21 Tage, mehr als 5000 Kilometer und zwei Männer, die unterschiedlicher fast nicht sein könnten: Die ungewöhnliche Reise von Torben Kroker und seinem Nachbarn Carlos, der eigentlich Karl-Heinz Schulz heißt, könnte auch aus der Feder eines Drehbuchautoren stammen. Denn Carlos überlegt sich im Alter von 93 Jahren, dass er unbedingt noch einmal an die Orte seiner Jugend reisen möchte. Und das am liebsten mit seinem jungen Freund Torben. 

Da Carlos kein Mann leerer Worte ist, schlägt er Torben die ungewöhnliche Reise im Herbst vergangenen Jahres bei einem gemeinsamen Essen einfach mal vor. Der 20-Jährige allerdings ist zunächst eher skeptisch als begeistert. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie das funktionieren soll“, sagt Torben dem reisereporter. Carlos allerdings will sich so leicht nicht abwimmeln lassen, er will ans Meer! Also schenkt er Torben den Roadtrip einfach zu Weihnachten. „Dann konnte ich nicht mehr Nein sagen“, erinnert sich der 20-Jährige aus Emmerich in Nordrhein-Westfalen.

Torben und Carlos fahren mit einem alten Mercedes quer durch Europa.

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Roadtrip führt durch Frankreich, Spanien, Italien und Monaco

Heute, gut acht Monate später, sind die beiden Männer mittendrin in ihrem gemeinsamen Abenteuer. In Torbens altem Mercedes reisen sie durch das Baskenland in Spanien, schlendern durch Monaco und legen Stopps in Italien, Frankreich und Deutschland ein.

Und mit jedem neuen Halt erwacht eine andere Geschichte von Carlos zum Leben. „Er hat mir schon zu Hause oft von seiner Vergangenheit erzählt. Aber dadurch, dass wir jetzt wirklich an den Orten aus seiner Jugend sind, kann ich mir viele Sachen besser vorstellen“, sagt Torben. 

Was für den Auszubildenden oftmals einem spannenden Geschichts-Exkurs gleicht, ist für Carlos oft sehr emotional. Denn der Rentner geriet nach dem Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft. Daraufhin wurde er auf einem Weingut in Frankreich eingesetzt, floh nach Spanien, wo er als Dreher arbeitete und bei zwei Gastfamilien im Baskenland lebte. Dort hat er übrigens auch seinen Spitznamen Carlos bekommen. Und ebenjene Orte, an denen er als junger Mann wandelte, besucht er nun mit seinem jungen Freund. 

Und der genießt nicht nur die vielen spannenden Geschichten des Rentners, sondern auch die vielen Orte, die sie gemeinsam erkunden. Besonders Monaco hat es dem angehenden Versicherungskaufmann angetan: „Ich habe eine Weile gebraucht, um die vielen Eindrücke von der Stadt, dem Hafen und den vielen Menschen dort zu verarbeiten.“

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Torben bringt Mobilität mit, Carlos die Gelassenheit

Sein Begleiter hingegen ist ein eher abgeklärter Zeitgenosse. „Carlos ist so ein Ruhepol, das kenne ich von niemand anderem. Vor allem in den letzten Tagen habe ich viel von der Gelassenheit übernommen.“ Aber so eine ungleiche Freundschaft bringt für beide Seiten Vorteile mit sich. So wisse Carlos vor allem die Mobilität und Organisation von Torben zu schätzen. Es gibt aber noch eine andere Sache, die der jüngere Part von seinem älteren Freund lernt: „Wie es ist, wenn man irgendwann mal alt ist.“ So sei er durch die Freundschaft etwa deutlich sensibler für die Bedürfnisse von älteren Menschen geworden. 

Die außergewöhnliche Freundschaft der beiden begann, als der damals 16-Jährige das erste Mal bei seinem Nachbarn den Rasen mähte. Irgendwie waren sie einander sympathisch, die beiden so unterschiedlichen Männer, also sahen sie sich fortan öfter. Torben kam mal zum Kaffee vorbei, sie gingen spazieren oder trafen sich vor dem Haus auf einen kleinen Plausch. Heute telefonieren sie täglich mindestens zweimal und verbringen viel Zeit miteinander. 

Carlos hat die Europa-Reise bereits in den 60er- und den 90er-Jahren gemacht.

Und dabei gehen ihre Ansichten doch oft weit auseinander. Das zeigt sich auch bei ihrem Europa-Roadtrip wieder. Denn auch im Urlaub kommen sie an einem Thema nicht vorbei: der Coronavirus-Pandemie. „Das war wirklich verrückt, weil wir sehr deutlich gemerkt haben, wie unterschiedlich die europäischen Länder mit Corona umgehen. Wir mussten uns quasi in jedem Land an neue Regeln anpassen.“ 

Und weil Torben sich um die Gesundheit von Freund Carlos sorgt, passt er besonders gut auf und hält sich strikt an die Regeln. Das bedeutet für die beiden: „In Spanien mussten wir die Maske aufziehen, sobald wir das Hotelzimmer verlassen haben, in Italien gab es sogar Fieberchecks im Hotel, während wir in Österreich von der Rezeptionistin darauf hingewiesen wurden, dass wir die Maske ruhig abziehen können.“

Einen richtigen Unterschied zu den Urlauben in den vergangenen Jahren fällt Torben nicht auf: Die Touristen-Hotspots sind gut besucht, die Urlauber gelassen, und am Strand gibt es nicht selten sogar eine Party. 

Carlos will trotz Coronavirus-Pandemie reisen

Aber was macht Carlos, wenn Torben angesichts der Menschenmassen um ihn herum in Sorge ist? Der 93-Jährige bleibt gelassen. Denn obwohl Carlos per Definition in seinem Alter zur Risikogruppe gehört, wusste er ganz genau, worauf er sich einlässt. „Als sich die Pandemie verbreitete, habe ich versucht, Carlos von einer Verschiebung unserer Reise zu überzeugen“, erzählt Torben. Er wollte einfach kein Risiko eingehen, um nicht sich, sondern Carlos schützen. 

Carlos und Torben verbindet eine jahrelange Freundschaft.

Der 93-Jährige allerdings bleibt fest entschlossen, seinem jungen Freund die Orte seiner Jugend zu zeigen. Und zwar diesen Sommer, nicht irgendwann. Davon soll ihn auch die Pandemie nicht abhalten. „Ich muss sowieso irgendwann gehen“, sagt er zu Torben. Bis dahin wolle er seine Zeit nicht mit Warten verbringen, sondern die Welt sehen. 

Medienrummel um Europa-Roadtrip überrascht beide

Seine Entschlossenheit, die demonstriert Carlos seither wohl täglich. Er trotzt mit seinem Rollator selbst der größten Hitze und den steilsten Bergen. Und das sehen dank Torben mittlerweile auch Tausende Menschen auf Social Media und in den Zeitungen. Denn der 20-Jährige teilt die Eindrücke ihrer Reise auf seinem Instagram-Profil. Mit einem beispiellos herzlichen Feedback seiner Follower. 

So dauerte es auch nicht lange, bis sich die ersten Medien bei den beiden meldeten. „Die Lokalpresse aus unserem Ort hat irgendwie von unserer Reise erfahren und wollte eine Geschichte darüber machen.“ Dagegen haben die beiden natürlich nichts. Es soll aber nicht bei der einen Geschichte bleiben. Es folgen Interviews mit verschiedenen Medien und sogar ein Dreh mit einem Fernsehteam.

Der plötzliche Medienrummel überrascht die ungleichen Freunde. Besonders Carlos kann das Interesse an der Reise nicht nachvollziehen. „Wat wollen die denn alle von uns?“, fragt er Torben seitdem öfter. Für den Rentner ist es eine normale Reise mit einem guten Freund. „Wie beeindruckend es ist, in seinem Alter noch so aktiv und mutig zu sein, das sieht er leider nicht“, sagt Torben.

Gibt es eine weitere Europa-Reise der Freunde?

Seinem jungen Freund ist hingegen natürlich klar, warum die Geschichte viele interessiert. Er wünscht sich, dass seine Europa-Reise am Ende vielleicht auch den ein oder anderen motivieren kann, sich mehr mit den Menschen in seiner Umgebung zu beschäftigen. Denn Carlos ist nicht der einzige Rentner, der einsam ist und vielleicht einfach einen Freund braucht. 

„Es ist auch für uns junge Menschen enorm bereichernd, älteren Menschen einen Teil unserer Zeit zu schenken, denn wir bekommen immer etwas zurück.“ Fragt man Torben heute, ob er seine Entscheidung von damals bereut, so verneint er das entschieden. Im Gegenteil: „Wer weiß: Wenn Carlos 100 wird, dann geht es für uns beide vielleicht auch noch Mal durch Europa.“