Urlaub im Wohnmobil boomt, ebenso boomen Reisen im eigenen Land und in der Natur – die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie führen dazu, dass das Reisejahr 2020 für viele anders aussieht als geplant. Während Fernreisen fast unmöglich scheinen, rücken gut erreichbare Reiseziele möglichst abseits von Touristenmassen in den Fokus.

Hat die Krise das Potenzial, unsere Art zu reisen auch in Zukunft zu verändern? Welche Reisetrends bleiben uns in den kommenden Jahren erhalten? Der reisereporter hat darüber mit Prof. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen gesprochen. Diese bildet jährlich mit einer Tourismusanalyse die aktuellen Reisetrends der Deutschen ab.

In den vergangenen Jahren lagen etwa Fernreisen besonders im Trend. Noch 2019 sagte fast jeder fünfte Deutsche, er wolle 2020 eine Fernreise machen. Doch die Corona-Krise hat vieles verändert: Für die meisten Länder außerhalb des EU- und Schengen-Raums besteht noch bis mindestens Ende August eine Reisewarnung. Entsprechend beliebt ist in diesem Sommer der Urlaub im eigenen Land – die Strände an Nord- und Ostsee stoßen an ihre Grenzen.

Bleibt Heimaturlaub auch nach der Pandemie im Trend?

Dabei ist der Trend hin zum Inlandsurlaub kein neuer: Schon seit Jahren gehört Deutschland zu den liebsten Reisezielen der Deutschen. „Haupttreiber waren hierfür zum einen die demografische Entwicklung, zum anderen die zunehmende Attraktivität deutscher Feriengebiete, die viel und gut investiert haben und deutlich gastfreundlicher geworden sind“, erklärt Prof. Reinhardt. 

Hinzu komme in diesem Jahr der „Corona-Effekt“, durch den viele zwischen Nord- und Ostsee, Schwarzwald und Alpen urlauben. „Dabei werden sicherlich einige auf schöne Plätze stoßen, die sie auch zukünftig wieder besuchen wollen.“ Perspektivisch erwartet Prof. Reinhardt aber, dass rund jede zweite Urlaubsreise in ein europäisches Land führen wird – „allen voran Destinationen am Mittelmeer“.

Thailand hat sich in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Reiseziel für Deutsche entwickelt.

Fallen Fernreisen dann komplett weg? Das sei eher unwahrscheinlich. Trotzdem hänge die Beliebtheit von Fernreisen sehr von dem weiteren Verlauf der Pandemie ab: „Wenn diese weiter anhält, wird es auch in Zukunft Reisewarnungen, Unsicherheit und kaum Fernreisen geben.“ 

Die Deutschen stellen in Krisen nie das Reisen grundsätzlich infrage.

Prof. Ulrich Reinhardt, Stiftung für Zukunftsfragen

Hoffnungen setzt er auf die baldige Entwicklung eines Impfstoffs. Dann würden deutsche Urlauber auch wieder Ziele außerhalb Europas anfliegen. „So war es bisher nach jeder Krise. Stets waren die Bundesbürger krisenbewusst, stellten aber nie das Reisen grundsätzlich infrage. Dafür ist dieses einfach zu beliebt und attraktiv.“

Allein in der Natur

In Corona-Zeiten ist Abstandhalten angesagt! Auch im Urlaub wollen viele nicht eng an eng am Strand oder Pool liegen. Kein Wunder, dass aktuell viele in die Natur strömen. „Nach vielen Wochen der Isolation suchen die Deutschen wieder die Freiheit und es zieht viele ins Grüne“, so Prof. Reinhardt. Das zeige sich auch am wachsenden Interesse an Kleingärten und Urban Gardening, Schlauchbooten, Kanus und Stand-up-Paddle-Boards.

Allein auf weiter Flur: Reiseerlebnisse in der Natur – wie etwa beim Pilgern – könnten nach Corona noch beliebter sein. (Symbolfoto)


Immer mehr Deutsche ziehen sich im Urlaub die Wanderschuhe an, um durch die Natur zu stiefeln. Kombiniert mit dem Pilger-Trend, durch den in den vergangenen Jahren eine Rekordzahl an Menschen etwa auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs waren, könnte die Pandemie einen echten Boom für Pilgerreisen bedeuten.

Sehnen sich die Menschen durch Corona auch danach, vermehrt alleine zu verreisen? „Den Trend hin zum Alleinreisen würde ich nicht bestätigen“, meint Prof. Reinhardt. „Viele haben die letzten Wochen und Monate viel Zeit alleine zu Hause verbracht und suchen nun doch umso mehr den Kontakt zu Freunden und der Familie. Und selbst die meisten Singles verreisen lieber gemeinsam als einsam.“

Hoffnung für eine nachhaltige Zukunft des Reisens

Die (wiederentdeckte) Nähe zur Natur könnte einen positiven Nebeneffekt haben und die Nachfrage nach nachhaltigen Reiseformen erhöhen. Bislang ist da in Deutschland noch Luft nach oben: Trotz weltweiter Klimaproteste ist jeder dritte Deutsche 2019 mehr als einmal gereist.

Dabei stelle sich die Frage, wie wir bislang gereist sind – „und ob mancherorts nicht auch Natur, Städte und Anwohner an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus beansprucht wurden“, so Prof. Reinhardt. „Ein Trend hin zu bewussterem und nachhaltigerem Reisen ist somit wünschenswert.“

Dem Experten zufolge biete jede Krise eine Chance auf Verbesserung, auch die Corona-Pandemie könne deshalb zu einer Entwicklung hin zu nachhaltigeren Reiseformen beitragen. „Die Tourismusbranche selbst hat jetzt die Möglichkeit, aktiv mitzuwirken und somit auch ihre eigene Grundlage dauerhaft zu sichern.“

Fliegen wir auch nach der Corona-Krise weniger als vorher?

Ein aus Umweltaspekten positiver Nebeneffekt der Pandemie ist etwa der enorme Rückgang an Flugreisen – auch wenn das für etliche Airlines weltweit einem finanziellen Fiasko gleichkommt. Denn auch wenn mittlerweile wieder mehr Flüge starten: Eine gewisse Unsicherheit bleibt und die Menschen verzichten weiter aufs Fliegen. 

Die Erklärung: „Zu hoch ist die – wenn auch nur gefühlte – Gefahr der Übertragung des Virus. Insbesondere dort, wo Mindestabstände schwierig einzuhalten und Sicherheitskonzepte schwierig umzusetzen sind.“ Stattdessen steigen in diesem Sommer viele Urlauber aufs eigene Auto um

Auto statt Flug oder Zug: Viele Deutsche fahren aktuell mit dem eigenen Pkw in den Urlaub.

Ob das auch nach der Krise so bleibt, hängt auch vom finanziellen Aspekt ab: In den vergangenen Jahren waren Flugpreise enorm erschwinglich, sogar zu Zielen wie der Karibik, nach Nordamerika oder Asien. „Insofern wird es spannend sein zu beobachten, wie sich die Preispolitik der Flugbranche nach der Corona Pandemie entwickeln wird. Wenn der Preis stimmt und die Sicherheit gewährt ist, werden die Bürger auch wieder fliegen“, ist sich der Experte sicher.

Ferienwohnung und Wohnwagen statt Hotel

Ähnlich sieht es mit der Wahl der Unterkunft aus. All-inclusive-Urlaub – das verspricht eigentlich eine sorgenfreie Zeit, in der man sich um nichts kümmern muss. In Zeiten von Corona ist das etwas komplizierter geworden: Mundschutz im Flur und Fiebermessen vor dem Restaurant sind nur einige der Corona-Maßnahmen in Hotels. Da wundert es nicht, wenn die eigene Ferienwohnung oder der Wohnwagen plötzlich zu einer attraktiveren Alternative wird. 

Wer im Camper unterwegs ist, hat auch im Urlaub sein eigenes Reich.

„Viele Bundesbürger greifen in diesem Jahr auf individuelle Reiseformen zurück und tauschen das Hotelzimmer gegen den Camper oder die Ferienwohnung. Insbesondere das Gefühl von Freiheit, Abenteuer und Gelassenheit werden dabei viele schätzen lernen und eventuell auch in Zukunft einem klassischen Hotel vorziehen“, so Prof. Reinhardt. Allerdings sei bei Individualreisen häufig Eigeninitiative und  Improvisationstalent gefragt. Deshalb sieht er Camper, Zelt und Ferienwohnung künftig eher als Ergänzung statt als grundsätzliche Alternative.

Gesund im Urlaub?

Der „Condé Nast Traveller“ sieht auch für Gesundheitsreisen eine rosige Zukunft voraus. Urlaub rund um die Themen Fitness und Wellness könnten viele Menschen anziehen, denen während der Pandemie die Wichtigkeit ihrer Gesundheit bewusst geworden ist. Egal ob zur Erholung oder als Vorsorge: Ganzheitlicher Wellness-Urlaub könnte auch nach Corona ein Trend bleiben – oder?

Den Tag mit Yoga am Strand beginnen: Auch im Urlaub kümmern sich viele Menschen um ihre körperliche und geistige Gesundheit.

Prof. Ulrich Reinhardt sieht das skeptischer: „Für manchen Urlauber vielleicht, für die Mehrheit jedoch nicht.“ Schließlich würden es sich die meisten Reisenden gerade im Urlaub gut gehen lassen, „nicht auf die Uhr schauen, am Strand oder Pool relaxen und beim Abendessen weder auf das Dessert noch auf das Glas Wein verzichten“. Er ist sich deshalb sicher: „Urlaubspfunde werden daher auch in Zukunft daheim abtrainiert werden müssen.“

Last-minute-Urlaub

Deutsche sind eigentlich als Frühbucher bekannt: 2019 haben Deutsche ihre Reisen gerne weit im Voraus gebucht, zwei Drittel wussten im Vorjahr bereits, dass sie in diesem Jahr verreisen wollen. Das bestätigt auch Prof. Reinhardt: „In der Vergangenheit sparten, planten und freuten sich die meisten Bundesbürger viele Monate auf ihren Urlaub und buchten entsprechend früh.“

Zumindest in der nahen Zukunft werde sich das ändern: „Viele Bürger werden sich zunächst einmal zurückhalten und abwarten.“ Sobald sich die Menschen wieder sicher fühlen würden und sich Urlaub leisten könnten, würden viele spontan in den Urlaub fahren. „Langfristige Reisepläne wird es daher zwar weiterhin geben, jedoch werden langfristige Reisebuchungen wohl zumindest vorerst der Vergangenheit angehören.“ Ganz klar: Der Trend geht zu Last-minute-Reisen!

Einmalige Reiseerlebnisse

Und wenn wir dann doch lange im Voraus planen, sollte es sich auch lohnen. Denn die Pandemie hat uns gelehrt, Reisen nicht mehr so selbstverständlich zu nehmen wie zuvor. Eine mögliche Folge: Statt wie bisher möglichst oft zu verreisen und viel zu sehen, könnten wir künftig vermehrt besondere Reiseträume planen.

Vielleicht setzen wir dann endlich unsere Bucket List in die Realität um. Schließlich bereitet uns die Aussicht auf einen geplanten Trip die meiste Freude, das belegen sogar Studien. Warum dann nicht die Vorfreude auf einmalige Reiseerlebnisse maximieren?