Dass Reisen nach der Coronavirus-Zwangspause vielerorts wieder möglich sind, ist für die meisten zunächst ein Grund zur Freude. Immerhin bietet eine Auszeit vor allem in schwierigen Zeiten Erholung, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt. Doch beim Thema Urlaubsanspruch kann die Stimmung schnell kippen – wenn zum Beispiel Anträge verschiedener Mitarbeiter kollidieren.

Die aktuelle Situation verschlimmert das Phänomen womöglich, da viele Menschen während der Krise vorerst auf Urlaub verzichteten, wenn das möglich war. Schließlich waren Reisen wegen Einschränkungen wie Grenzschließungen und der weltweiten Reisewarnung des Auswärtigen Amtes ohnehin nicht möglich.

Ärger mit dem Chef ist dennoch vermeidbar – vor allem, wenn Arbeitnehmer ihre Rechte kennen. Der reisereporter deckt die 13 bekanntesten Mythen rund um den Urlaub auf.

Mythos 1: „Ich darf meinen Jahresurlaub nicht auf einmal nehmen“

Doch, rein rechtlich ist das erlaubt. Laut Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) haben Arbeitnehmer die freie Entscheidungsgewalt über den Zeitraum ihres Urlaubs. Wenn es also vier Wochen am Stück sind, gibt es eine rechtliche Grundlage dafür. „Der Arbeitgeber ist dazu verpflichtet, die Entscheidung zu akzeptieren“, sagt Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeits- und Sozialrecht und Mitglied des Deutschen Anwaltvereins (DAV). „Die Ausnahme bilden betriebliche Gründe, die gegen den Urlaub sprechen.“

Ein solcher Anlass sei beispielsweise das beschriebene Corona-Phänomen. Denn nähmen zu viele Kollegen zeitgleich, beispielsweise im Herbst oder Winter, Urlaub, sei das Unternehmen nicht länger in der Lage dazu, ordnungsgemäß zu arbeiten. Kurzum: In diesem Fall habe der Arbeitgeber das Recht, einen Antrag abzulehnen. Wichtig sei dabei aber eine präzise Begründung.

Mythos 2: „Der Arbeitgeber entscheidet über die Dauer des Urlaubs“

Auch bei dieser Annahme handelt es sich um einen Irrtum. Denn neben der Entscheidungsgewalt, die Arbeitnehmer in Bezug auf den Zeitraum ihres Urlaubs genießen, greift hier ein weiterer Paragraf des BUrlG.

„Chefs sind dazu verpflichtet, mindestens zwei Wochen Urlaub am Stück zu gewähren“, sagt Oberthür. Auch hier bildeten betriebliche Gründe, die gegen die Abwesenheit eines Arbeitnehmers sprechen, die Ausnahme.

Mythos 3: „Resturlaub verfällt am 31. März des Folgejahres“

„Das ist zwar möglich, doch nicht zwingend der Fall“, sagt Oberthür. „Laut Gesetz verfällt der Urlaubsanspruch am 31. Dezember – es sei denn, im Arbeitsvertrag steht etwas anderes.“ Somit sei ein Verfall der Urlaubstage bis zum 31. März denkbar. Allerdings gelte hier eine Voraussetzung: Der Arbeitgeber sei dazu verpflichtet, das Personal über den Ablauf des Urlaubsanspruchs zu informieren. „Andernfalls verfällt er nicht“, erklärt Oberthür. 

Aber: Laut einem Bericht des Fachportals „karriere.de“ braucht es einen guten arbeitsrechtlichen Grund, sich die Tage für das kommende Jahr aufzusparen. Die Covid-19-Pandemie gelte nicht als solcher. Wegen der Krise auf den Urlaubsanspruch zu verzichten sei also „schlicht und ergreifend nicht möglich“.

Mythos 4: „Die Firma darf meinen Urlaub abbrechen“

Den Experten zufolge ist auch diese Aussage falsch. Denn: Der Arbeitgeber habe nur im größten Notfall die Chance, Personal aus dem Urlaub zurückzuholen. Die Grundlage dafür sind laut Bundesarbeitsgericht „zwingende Notwendigkeiten, welche einen anderen Ausweg nicht zulassen“. 

Heißt: Steht das Schicksal der Firma auf dem Spiel, ist der Abbruch einer Reise denkbar. Die Stornokosten trägt in diesem Fall der Arbeitgeber. 

Gut zu wissen: Die Bedingungen gelten auch umgekehrt. Wer sich also weigert, seinen Urlaub anzutreten, zum Beispiel wegen der Covid-19-Pandemie, ist auf die Erlaubnis seines Chefs angewiesen. Ein Rückzieher funktioniert nur, wenn beide Parteien zustimmen. 

Mythos 5: „Namensänderungen in den Reisedaten sind kostenfrei“

Wer seine persönlichen Daten bei einer Buchung eingibt, achtet am besten darauf, dass sie fehlerfrei sind. Denn für nachträgliche Änderungen, zum Beispiel wegen eines Tippfehlers, verlangen die Anbieter laut Tiana Preuschoff, Referentin für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen, in der Regel eine Bearbeitungspauschale. Und die kann – je nach gebuchtem Tarif – bis zu 120 Euro betragen. 

Allen, denen es möglich ist abzusehen, dass ihr Name sich künftig ändert, rät die Expertin deshalb zu Taten: „Sie sollten sich über die Kosten einer Änderung informieren oder mit der Buchung warten, bis die Änderung vorgenommen wurde.“ 

Immerhin: Bei einigen Anbietern gibt es Ausnahmen. Oft ist es beispielsweise möglich, die Reisedaten innerhalb von 24 Stunden kostenfrei anzupassen. Und auch bei frisch vermählten Paaren drücken viele ein Auge zu, wenn sie sowohl ihre Personalausweise als auch die Heiratsurkunde vorzeigen. Ähnlich verhält es sich mit Änderungen durch Scheidungen: In diesem Fall ist die Scheidungsurkunde vonnöten. 

Mythos 6: „Online-Reisen darf ich innerhalb von 14 Tagen widerrufen“

Wer online shoppt, hat in der Regel die Möglichkeit, Verträge ohne Weiteres innerhalb von 14 Tagen zu widerrufen. Das ist kein Geheimnis, immerhin ist dieser Grundsatz im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. Doch es gibt Ausnahmen. „Bei Reisebuchungen gibt es grundsätzlich kein Widerrufsrecht“, sagt Preuschoff. 

Eine Regelung, die ebenfalls Teil des BGB ist. Deshalb ist es nur bei vereinzelten Reisen möglich, die Buchung innerhalb von drei Tagen kostenfrei zu widerrufen. Was dagegen bleibt, ist die Chance auf eine Stornierung. Doch Vorsicht: Für diesen Vorgang verlangen die Anbieter oftmals hohe Gebühren.

Mythos 7: „Gesetzlich Krankenversicherte sind auch im Ausland versichert“

In diesem Irrtum steckt immerhin ein Funken Wahrheit. Denn wer in Deutschland gesetzlich krankenversichert ist, besitzt automatisch auch eine sogenannte Europäische Krankenversicherungskarte. Das bedeutet zunächst einen europaweiten Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen vor Ort. Dieses Recht gilt ebenso für alle Staaten, mit denen Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen hat, zum Beispiel die Türkei oder Island.

Wer dagegen Urlaub außerhalb Europas macht, braucht eine Auslandskrankenversicherung. Denn andernfalls sind Reisende dort dazu verpflichtet, für die Kosten einer medizinischen Behandlung aufzukommen. Auch der Rücktransport ist nicht ingebriffen. Und im Zweifelsfall landen sie dabei preislich bei mehreren Tausend Euro. 

„Wir empfehlen daher den Abschluss einer Auslandskrankenversicherung“, sagt Preuschoff. „Wichtig ist dabei, dass sich Urlauber darüber informieren, ob die gewählte Versicherung auch im Falle von Pandemien oder Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes gilt.“ Denn in Zeiten der Corona-Krise bedienten sich Anbieter oftmals gewisser Ausschlussklauseln. Weitere Tipps zur Auswahl der richtigen Krankenversicherung gibt es hier.

Mythos 8: „Wenn ich den Arbeitgeber wechsle, bekomme ich neuen Jahresurlaub“

Auch bei dieser Aussage handelt es sich um einen Irrtum: Das BUrlG schließt doppelte Urlaubsansprüche aus. Abhilfe schafft laut Oberthür eine Auflistung der bereits genutzten Urlaubstage. „Sie fallen beim neuen Arbeitgeber zwar weg“, sagt sie. „Doch es ist zum Beispiel möglich, dass er nicht 28, sondern 30 Tage gewährt.“ Heißt: Bei einem Wechsel genössen potenzielle Urlauber das Recht, das beim neuen Arbeitgeber gilt. Somit sei auch die Bereitstellung von zusätzlichem Urlaubsanspruch denkbar. 

Das bedeutet im Gegenzug auch, dass alle, die beim alten Arbeitgeber mehr Urlaub nahmen, als ihnen nach einem Wechsel zusteht, Glück haben. Denn ein neues Unternehmen ist laut „karriere.de“ nicht dazu befugt, die Tage vom Arbeitnehmer zurückzufordern.

Besondere Konditionen gelten, wenn der Urlaubsanspruch vor einer Kündigung übrig bleibt, weil das Ende des Arbeitsverhältnisses droht. In diesem Fall sieht das Gesetz einen Ausgleich, beispielsweise in Form von Geld, vor.

Gut zu wissen: Grundsätzlich steht jedem Mitarbeiter eines Unternehmens, also auch Praktikanten oder Mini-Jobbern, Urlaub zu. Bei einer Sechs-Tage-Woche geht das BUrlG von 24 Tagen jährlich aus. Wer wöchentlich fünf Tage arbeitet, hat demnach Anspruch auf 20 Tage Urlaub im Jahr.

Mythos 9: „Wer in der Probezeit ist, hat kein Recht auf Urlaub“

Dieser Irrtum hält sich schon seit langer Zeit. Es ist gewiss richtig, dass der „volle Urlaubsanspruch“ für Angestellte dem Gesetz zufolge erst nach einem halben Jahr gilt. Doch bis zu diesem Zeitpunkt haben sie das Recht auf einen Anteil. „Er beträgt für jeden vollen Kalendermonat ein Zwölftel des Jahresurlaubs“, erklärt Oberthür. Somit mögen freie Tage in der Probezeit beim Arbeitgeber zwar nicht gut ankommen. Erlaubt sind sie aber allemal. 

Mythos 10: „Der Arbeitgeber darf mir wegen Corona verbieten, in Risikogebiete zu reisen“

Nein, das darf er nicht. Immerhin gilt eine Reise während des Urlaubs als Privatsache.

Doch Vorsicht: Der Arbeitgeber ist in Zeiten der Covid-19-Pandemie durchaus dazu befugt, zu erfragen, in welches Land es ging. „Wer in ein Risikogebiet reist, studiert daher bestenfalls die möglichen Konsequenzen“, sagt Fachanwältin Oberthür. Denn folge im Anschluss beispielsweise eine 14-tägige Quarantäne, die das Arbeiten unmöglich macht, gelte das als „vermeidbares Selbstverschulden“. Und dadurch gebe es keinen Entgeldanspruch mehr.

Im Zweifelsfall sei es sogar möglich, dass der Arbeitgeber eine bewusste Reise in ein Corona-Risikogebiet als Pflichtverletzung einstuft.

Mythos 11: „Der Arbeitgeber zahlt unverbrauchte Urlaubstage grundsätzlich aus“

Dieser Mythos entspricht nur teilweise der Wahrheit. Denn eigentlich dient der Jahresurlaub, der Arbeitnehmern zusteht, der eigenen Erholung. Deshalb ist es Oberthür nach möglich, dass Arbeitgeber für den „Zusatzurlaub“ – also die Tage, die über den im Gesetz verankerten Urlaubsanspruch hinausgehen – vertragliche Regeln festlegen. Heißt: In diesem Fall ist es denkbar, dass sie auf freie Zeit für ihr Personal bestehen. 

„Andernfalls sind Chefs laut Recht zu einer Auszahlung verpflichtet“, bestätigt die Fachanwältin. Gleiches gilt für den Fall, dass ein Arbeitnehmer stirbt: Auch dann ist eine Auszahlung des überschüssigen Urlaubs möglich. Das Geld steht den Erben zu.

Mythos 12: „Als Führungskraft muss ich im Urlaub erreichbar sein“

Auch diese Annahme ist Oberthür zufolge falsch. Wer Diensthandy und -laptop zu Hause lässt, ist in der Theorie also rechtlich abgesichert. Schließlich ist der Grundgedanke eines Urlaubs noch immer, dass sich Menschen von ihrem Alltag erholen – und das gilt ebenso für Arbeitnehmer, die sich in einer Führungsposition befinden.

Aber: Dass Chefs diese gesetzliche Grundlage in der Praxis missachten, ist keine Seltenheit. Das räumt auch Arbeitsrechtler Sebastian Schröder gegenüber dem Fachportal „karriere.de“ ein: „Für das berufliche Fortkommen eines Managers ist es nicht gerade förderlich, wenn er wochenlang nicht ans Telefon geht.“

Mythos 13: „Bei langer Krankheit verfällt der Urlaub“

Jein. Im Jahr 2011 beschloss der Europäische Gerichtshof (EuGH) zwar, dass der Anspruch auf freie Tage im Falle einer langen Krankheit 15 Monate nach dem Ende des Urlaubsjahres verfällt.

„Allerdings kommt hier eine Schwierigkeit dazu“, sagt Oberthür. „Die Befristung gibt es nur, wenn Arbeitgeber ihr Personal über die Bedingungen informieren.“ Somit sei noch unklar, welcher rechtliche Rahmen in Bezug auf das Krankheitsszenario gilt. Darüber entscheide der EuGH erst noch.