Einen Blick über die Dächer von Genua bietet das kleine Apartment von Federico, Platz für zwei Gäste, eine Klimaanlage und Wi-Fi, alles für 46 Euro die Nacht. Ein Angebot, das sich auf den ersten Blick nicht von unzähligen anderen auf den üblichen Plattformen im Internet unterscheidet. Doch es gibt eine Besonderheit: Wer bei Federico in Genua bucht, unterstützt damit gleichzeitig eine Organisation, die in den ärmeren Vierteln der Stadt Essensspenden austeilt. Federico vermietet seine Wohnung über die Internetseite Fairbnb, die sich selbst als „gerechte Alternative“ zu anderen Buchungsplattformen bezeichnet.

Bei Fairbnb kommt die Hälfte der Vermittlungsgebühr sozialen Projekten vor Ort zugute. Fairbnb-Wohnungen gibt es bislang in sechs Städten, außer in Genua noch in Amsterdam, Venedig, Barcelona, Bologna und Valencia. Hinzukommen sollen demnächst unter anderem Berlin, Paris, London und Lissabon.

Der Name Fairbnb spielt ganz offensichtlich auf Airbnb an, eine der bekanntesten Erfindungen der Sharing Economy. Die ursprüngliche Idee war, dass sich Privatpersonen etwas dazuverdienen können, indem sie ihre Wohnung oder ihr Haus mit Touristen teilen (englisch to share). Anfangs hatte das noch ein positives Image: Günstiger als im Hotel sollte man wohnen, Land und Leute unmittelbarer kennenlernen.

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Die Schattenseiten von Airbnb

Die Realität sieht inzwischen meist anders aus. Etliche kommerzielle Anbieter vermieten gleich mehrere Apartments, in denen sie selbst gar nicht wohnen, zu immer höheren Preisen. Die Wohnungen sind meist modern und anonym eingerichtet, und die Vermieter lassen sich oft nicht einmal zur Schlüsselübergabe blicken.

Stattdessen versehen sie die Türen mit Nummernschlössern, deren Code sie per SMS verschicken. In New York sollen schon ganze Häuserblöcke auf diese Weise als Airbnb betrieben werden.

Für die Vermieter und die Plattform ist das ein gutes Geschäft. Mittlerweile macht das Portal Umsätze von bis zu über einer Milliarde Dollar – pro Quartal. Lediglich die Reisebeschränkungen wegen der Corona-Krise ließen die Zahlen einbrechen, sodass ein geplanter Börsengang verschoben wurde.

In vielen Metropolen sind die Einwohner von den „Nebenwirkungen“ von Airbnb genervt und machen ihrem Unmut bei Protestaktionen Luft – wie hier in Berlin-Kreuzberg.

Durch die Kurzzeitvermietung an Touristen schwindet jedoch Wohnraum: Anwohner werden verdrängt, und die Mieten steigen. Außerdem wandeln sich Städte durch den Massentourismus, werden teurer, gleichförmiger und gesichtsloser – sodass viele Bewohner von Metropolen Airbnb längst verfluchen. In etlichen Ländern wurden schon Vorschriften gegen solche Vermietung erlassen, doch mit Verboten ist dem Ganzen offenbar nicht beizukommen.

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„Das Problem der sogenannten Sharing Economy ist, dass es dabei nicht wirklich viel zu teilen gibt. Die Profite wandern in irgendwelche Steuerparadiese ab”, sagt Eugenio De Gregorio von Fairbnb. Schon länger gebe es daher eine Gegenbewegung, deren Ziel eine neue, nachhaltigere Form von Tourismus sei. „Es gab bereits seit einigen Jahren Aktivisten in verschiedenen Städten, die etwas verändern wollten.“ Auf Konferenzen und Veranstaltungen habe man sich getroffen – und entschieden, sich zusammenzutun: Fairbnb war geboren.

Das unterscheidet Fairbnb von der Konkurrenz

Dort läuft einiges anders als bei den großen Buchungsplattformen. Zunächst einmal ist Fairbnb kein Großkonzern, sondern eine Genossenschaft, deren Angestellte gleichzeitig Anteile halten. „Die Stimmrechte sind bei uns sehr demokratisch verteilt. Es gibt auch Investoren, diese haben aber nur sehr beschränkte Macht”, sagt De Gregorio. Einen Kredit gab es von der italienischen Banca etica, die nachhaltige Projekte fördert. Bei Fairbnb stehe nicht die Profitmaximierung im Vordergrund. „Wir wollten eine Form von Tourismus anbieten, die positive Auswirkungen hat.”

Das will man zum einen durch eine Reglementierung erreichen. Es gilt die Regel „one host one house”, was so viel bedeutet wie: ein Gastgeber, eine Wohnung. Wer sich bei Fairbnb als Vermieter registriert, darf jeweils nur ein Apartment inserieren und nicht gleich mehrere. „Je nach Standort können weitere Einschränkungen hinzukommen”, sagt De Gregorio. In Venedig etwa dürfen sich nur solche Vermieter registrieren, die selbst Venezianer sind.

Wir wollten eine Form von Tourismus anbieten, die positive Auswirkungen hat.

Eugenio De Gregorio, Fairbnb

Der Hauptsitz von Fairbnb befindet sich in Bologna. Man stehe aber in engem Kontakt zu Organisationen, die sich in den jeweiligen Städten für nachhaltigen Tourismus einsetzen. Sie bestimmen, wohin das Geld fließt, das von der Buchungsgebühr abgezweigt wird. „Es sollten unbedingt die Menschen vor Ort entscheiden, wie es sinnvoll gemeinnützig eingesetzt werden kann”, sagt De Gregorio.

Und so werden in Genua Gratisessen verteilt, in Venedig traditionelle Gondeln restauriert, um diese Kultur zu bewahren, und in Bologna Asylbewerberinnen gefördert. Zu Corona-Zeiten geht auch Geld an italienische Krankenhäuser. Wer eine Unterkunft bucht, der findet auf der Internetseite Informationen zu den Projekten.

Auch Fairbnb hat Schwachstellen

Weil Fairbnb weniger profitorientiert ist als die anderen Plattformen, kann es trotz der Unterstützung sozialer Projekte vergleichbare Preise bieten. Aber reichen die Ideen von Fairbnb aus, um den negativen Folgen des Massentourismus und der Verdrängung von Anwohnern etwas entgegenzusetzen?

Auch bei der Genossenschaft werden kaum klassische Homestays angeboten, bei denen der Besitzer im gleichen Haus wohnt. Viele der angebotenen Unterkünfte sind frisch renovierte Apartments, die den Anschein erwecken, rein kommerziell vermietet zu werden. Vermutlich schalten die Besitzer dasselbe Inserat gleichzeitig bei Airbnb, Fairbnb und Booking.com.

„Wir behaupten nicht, dass wir die Lösung aller Probleme gefunden haben”, sagt dazu De Gregorio. Dass Vermieter gleichzeitig auf anderen Internetseiten inserieren, sei erlaubt. „Wir sind ja nicht gegen die anderen Plattformen. Aber wir wollten zumindest eine Alternative anbieten.” Zudem muss Fairbnb eines Tages trotz aller gemeinnützigen Ideen profitabel werden und möglichst viele Vermieter und Kunden auf sein Portal ziehen. Ist das realistisch?

Die Corona-Krise hat den Tourismus dramatisch einbrechen lassen, Fairbnb wird aber dennoch wachsen. In den nächsten Wochen und Monaten werden die neuen Städte ins Programm aufgenommen. De Gregorio bleibt daher optimistisch: „Wir setzen darauf, dass nicht nur Urlauber, sondern auch Vermieter erkennen, dass wir einen Mehrwert gegenüber den anderen Buchungsplattformen bieten.”