Am Strand spazieren, Sonne tanken und im Meer baden: Die Urlaubszeit bietet eine Flucht vom Alltag und ist damit für viele das Highlight des Jahres. Doch so sehr es potenzielle Urlauber jetzt, da die Coronavirus-Zwangspause der Touristik schrittweise ein Ende findet, in den Fingern juckt, die diesjährige Reise zu planen: In Zeiten der Covid-19-Pandemie ist nichts, wie es mal war.

Zum einen sind Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht oder Abstandsregelungen bereits vor der Ankunft am Ziel an der Tagesordnung. In zahlreichen Ländern sind Reisende sogar dazu verpflichtet, sich vorab anzumelden oder einen negativen Coronavirus-Test vorzulegen.

Zum anderen droht das Risiko einer Infektion, was der Vorstellung von überfüllten Stränden, Märkten und Sehenswürdigkeiten einen bitteren Beigeschmack verleiht. Denn die Krise gehört – obwohl es sich mitunter so anfühlt – noch nicht der Vergangenheit an.

An dieser Stelle entsteht ein Problem, das in diesem Sommer womöglich von Dauer ist: Während die Touristik im Ausland wegen der ausbleibenden Buchungen und vermehrten Stornierungen mit finanziellen Einbrüchen kämpft und weiter auf Urlauber hofft, gibt es in Deutschland mitunter keinen Platz mehr.

Wie die Corona-Krise das Reisen 2020 verändert

Spanien war in den vergangenen zwei Jahren laut einer Erhebung des Statistikportals Statista das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen, danach folgten Italien, die Türkei und Österreich. 

„Normalerweise reisen zwei Drittel der Urlauber hierzulande ins Ausland“, sagt Jürgen Schmude, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT) und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, dem reisereporter. „Doch die Corona-Krise verändert die Verteilung der Wunschziele.“

Urlaub in Deutschland wird immer gefragter: Im Mai ergab eine Analyse von Infratest Dimap, dass 31 Prozent der Deutschen wegen Corona innerhalb des eigenen Landes verreisen. Dieser Anteil ist einer im Juli veröffentlichten Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey zufolge weiter gestiegen – und zwar auf fast 36 Prozent.

Die Entwicklung hänge damit zusammen, dass die Politik die Bürger wegen der Covid-19-Pandemie aufforderte, in Deutschland zu bleiben, meint Schmude. In Hinblick auf die Kapazitäten der Beherbergungsbetriebe führe der Appell jedoch zu Problemen: „Wir sind hierzulande gar nicht in der Lage, alle deutschen Touristen in Deutschland aufzunehmen.“

Zudem sei ein Trend in Bezug auf die Buchungen von Unterkünften erkennbar. Denn in Zeiten der Krise gewönnen sowohl Campingplätze als auch Ferienwohnungen und -häuser an Bedeutung. Gleiches gelte für Individualreisen mit dem eigenen Fahrrad oder Auto.

Eine Bewegung, die womöglich auf Ratschlägen von Infektiologen und Virologen beruht. Viele von ihnen legten potenziellen Touristen ans Herz, in diesem Jahr auf Selbstversorgung zu setzen. Der Grund: eine geringere Coronavirus-Infektionsgefahr.

Reisen trotz Corona: Ist der Massentourismus bald Geschichte?

Ferienhaus statt Hotel, Ostsee statt Ballermann: Der Trend für 2020 ist klar. Ein Ende des Massentourismus ist Schmude zufolge trotzdem nicht in Sicht: „Die Nachfrage ist an den Hotspots nach wie vor am stärksten.“ Allerdings profitierten auch kleinere Regionen, die im Normalfall oft im Schatten der beliebten Urlaubsziele stehen, von der Entwicklung des Reiseverhaltens.

Die entstandenen Verluste der letzten Wochen gleiche das aber nicht aus. Und: „Wir haben eine größere Gruppe von Leuten, die gar nicht verreisen“, sagt der Experte. Schuld daran seien unter anderem die Schutzmaßnahmen, die in Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie stehen. Denn die Vorstellung von Desinfektionsspendern und Mund-Nasen-Bedeckungen am Strand sei für viele nicht das, was sie mit der schönsten Zeit des Jahres, der Urlaubszeit, verbinden. Hinzu kommt die Angst vor einer Ansteckung.

Massentourismus: Ist die Sorge vor einer Corona-Infektion berechtigt?

„Jede Form von Mobilität bedeutet ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren“, sagt Schmude. „Vor allem, wenn Urlauber sich nicht an die aktuellen Richtlinien halten, steigt die Gefahr.“

Und dass es durchaus Touristen gibt, auf die das zutrifft, zeigten in jüngster Vergangenheit Aufnahmen aus Kroatien, Bulgarien, Frankreich und Spanien: Auf den beliebten Feiermeilen der Länder waren lange Warteschlangen vor Diskotheken und überfüllte Partyboote auf dem Meer kurzzeitig an der Tagesordnung.

Die Gefahr einer zweiten Infektionswelle sieht Matthias Stoll, Infektiologe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), dabei zwar nicht. Allerdings seien neue Covid-19-Hotspots sowie daraus resultierende Neuinfektionen denkbar. „An diesen Stellen drohen Einschränkungen für potenzielle Urlauber, etwa im Falle einer Überschreitung der 50 Fälle pro 100.000 Einwohner“, sagt er. 

Risiko des Corona-Anstiegs in Städten am größten

Unter diesen Risiken leidet laut Schmude vor allem der Städtetourismus. Der Grund: In Städten rechne ein Großteil der Touristen mit zahlreichen anderen Menschen. „In Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gewinnt es daher an Bedeutung, wie risikofreudig jemand ist“, erklärt Schmude. „Wer nicht bereit ist, das Wagnis, das Reisen jetzt mitbringen, einzugehen, lässt es im besten Fall.“

Welche Vorteile bieten Reiseziele fernab von Menschenmassen?

Wer zwar besorgt, aber trotzdem interessiert an einem Urlaub ist, hat die Möglichkeit, selbst Vorkehrungen zum Schutz vor einer Coronavirus-Infektion zu treffen. Dazu zählen etwa herkömmliche Hygienemaßnahmen wie das regelmäßige Händewaschen. Außerdem haben Urlauber die Chance, ein Ziel zu wählen, das bei Touristen weitestgehend unbekannt ist.

Ein solches Ziel helfe vielen, sich bei einer Reise im Jahr 2020 sorgloser und damit wohler zu fühlen. „In diesem Fall ist die Gefahr, auf größere Menschenansammlungen zu treffen, geringer“, sagt Schmude. „Und das erleichtert Social Distancing.“ Zudem biete ein Ausflug an Orte, die möglicherweise nicht an erster Stelle der Bucket List stehen, eine gewisse Exklusivität, da Urlauber die Natur intensiver erlebten.

„Klären Touristen vorab, was sie von ihrem Urlaub erwarten, haben sie die Möglichkeit, ein passendes Angebot zu wählen“, meint der Experte. „Klar ist: Der Massentourismus gehört nicht der Vergangenheit an.“ Im Gegenteil – die weltweiten Reiseströme wüchsen weiter an. Prognosen nach steigt die Zahl der internationalen Ankünfte in den nächsten zehn Jahren um 400 Millionen an.