Volle Strände, Beach-Partys und lange Schlangen in den Innenstädten europäischer Metropolen – mit einem Blick auf Fotos von beliebten Urlaubszielen könnte man fast meinen, die Coronavirus-Pandemie ist überstanden. Die Realität jedoch sieht etwas anders aus: Weltweit steigen die Infektionszahlen wieder an, in einigen Ländern droht die Lage sogar wieder außer Kontrolle zu geraten – nicht selten auch, weil sich Touristen nicht an die Regeln halten.

Während in Deutschland wieder zu mehr Vorsicht aufgerufen wird, strömen zahlreiche Menschen weiter an die deutsche Küste, reisen ungeniert in Risikogebiete oder tummeln sich dicht an dicht am nächsten Badesee. Oder feiern Strandpartys in Kroatien. Und das auch dann, wenn es an dem Ort offenkundig schon voll ist. Abstandsregeln und Maskenpflicht? Oft Fehlanzeige. 

Wir Deutschen sind Weltmeister im Reisen. Deswegen können wir auch nicht einfach so damit aufhören.

Albert Gebert, Professor für Psychologie und Soziologie

Aber warum sind wir eigentlich so? Ist das jugendlicher Leichtsinn, der auch bei Erwachsenen durchschlägt, oder purer Egoismus? Oder verdrängen wir Menschen, wenn wir aktuell auf Reisen gehen, schlichtweg die Gefahr durch die Pandemie? 

Aktuelle Deals

Albert Gebert, Professor für Psychologie und Soziologie an der Fachhochschule des Bundes in Münster, hat eine andere Erklärung für die ungebremste Reiselust einiger Menschen: „Wir Deutschen sind nun einmal Weltmeister im Reisen. Deswegen können wir auch nicht einfach so damit aufhören.“ Das sei, so erklärt der Professor es, wie bei einem eingetretenen Trampelpfad durch einen Urwald: Es fällt schwer, plötzlich neue Wege zu gehen.

Und so überrascht den Psychologen auch die Tatsache, dass sich das Coronavirus derzeit vermehrt unter jungen Menschen ausbreitet, kaum. Er unterhalte sich derzeit viel mit seinen Studenten über die aktuelle Situation. Das Fazit aus all diesen Gesprächen: Die jüngere Generation gehe sehr locker mit der Pandemie um. 

 „Hirnlosigkeit“ im Urlaub ist keine Ausnahme

„Manche von ihnen glauben erst gar nicht, dass es Corona überhaupt gibt. Und andere glauben, dass sie immun sind und das Coronavirus ihnen nichts anhaben kann.“ Es herrsche ein regelrechtes Gefühl der Unbesiegbarkeit vor. Und dieses Gefühl, das anscheinend eine komplette Generation verbinde, lasse den Gedanken an das Virus nicht selten einfach verblassen. „Da kommen auch schon mal Sprüche wie ‚Bier hilft gegen Corona‘ und so was“, erzählt Gebert. 

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

Der Münchner Tourismusforscher Jürgen Schmude hingegen spricht von einer regelrechten „Hirnlosigkeit“. Es sei ein bekannter Effekt, dass Reisende ihre Augen im Urlaub gerne vor Problemen und Krisen verschließen. Und die Coronavirus-Pandemie ist da wohl keine Ausnahme. Außerdem hätten das Abflauen der ersten Welle und die Lockerungen in Deutschland dazu geführt, dass viele Menschen eine  „Es ist ja nicht mehr so schlimm"-Einstellung an den Tag legten. 

Und das Ergebnis einer solchen Einstellung sehen wir aktuell an Stränden in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden. Spanien ist mittlerweile wieder Risikogebiet, die Infektionszahlen in Kroatien und Griechenland steigen wieder deutlich an. Und leichtsinnige Touristen sind an dieser Entwicklung nicht unbeteiligt.

Ein kleiner Fleck vom großen Strand

Den meisten Urlaubern allerdings dürfte nicht einmal bewusst sein, dass sie dazu beitragen, dass Orte überlaufen sind und die Einhaltung der Abstandsregeln damit nahezu unmöglich wird. Professor Gebert erklärt das nämlich so: „Die Gefahr eines überfüllten Strandes sehen die Leute oft nicht. Im Gegenteil: Wer noch einen Platz ergattern kann, der hat gefühlt auch das Recht auf dieses Fleckchen am Meer.“ 

Mit dem Hintergrund eines gewissen Egoismus, der in jedem Menschen stecke, beginne dann eine Art Rechtfertigung vor einem selbst. Der Badegast denkt sich dann etwa: „Da passt mein Handtuch noch hin, mehr will ich ja gar nicht.“ Damit liegt der Fokus so sehr auf dem eigenen kleinen Fleck, dass der ingesamt überfüllte Strand einfach nicht im Bewustssein sei. Da helfe oft erst die Polizei, die den Strand dann sperrt oder auf den Abstand hinweist, um zu merken, dass etwas falsch läuft. 

Extrovertierte haben in Corona-Zeiten keine leichten Karten

Im Grunde könne es also jedem passieren, dass er unbewusst etwas dazu beiträgt, dass ein Ort quasi aus allen Nähten platzt. Aber: In der Praxis gibt es bereits viele Beispiele dafür, dass Urlaub auch in Corona-Zeiten ohne Nebenwirkungen gelingen kann. So sind die Strände in Portugal und Dänemark etwa nie derartig überlaufen wie an der Ostsee in Deutschland, in Spanien oder Kroatien. 

Das liegt laut Gebert aber nicht nur daran, dass Spanien einfach deutlich beliebter bei Deutschen ist, sondern auch an zwei unterschiedlichen Persönlichkeitstypen: „Extrovertierte Menschen haben es aktuell auf jeden Fall schwerer als introvertierte. Und meistens sind es auch diese Menschen, die sich im Urlaub nicht an die Regeln halten. Denn der Extrovertierte braucht das Abenteuer und den Kontakt zu anderen Menschen.“ Das führe aber eben auch dazu, dass Menschen, die eher kontaktfreudig sind, aktuell im Urlaub weniger Erholung finden als Menschen, die ohnehin gerne für sich sind. 

Reisen in Corona-Zeiten ist also mit Vorsicht zu genießen und auch nicht unbedingt für jeden Typ geeignet. Sollten wir also vorerst komplett darauf verzichten? Nein. Das hält der Psychologe sogar für fatal: „Ich bin ja der Meinung, dass wir krank werden, wenn wir komplett auf Urlaub verzichten. Wir brauchen den Tapetenwechsel und die Abwechslung.“

Und damit das auch weiter für uns alle möglich ist, lohnt es sich auch, vielleicht einmal mehr auf Abstand und Hygiene zu achten, oder?