Am Strand spazieren, Sonne tanken und im Meer baden: Wer dem Alltag entflieht und in den Urlaub reist, lebt in der Regel sorgloser. Das wissen die Deutschen zu schätzen: Eine Analyse der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt: Jeder Dritte verreiste im vergangenen Jahr.

Dabei stand Touristen praktisch die ganze Welt offen. Denn neben der Entscheidungsfreiheit in Sachen Reiseziel hatten sie zum Beispiel die Möglichkeit, zu planen, wie sie dorthin kommen und was sie vor Ort sehen. Die Wahl fiel nach einer Erhebung des Statistikportals Statista besonders oft auf Spanien, Italien und die Türkei.

Doch seit Beginn der Coronavirus-Pandemie ist der Normalfall Geschichte: Zunächst waren potenzielle Urlauber wegen der weltweiten Reisewarnung und wegen geschlossener Grenzen dazu verpflichtet, zu Hause zu bleiben. Dann waren Beschränkungen wie eine Maskenpflicht und Abstandsregelungen an der Tagesordnung.

All diese Entwicklungen und Regeln hinterließen Spuren: Die Angst vor einer Infektion mit dem Virus reist nun mit. Und während normalerweise zwei Drittel der Deutschen ins Ausland reisen, verändere die Krise die Verteilung der Wunschziele, sagt Jürgen Schmude, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT) und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Vor allem Deutschland erfreue sich bei Urlaubern einer so großen Beliebtheit wie selten zuvor.

Gehört Sorglosigkeit auf Reisen also künftig der Vergangenheit an?

Ist die Angst vor einer Corona-Infektion im Urlaub berechtigt?

Obwohl sich die Lage vielerorts beruhigt, ist die Covid-19-Krise noch immer fester Bestandteil des Alltags. „Und jede Form von Mobilität bedeutet ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren“, sagt Schmude. „Vor allem, wenn Urlauber sich nicht an die aktuellen Richtlinien halten, steigt die Gefahr.“

Und dass es durchaus Touristen gibt, auf die das zutrifft, zeigten Aufnahmen aus Kroatien, Bulgarien, Frankreich und Spanien: Auf den beliebten Feiermeilen der Länder gab es neben langen Warteschlangen vor Diskotheken auch überfüllte Partyboote im Meer. 

Vor allem bei älteren Menschen und Risikopatienten löse ein derartiges Verhalten Angst vor einer Infektion aus, erklärt Alfred Gebert, Professor für Psychologie an der Hochschule Münster. Viele von ihnen entschieden sich daher dafür, gar nicht zu verreisen. „Sie stellen sich selbst unter Quarantäne, weil sie das Gefühl haben, nicht erwünscht zu sein“, sagt er. 

Das wiederum bringe Probleme wie Frustration und Wut mit sich. Denn auf Dauer entstehe durch die mangelnden Möglichkeiten Einsamkeit. „Vor allem zu Beginn der Krise kam diese Kombination vermehrt vor“, meint Gebert. „Immerhin machte das Social Distancing auch Besuche der Familie oder von Freunden unmöglich.“

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Social Distancing fördert psychische Probleme

Das Kennenlernen Gleichgesinnter gehört vor allem für Vielreisende zu einem gelungenen Urlaub. „Wir sind hoch soziale Wesen und meist darauf aus, unseren Alltag im Einvernehmen mit anderen Menschen zu gestalten“, stimmt Barbara Horvatis-Ebner, Psychologin und Bloggerin aus dem österreichischen Graz, zu. 

Doch im Corona-Sommer ist das nur eingeschränkt möglich. Immerhin setzen die meisten Länder noch immer auf Social Distancing, also die bewusste räumliche Trennung von Menschen.

Das führe, wie Horvatis-Ebner erklärt, oftmals zu Unwohlsein und psychischen Problemen – nicht nur bei freiheitsliebenden Menschen. Umso wichtiger sei es, soziale Kontakte auf Reisen über elektronische Mittel wie Smartphones aufrechtzuerhalten. „Außerdem ist der Gesellschaft mehr geholfen, wenn diese Personen dann einen ausgiebigen Spaziergang oder eine Radtour machen, als wenn wir am Ende der Krise eine hohe Zahl an psychisch Kranken haben“, ergänzt sie. 

Ängste im Urlaub 2020: Quarantäne, steigende Preise und Co.

Bei jüngeren Menschen hält sich die Angst vor einer Corona-Infektion aus Alfred Geberts Sicht allerdings in Grenzen. Sie sorgten sich vielmehr um steigende Preise und Schutzmaßnahmen wie Quarantänebestimmungen.

Ein Trend, den auch eine Umfrage des Bayerischen Zentrums für Tourismus aufzeigte: Im Mai sprach sich jeder Dritte gegen einen Urlaub unter Einschränkungen aus. „Dabei bleibt ein Teil der Maßnahmen, zum Beispiel die Maskenpflicht, sicher noch länger, als den meisten lieb ist“, sagt der Professor.

Das Problem liege jedoch nicht bei der grundsätzlichen Akzeptanz der Vorgaben, sondern bei dem Gefühl, staatlichen Bevormundungen zu unterliegen. „Einen Eingriff in die gewohnte Freiheit empfinden viele als gruselig oder beängstigend“, stimmt Horvatis-Ebner zu. 

Wie sehen Reisen nach der Corona-Krise aus?

Wie die Zukunft des Reisens aussieht, ist zwar noch unklar. Doch die Experten sind sich einig: Die Corona-Krise verändert unser Verhalten nachhaltig.

„Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass ältere Menschen und Risikopatienten den Urlaub 2020 nachholen, sobald es ihnen möglich ist“, sagt Gebert. „Und weil die Sehnsucht dann groß ist, bleiben sie womöglich statt zwei Wochen eher einen Monat am Zielort.“

Ansonsten sei eine weitere gesellschaftliche Entwicklung denkbar: ein größeres Bewusstsein auf Reisen. „Leben heißt in Zukunft auch erleben“, meint Gebert. Der Grund: Durch die Covid-19-Pandemie lernten viele Menschen, Berufliches in den Hintergrund zu stellen. Sie schätzten ihre Freiheit, also ihr Privatleben, nun mehr.

Und dass Urlauber künftig wohl ausgiebiger darüber nachdenken, was sie planen und tun, zeigt sich Schmude zufolge auf eine weitere Art und Weise: Der Nachhaltigkeitsaspekt spiele bald eine noch größere Rolle. „Ein Großteil der Reisenden überlegt jetzt eher, ob der Billigflug für 15 Euro eine gute Alternative ist oder nicht“, sagt er. Auch Urlaub abseits von Fernzielen gewinne in diesem Prozess an Bedeutung. 

Bereits im vergangenen Jahr lag die Bewegung im Trend. So entfachten im Zuge vieler Diskussionen zum Thema Klimawandel beispielsweise mehrere Debatten zur Flugscham. Dabei fielen vor allem junge Menschen auf. „Und die Gruppe derer, die ihren Reisefußabdruck überdenken, wächst“, erklärt Schmude.