eigenes Museum für seine exquisite Expressionistensammlung. Die Ausflugsdampfer legen direkt vor dem schnittigen Gebäude an, das selbst einem Schiff nachempfunden ist.

Bayern-König Ludwig II. starb am See

Auf dem Weg in die Berge soll auch Ludwig II. gern im Gasthof Zum Fischmeister Rast gemacht haben. Überhaupt, der Bayern-Kini: Wer den Starnberger See auf der 50 Kilometer langen Fahrradroute umrundet, für den ist ein Kreuz vor dem Berger Schlosspark ein Pflichtstopp. „Zur Erinnerung an den 13. Juni 1886. Gewidmet von der Vereinigung Ludwig II. Deine Treuen“, lautet die Inschrift auf dem Kreuz. Weiter oben am Hang thront eine mächtige Votivkapelle.

In Gedenken an König Ludwig II. ist nahe Berg am Starnberger See eine Kapelle errichtet.


Dieser Ort erinnert an das mysteriöse Ende Ludwigs II.: Am späten Pfingstsonntagnachmittag brach er mit seinem Psychiater Bernhard Gudden zu seinem letzten Spaziergang auf. Die Leichen beider Männer fand man später am Ufer. War es nun Mord oder Selbstmord?

Bis heute ist dieser Tod ein Faszinosum geblieben. Ein paar Rosen schwappen im flachen Wasser zum Gedenken an den Märchenkönig, der mit seiner Schlösserbausucht Bayern an den Staatsruin gebracht hatte.

Auf Sisis Spuren in Possenhofen

Vielerorts trifft man auch auf die legendäre Sisi. Die spätere Kaiserin von Österreich-Ungarn verbrachte in Possenhofen am Westufer – so heißt es – unbeschwerte Kindertage.

In Possenhofen wandeln Besucher auf den Spuren von Sisi. Die spätere österreichische Kaiserin hat im Schloss ihre Kindheit verbracht.


Nahurlauber fühlen sich heute auf jeden Fall am See wohl, spätestens seit 1854 der Unternehmer Johann Ulrich Himbsel die Zugtrasse von München nach Starnberg bauen ließ. Direkt am Wasser entlassen die Bahnen die Erholungshungrigen an der Nordspitze der „Münchner Badewanne“.

Man findet aber immer noch ruhige Plätzchen, besonders am Ostufer. Andreas Schwabe, Spross einer schon im 19. Jahrhundert bekannten Apotheker- und Homöopathenfamilie, entdeckte hier seinen ganz persönlichen Lieblingsplatz, den er heute mit anderen teilt.

An so manchem Ort am Starnberger See haben Reisende noch die Chance, einsame Badestellen zu entdecken.

Für mich hatte das klare Wasser des Starnberger Sees schon immer eine ganz besondere Energie.

Andreas Schwabe, Hotelier

„Für mich hatte des klare Wasser des Starnberger Sees schon immer eine ganz besondere Energie“, sagt er. Und dann verliebte er sich Anfang der Neunzigerjahre in ein mehr als 50 Hektar großes parkähnliches Gelände mit einem verfallenen Gutshof mittendrin. Oder wie er sagt: in „eine Ruine für Millionäre“. Nach kräftezehrenden Scharmützeln mit Lokalpolitikern baute er den denkmalgeschützten Hof zum Biohotel um.

Mittlerweile verfügt das Schlossgut Oberambach über ein eigenes Regenwassersystem und eine Hackschnitzelheizung, befeuert mit Holz aus den eigenen Wäldern. Der Fisch kommt frisch aus dem See, und Salat und Gemüse werden vom Demeter-Feld vor der Tür geerntet.

Irgendwann dürfte auch die lange schon geplante Fotovoltaikanlage auf dem Dach genehmigt werden. Schwabe und seine Familie haben sich den Respekt der Einheimischen mit viel Hartnäckigkeit erworben. „Zuazongna“ gelingt dies keinesfalls immer am Starnberger See: Da muss man nur mal den Fischer Martin Maier auf seiner Bank am Ufer fragen.

Tipps für deine Reise an den Starnberger See

Anreise: Von München aus ist der Starnberger See in einer guten halben Stunde Autofahrt zu erreichen. S- und Regionalbahnen bringen Besucher vom Hauptbahnhof München nach Starnberg und nach Wolfratshausen.

Unterkünfte: Am Starnberger See gibt es eine Vielzahl an Hotels und Pensionen. Das Biohotel Schlossgut Oberambach etwa liegt in einer Parkanlage. Bei gutem Wetter frühstückt man draußen mit Blick auf See und Alpen.

Attraktionen: Das Buchheim-Museum der Phantasie (Am Hirschgarten 1, Bernried) beherbergt die Expressionistensammlung des Namensgebers. Das Museum Starnberger See (Possenhofer Straße 5, Starnberg) informiert über die regionale Geschichte – inklusive des letzten Prunkboots der Wittelsbacher. Ein Teil der Exponate ist in einem ehemaligen Fischerhaus untergebracht.

Literatur: Im Reisebuch „Oberbayerische Seen“ sind einige Kapitel dem Starnberger See gewidmet (16,90 Euro, Michael Müller Verlag). Lebensprall erzählt Josef Bierbichler in seinem Roman „Mittelreich“ (10 Euro, Suhrkamp) über drei Generationen im 20. Jahrhundert am See. Bis heute wohnt der Autor im Gasthof Zum Fischmeister in Ambach, der seiner Familie gehört.

Die Reise wurde unterstützt vom Schlossgut Oberambach. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.