Urlaub – das bedeutet eine Auszeit für die Seele, für den Körper, für den Geist. Urlaub macht uns glücklich, gibt uns Mut und Zuversicht, löst Freude aus und hilft, nach anstrengenden Wochen und Monaten auf der Arbeit und im Alltag wieder die Akkus aufzuladen. Urlaub bringt Energie und Lebensfreude zurück. Doch auch in Corona-Zeiten?

Aktuell bedeutet reisen eben nicht nur Erholung – das Risiko reist mit. Das Risiko, sich selbst mit Corona zu infizieren und unterwegs oder zurück in Deutschland andere zu infizieren. Der erste Impuls ist daher bei vielen, „bleibt doch alle daheim, dann ist es schnell vorbei!“, zu rufen.

Reise-Verzeicht, bis die ganze Welt gegen Corona geimpft ist?

Doch nach gut sechs Monaten Coronavirus zeigt sich: Die Pandemie wird nicht schnell vorbei sein, auch nicht bald. Covid-19 und die Folgen werden uns noch Monate und Jahre beschäftigen. Aber so lange auf das Reisen verzichten? Bis quasi die ganze Welt durchgeimpft ist? „Bleibt daheim“ ist keine Lösung, denn auch „bleibt daheim“ kostet Menschenleben – auf andere Art und Weise.

Wer die Bilder vom einsamen Bali sieht, wo sich sonst Touristen drängen und Tausende, wenn nicht Millionen Einheimische direkt oder indirekt ernähren, muss sich die Frage stellen, ob ein Lockdown auf lange Sicht wirklich das zielführende Mittel ist.

Sonst das Zentrum des Tourismus, doch seit März ist Badung auf Bali, rund um den Pandawa Beach, wie ausgestorben.

Es ist auch zu einfach, wenn Politiker nun fordern, Reisen in Risikogebiete zu verbieten. Nicht nur, dass solche Verbote schwer umsetzbar wären oder dass sie unverhältnismäßig wären und es mit der Corona-Testpflicht für Reiserückkehrer inzwischen eine Alternative gibt, die einen nicht so großen Eingriff in die Freiheitsrechte bedeutet.

Nein, es gibt ein weiteres Problem an dieser Forderung: Die Einstufung als Risikogebiet ist oftmals eine pauschale Abbildung. Faktoren wie politische Entscheidungen (wenn Frankreich etwa für Urlauber aus Großbritannien nur deswegen eine Quarantäne ansetzen will, weil Großbritannien es zuvor für Frankreich tat), Ausbrüche in kleinen, nicht touristisch erschlossenen Orten oder die Art der Infektionen (siehe Tönnies in Deutschland) spielen bei der Bewertung kaum eine Rolle.

Es gibt in Spanien Landkreise mit nur einer Handvoll aktiver Corona-Fälle – doch auch diese sind nun Risikogebiet. Es gibt weltweit ganze Inseln und Länder, die keine aktiven Fälle aufweisen – auch für sie gilt nach wie vor eine offizielle Reisewarnung. Diese Faktoren sind es, die Corona-Leugner stärken, weil sie nur schwer nachvollziehbar sind.

Risikogebiete öffnen Grenzen – weil sie auf Tourismus angewiesen sind

Ist es also verwerflich, wenn Reisende jetzt wieder Gebiete ansteuern, die ihre Grenzen geöffnet haben und auf Tourismus angewiesen sind? Ein Ja wäre hier zu einfach.

Ein Beispiel fernab der Touristen-Hochburgen wie Mallorca: 222.000 Haushalte sind an der Küste Kenias potenziell armutsgefährdet – und zwar massiv. Die Ersten sind bereits verhungert, weil staatliche Hilfen nicht ausreichen. Proteste waren die Folge. Dort, am Indischen Ozean, leben viele Menschen vom Tourismus. Oder sie taten es. Vor Corona. Heute können sie davon nicht mehr leben, Ersparnisse gibt es nicht. 

Nicht all diese Menschen haben im Tourismus-Sektor gearbeitet, aber viele haben dennoch von ihm gelebt – wie andernorts auf der Welt auch. Weil Reisende Obst und Gemüse bei ihnen gekauft haben, weil sie sich von ihnen im Tuk-Tuk herumfahren ließen, weil sie ihre Schuhe reparieren, sich die Wäsche waschen oder Kleidung schneidern ließen oder Souveniers gekauft haben. 

Es ist die Art der Reise, die das Risiko ausmacht.

Dieses Beispiel lässt sich auf nahezu alle Staaten und Gebiete übertragen, in denen Menschen vom Tourismus leben. Selbst in Spanien oder Italien gibt es weder für die kriselnde Wirtschaft noch für existenzbedrohte Hoteliers solche staatlichen Hilfen wie in Deutschland. Deutsche Touristen haben für ihre Lieblings-Guides, Lieblings-Hoteliers oder Lieblings-Bars bereits Spenden gesammelt – weil sie den Ruin touristischer Einrichtungen befürchten.

Vieles spricht dafür, jetzt wieder loszuziehen. Die Voraussetzung: Alle müssten sich an einfachsten Regeln halten (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske). Das tun aber nicht alle. Jene sind es, die sich auf Mallorca dicht an dicht durch Bier- und Schinkenstraße drängelten. Jene sind es, die Schaumpartys und Gruppensaufen am Goldstrand feiern. Jene sind es, die in Kroatien urlauben, als gäbe es keine Pandemie.

Das Problem ist die Partymeile, nicht der Tourismus

Wenn in Kroatien von 180 Corona-Infektionen an nur einem Tag zwei Drittel in Zusammenhang mit Strandypartys an der Adria stehen, stellt sich die Frage, ob alle Touristen für dieses Fehlverhalten in Sippenhaft genommen werden müssen. Das Problem ist die Partymeile, nicht der Tourismus. 

Es sind diese rücksichtslosen Menschen, die allen das Leben schwer machen und die Leben riskieren. Die für eine Spaltung der Gesellschaft sorgen. Die lieber monatelang für ihre persönliche Freiheit protestieren, indem sie das Tragen von Schutzmasken verweigern und sich einen Strohhalm mit Freunden teilen, als sich für kurze Zeit ein wenig einzuschränken.

Aber: Würden sich diese Menschen in Deutschland anders verhalten? Sich plötzlich benehmen, weil sie statt am Ballermann an der Ostsee urlauben? Wohl kaum. Auch hierzulande löst die Polizei immer wieder Massenpartys und Saufgelage auf. Es sind jene Menschen, die Existenzen bedrohen und Leben gefährden, nicht der gewöhnliche und vernünftige Urlauber.

Camping in der Einsamkeit – hier ist das Risiko einer Corona-Infektion überschaubar.

Die wenigen, die sich falsch verhalten, dürfen nicht das Maß der Dinge sein. Die Vernünftigen müssen es sein. Und die würde es wohl kaum stören, wenn Partymeilen in Lloret de Mar, am Ballermann oder am Goldstrand geschlossen werden – die ohnehin längst vielen Menschen, Urlaubern wie Einheimischen, ein Dorn im Auge sind. 

Wir leben in einer Zeit, in der die Globalisierung Alltag ist. In der Freundschaften und Beziehungen über die ganze Welt verteilt sind. Es ist eine Freiheit, die enorm wertvoll ist, weil sie bislang nur einer Minderheit auf der Welt gegeben ist. Dazu gehören wir Deutschen.

Das Verhalten nach der Reise: Eine Frage der Moral

Es gibt viele Möglichkeiten, zu umgehen, eine Covid-19-Infektion durch die Welt zu tragen. Reisende können sich vorher isolieren und soziale Kontakte beschränken, im Home-Office arbeiten. Reisende können vorab privat einen Corona-Test machen. Damit sinkt die Gefahr, die Krankheit in ärmere Länder ohne funktionierende Gesundheitsversorgung einzuschleppen – und auch, sie wieder mit nach Deutschland zu bringen. Und auch nach der Rückkehr gilt eine Regel: Vorsicht.

Muss es unbedingt der 90. Geburtstag der Oma sein, mit allen Verwandten, wenn man zuvor mit Zug oder Flugzeug oder in einem Corona-Hotspot unterwegs war? Oder könnte man nicht besser mal ein paar Tage auf dem Sofa verbringen und sich selbst isolieren – trotz eines negativen Corona-Tests an der Grenze?

Reisen ist Freiheit und tut der Seele gut – gerade in Corona-Zeiten.

Es ist die Art des Reisens, die den Unterschied macht. Ein pauschales „Bleibt zu Hause!“ ist nicht zielführend. Wer mit dem Camper durch Wald und Wüste fährt, wer im Zelt in einem Nationalpark schläft, wer einsam am Strand liegt – der geht kein höheres Risiko als im Alltag ein. 

„Ist es so schwer, mal einen Sommer daheim zu bleiben?“ Diese Frage taucht zuletzt öfter in den Kommentarspalten in sozialen Netzwerkerken auf. Ja, das ist es. Die Reisefreiheit ist für viele Menschen ein Luxusgut. Für uns ist sie Alltag. Die Seele, die Psyche – sie brauchen das Reisen. Genau wie Menschen in ärmeren Ländern, die auf Tourismus angewiesen sind, das Reisen brauchen.