Jetzt lauf!“, ruft Miha Repovz. Ich bewege mich in Richtung Abgrund. Nach ein paar Schritten finden meine Füße keinen Halt mehr, stoßen ins Leere. Wir sind abgehoben. Der Slowene Miha ist ein erfahrener Paraglider, hat schon unzählige Tandemsprünge gemacht und alle Passagiere heil auf den Boden gebracht. „Man muss aber die passenden Winde und Thermik abwarten, sonst wird es gefährlich“, hatte Miha mir vorher erklärt. Bis ich einen Flugtermin bekam, musste ich deshalb ein paar Tage warten.

Auf den 1.922 Meter hohen Berg Vogel geht es mit der Seilbahn

Zum Absprungpunkt in der Nähe des 1.922 Meter hohen Berges Vogel sind wir bequem mit der Seilbahn gelangt. Kaum haben wir abgehoben, eröffnet sich ein faszinierendes Panorama: Über den Triglav-Nationalpark im Nordwesten von Slowenien geht der Blick zu den Karawanken. „Hinter dem Gebirgszug liegt Österreich“, ruft mir Miha zu.

Unter uns erstreckt sich der Bohinjsko jezero mit seinem türkisblauen, klaren Wasser. Er wird von der Sava Bhinjka gespeist, dem kältesten Fluss Sloweniens. Im Westen ist der See zu eisig zum Baden, im Osten hingegen hat er angenehme Temperaturen. Hier planschen einige Kinder im Wasser. Außerdem sind Kanuten, Ruderer und Stand-up-Paddler unterwegs.

Da schlägt das Herz von Outdoorfans höher: In Slowenien laden klare Bergseen wie der Jezero Jasna im Nordwesten des Landes zum Baden ein.

In den Bergen sind viele Wanderer unterwegs

Am Himmel wimmelt es geradezu von Paraglidern, die teilweise von weither anreisen, weil sie hier ideale Bedingungen finden.

Wenn ich ein Fernglas dabeihätte, könnte ich sicher auch etliche Wanderer ausmachen, die sich ameisengleich in den Bergen ringsherum bewegen oder um den See laufen. Es gibt schöne Tagesausflüge, etwa zum beeindruckenden Wasserfall Slap Savica. Viele Wanderer unternehmen jedoch mehrtägige Touren durchs Gebirge.

Jeder Slowene muss einmal im Leben den Triglav bestiegen haben.

Miha Repovz, Paraglider

„Jeder Slowene muss einmal im Leben den Triglav bestiegen haben“, sagt Miha. Dessen Gipfel ist mit 2864 Metern die höchste Erhebung in den Julischen Alpen, die im Norden von Österreich und im Westen von Italien begrenzt sind. Geprägt wird die Landschaft von weißen Kalkfelsen, die weithin leuchten und die Berge schneebedeckt wirken lassen, sowie von zahlreichen Flüssen und Seen.

Das Wasser ist meist glasklar und schimmert auf dem kalkhaltigen Untergrund in verschiedenen Grün- und Blautönen. An manchen Stellen bilden sich kleine Gumpen, in denen sich Wanderer abkühlen können. Für Kanuten, Paddler und Kajakfahrer ist vor allem die Soca ein Eldorado, die sich teilweise mit reißender Geschwindigkeit durch eine wildromantische Natur windet.

Trails in den Hügeln von Idrija am südöstlichen Rand der Julischen Alpen fordern Mountainbiker heraus und bieten fantastische Ausblicke.

Soca-Tal gilt als eines der schönsten im Alpenraum

Das Soca-Tal gilt als eines der schönsten im gesamten Alpenraum und ist längst kein Geheimtipp mehr. Angezogen werden Angler sowie Reiter, Wanderer und Mountainbiker, für die es viele attraktive Strecken und Routen gibt. Auch Canyoning und Rafting sind hier und in anderen Tälern im Angebot.

Im Winter reisen Aktivurlauber in die Skigebiete etwa bei Bovec oder Kranjska Gora im Sava-Dolinka-Tal. „Immer beliebter werden Skitouren und Skilanglauf“, berichtet Marko Lenarcic, der eine Outdoor-Agentur betreibt. „Ob Sommer oder Winter: Für alle Aktivitäten werden Kurse mit erfahrenen Trainern und Guides angeboten – für Anfänger ebenso wie für Fortgeschrittene.“

Die Höhlen von Postojna mit dem Zug erkunden

Ein besonderes Abenteuer ist das Erkunden von Höhlen. Einige sind wenig erforscht und schwer zugänglich, andere dagegen regelrechte Touristen-Hotspots.

Im Höhlensystem von Postojna, das in einer Karstlandschaft in den südlichen Ausläufern der Julischen Alpen liegt, ist alles perfekt organisiert: Die Besucher werden in verschiedene Sprachgruppen eingeteilt. Dann geht es mit einer Bahn tief ins Höhlensystem hinein – vorbei an faszinierenden Formationen aus Stalagmiten und Stalagtiten, die die Natur in Jahrmillionen geschaffen hat. Dabei wird es immer kälter. Die Temperatur am Ziel beträgt gerade einmal zehn Grad. Wohl dem, der eine warme Jacke dabei hat.

Einen Abstecher in die Unterwelt lohnen die Höhlen von Postojna mit ihren prachtvollen Tropfsteingebilden, die sich über Jahrmillionen gebildet haben. Besucher fahren mit dem Zug hinein.

Unsere Führerin Lucy klärt uns über das Höhlensystem auf: „Der weiche Kalkstein wurde von dem Fluss Pivka ausgewaschen, der unter uns noch immer fließt. Die unterirdischen Gänge sind insgesamt über 21 Kilometer lang.“

Einen kleinen Teil davon durchwandern wir. Wir kommen durch Höhlen, die wie Kathedralen wirken, und enge Tunnel, in denen größere Menschen unwillkürlich den Kopf einziehen. Wir sehen Tropfsteine, die zu Vorhängen zusammengewachsen sind oder wie Spaghetti von der Decke hängen.

Grottelolme sind besonders selten

Die größte Attraktion vor allem für Kinder sind aber die Grottenolme – sehr seltene Amphibien, die sich im Laufe der Evolution den extremen Bedingungen in der ständigen Dunkelheit angepasst haben. Sie sind weißlich, ihre Augen haben sich zu Schlitzen verengt. „Sie können bis zu 100 Jahre alt werden und zehn Jahre ohne Nahrung auskommen“, erklärt Lucy.

Das ist auch nötig, denn hierher verirren sich nur selten Beutetierchen wie kleine, fast durchsichtige Krebse und Fische. Die Grottenolme können wir in schwach beleuchteten Terrarien bestaunen. Anzufassen sind sie in den zahlreichen Souvenirshops – als Kuscheltier.

Im Höhlensystem von Postojna leben Grottenolme. Die seltenen Amphibien faszinieren vor allem Kinder.

Touristisches Angebot ist groß

Slowenien, seit 1991 ein eigenständiger Staat und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union, hat seine Lektion in Sachen Marktwirtschaft schnell gelernt: Das Angebot an Souvenirs, Unterkünften, Gastronomie und Freizeitaktivitäten ist groß. Die Preise haben sich auf das Niveau anderer Alpenländer eingependelt. Vielerorts müssen Kurtaxen, Parkgebühren und Eintrittsgelder entrichtet werden – selbst für das Besichtigen von Wasserfällen. Dafür ist die Infrastruktur meist hervorragend.

Die Slowenen begegnen den Urlaubern herzlich und aufgeschlossen. Einige sprechen Deutsch, fast alle Englisch. Slowenien ist eine Art Schmelztiegel für Erholungssuchende: Besucher reisen aus verschiedenen europäischen Ländern an – aus Dänemark ebenso wie aus Litauen, Belgien oder Spanien. In dem zentral gelegenen Kleinstaat mit seinen gerade einmal gut zwei Millionen Einwohnern trifft sich im Sommer die EU. 

Kircheninsel im See hat Bled bekannt gemacht

Das wird vor allem in Bled deutlich, das noch heute den Charme eines mondänen Kurortes versprüht. Auf den Promenaden und in den Cafés am gleichnamigen See ist ein vielfältiges Sprachengewirr zu vernehmen. Stattliche Villen und in die Jahre gekommene Bettenburgen zeigen, dass der Ort eine lange touristische Tradition besitzt.

Die verdankt Bled seinem milden Klima, dem angenehm warmen Wasser sowie seinen Sehenswürdigkeiten: einer Burg, die über dem See thront, und einer kleinen Insel, auf der eine Barockkirche steht.

Sehr beliebt ist derzeit zum Beispiel der Alpe-Adria-Trail, der vom Großglockner über Slowenien nach Italien führt.

Marko Lenarcic, Outdoor-Spezialist


Wer die Julischen Alpen entdecken möchte, sollte ein Auto dabeihaben. Auch mit dem Fahrrad gelangen Urlauber zu den schönsten Orten. Allerdings sind die Strecken teilweise sehr anspruchsvoll. Die sportlichste und vermutlich spannendste Art, Land und Leute zu entdecken, ist eine mehrtägige Wandertour, sagt Outdoor-Spezialist Marko Lenarcic: „Sehr beliebt ist derzeit zum Beispiel der Alpe-Adria-Trail, der vom Großglockner über Slowenien nach Italien führt.“

Und wer nach ein paar Tagen auf Schusters Rappen in der atemberaubenden Bergwelt zurück in die Zivilisation kommt, der findet sicherlich auch noch Zeit zum Faulenzen.

Tipps für deine Reise nach Slowenien

Anreise: Flüge nach Ljubljana gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen. Mit dem Auto ist die einfachste Verbindung über Villach im Süden Österreichs. Von dort gelangt man durch den Karawanken-Tunnel schnell in die Julischen Alpen. Von München aus bestehen direkte Zugverbindungen in die slowenische Hauptstadt.

Beste Reisezeit: Im Norden von Slowenien herrscht alpines Klima, die meisten Outdoor-Aktivitäten sind in den Julischen Alpen daher zwischen Juni bis September möglich. Die Wintersportsaison dauert von Dezember bis April. Städtereisen sind das ganze Jahr über möglich.

Übernachten: Slowenien ist ein beliebtes Reiseland. Unterkünfte sollten deshalb für die Hauptsaison (Juli und August) frühzeitig gebucht werden. Das Angebot an Privatzimmern, Ferienwohnungen und Hotels in allen Preislagen ist groß. Vor allem im Soca-Tal und an den großen Seen gibt es attraktive Campingplätze. Stellflächen für Wohnmobile und Caravans sollten besser reserviert werden. In den Bergen finden sich gut ausgestattete Hütten, die meistens von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet sind.

Outdoor-Aktivitäten: Eine gute Übersicht über alle Angebote bietet die Website der offiziellen Tourismusbehörde. Viele Aktivitäten wie Paragliding oder Canyoning sind vor Ort oder über die Websites der Anbieter buchbar. Vielerorts können Fahrräder und Kajaks geliehen werden.