ThailandUSA oder Australien: Fernreiseziele sind aufgrund der Coronavirus-Pandemie mittlerweile gefühlt noch weiter weg. Und auch sonst hat sich unser Reiseverhalten durch die Krise nachhaltig verändert: Wir bleiben in diesem Sommer lieber in Deutschland, anstatt in die weite Welt auszuströmen und neue Kulturen und Landschaften zu erkunden.

Und wer anfänglich dachte, das Coronavirus verschwinde so schnell, wie es gekommen ist, der wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Die Sorge vor der zweiten Welle wächst. Die Pandemie begleitet uns nun auch in den Sommer-Urlaub – egal, ob er in Deutschland, am Strand von Mallorca oder im verlgeichsweise leeren Venedig stattfindet.

Wie reisen wir nach der Corona-Pandemie?

Und viele Forscher sind sich sicher: Das Virus wird uns langfristig begleiten. Wie wirkt sich die anhaltende Pandemie auf unseren Urlaub aus? Wir haben mit dem Reiseforscher Jürgen Schmude gesprochen. Im Interview hat er außerdem erzählt, warum die Maskenpflicht auf Reisen gern mal vergessen wird. 

Herr Schmude, Sie sind gerade für längere Zeit in Frankreich. Wie ist die Lage dort?

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Jürgen Schmude: In Frankreich ist es noch recht ruhig. Der Frankreich-Tourismus ist noch nicht wirklich wieder am Laufen.

In Deutschland bekommt man hingegen den Eindruck, der Tourismus erlebe einen regelrechten Boom durch die Corona-Krise. 

Jürgen Schmude: Der große Ansturm an der deutschen Küste oder in Bayern ist in der Hochsaison ganz normal. Er reicht also nicht aus, um die Verluste der vergangenen Monate auszugleichen. Es wird lediglich das Minus verkleinert.

Warum reicht es nicht zumindest für einen wirtschaftlichen Ausgleich? 

Jürgen Schmude: Inlandstouristen können fehlende Auslandstouristen in Deutschland nicht ausgleichen, weil die Ziele sich schlichtweg unterscheiden. Ausländer kommen vor allem für Städte- und Kulturreisen nach Deutschland, der Binnentourismus konzentriert sich auf Erholung und Natur. Die Metropolen haben in diesem Sommer also viel weniger Touristen.

Warum manche Urlauber sich nicht an die Maskenpflicht halten

Nun erreichen uns in letzter Zeit aber auch immer wieder Bilder von Touristen ohne Mundschutz und von überfüllten Stränden. Sind uns Regeln im Urlaub egal?

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Jürgen Schmude: Urlaub ist für uns schon lange zu einem Grundbedürfnis geworden. Und die schönste Zeit des Jahres beschränkt sich für viele Menschen mittlerweile auf rund zwölf Tage. Und in dieser Zeit wollen sich viele Menschen einfach nicht einschränken. Das war aber auch schon vor dem Coronavirus so: Im Alltag wird Müll getrennt, im Urlaub alles zusammengekippt. Auf Reisen wollen sich Touristen nicht mit Problemen rumschlagen, also wird auch schneller mal die Maske weggelassen.

Hat die Pandemie auch positive Auswirkungen auf unser Reiseverhalten?

Jürgen Schmude: Die Naturorientierung steigt durch die Pandemie enorm an. Dadurch steigt auch die Wertschätzung für das Klima und die Umwelt. Die Entwicklung begann allerdings bereits vor Corona – mit der Fridays-for-Future-Bewegung. Die ist zwar aktuell aus den Schlagzeilen, aber nicht aus dem Bewusstsein der Reisenden verschwunden.

Urlauber wollen also in Zukunft anders reisen. Aber gibt es denn auch von der Anbieter-Seite neue Ansätze durch die Corona-Krise?

Jürgen Schmude: Es gibt bereits einzelne kreative Ansätze in Hotels und von Reisebüros, um Urlauber anzufüttern. Die meisten Anbieter versuchen aber, zurück zum „business as usual“ zu kommen, und bieten munter Pauschalreisen an. Ob das die richtige Lösung ist, wird sich zeigen. Aber wenn der Fokus von Urlaubern auf dem Thema Nachhaltigkeit bleibt, braucht es langfristig neue Konzepte für diese Zielgruppe.

Warum wir nicht mehr so reisen werden wie vor Corona

Filme über das Reisen heben die Lust auf den eigenen Urlaub. (Symbolbild)

In einem früheren Gespräch haben Sie von einem möglichen Nachholeffekt in Sachen Reisen gesprochen, der mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen eintreten könnte. Ist dieses Phänomen bereits eingetreten?

Jürgen Schmude: Der prognostizierte Nachholeffekt findet definitiv noch nicht statt. Das liegt aber auch daran, dass die Corona-Lage sich noch nicht wirklich entspannt hat und eine große Verunsicherung bei Reisenden herrscht.

Verunsicherung herrscht ja insbesondere bei Auslandsreisen. Werden wir irgendwann wieder reisen wie vor der Krise? 

Jürgen Schmude: Auslandsreisen werden nicht mehr so sein wie vor der Pandemie. Wir werden zwar definitiv wieder reisen, aber nicht mehr so wie früher. Im Mai hat ein Viertel der Bevölkerung in einer Umfrage noch angegeben, in Zukunft anders reisen zu wollen. Dabei geht es vor allem darum, bewusster und nachhaltiger Urlaub zu machen, also folglich auch nicht mehr so häufig in den Flieger zu steigen.

Warum die Pauschalreise ein bewährtes Modell ist

Stichwort Pauschalreise: Sie wurde bereits mehrmals totgesagt, hat aber gerade wieder etwas Aufwind, oder?

Jürgen Schmude: Ja, Pauschalreisen wurde schon oft das Ende prognostiziert, aber sie werden unter anderem wegen der Sicherheit, die sie bieten, nicht aussterben. Es gibt aber eben auch Menschen, die trotz Unsicherheit lieber eine Individualreise unternehmen. Das ändert auch die Pandemie nicht.

Aktuell sind vor allem Pauschalreisen innerhalb Europas gefragt, Fernreisen sind nur vereinzelt möglich. Wann normalisiert sich das?

Jürgen Schmude: Der Fernreisesektor wird sehr lange brauchen, um sich zu erholen. In den letzten Jahren ist die Nachfrage hier moderat gestiegen, zuletzt waren neun Prozent aller Hauptreisen in Deutschland eine Interkontinentalreise. Das wird so schnell nicht wiederkommen, vor allem wegen der großen Unsicherheit durch die Pandemie.

Unsicherheit herrscht auch in Bezug auf Kreuzfahrt-Tourismus. Wie sieht die Zukunft der Branche aus?

Jürgen Schmude: Experten im Kreuzfahrt-Tourismus rechnen mit einem Trend zu kleineren Schiffen. Qualität und Sicherheit werden wichtiger, die Reisen damit aber auch gleichzeitig teurer.

Wie viel Geld wir künftig für den Urlaub brauchen

Was würden Sie Leuten raten, die aktuell nicht wissen, ob sie reisen sollen oder nicht?

Jürgen Schmude: Auch mit dem Coronavirus kann man gut reisen. Als Urlauber trägt man aber die Verantwortung, auch am Reiseziel geltende Corona-Regeln einzuhalten. Und in diesem Sommer würde ich nicht unbedingt dahin fahren, wo gerade alle hinfahren, sondern vielleicht mal etwas unbekanntere Ziele ausprobieren.

Zum Schluss noch ein etwas leidiges Thema: Geld. Wird reisen durch die Corona-Pandemie teurer?

Jürgen Schmude: Mobilität insgesamt wird teurer werden, das gilt auch für das Fliegen. Bleibt man bei dem Nachhaltigkeitsgedanken, ist das ja eine wünschenswerte Entwicklung. Der Urlaub wird zwar kein Luxusgut werden, wie es im 19. Jahrhundert der Fall war, aber Billigflüge für zehn Euro wird es auch nicht mehr geben.

Nun hat die Krise auch Auswirkungen auf Unternehmen in der Reisebranche. Rechnen Sie mit weiteren Insolvenzen?

Jürgen Schmude: Ich befürchte, der Höhepunkt der Insolvenzwelle im Reisesektor ist noch nicht erreicht. Es wird vermutlich nicht die ganz Großen treffen, wie auch die Rettung der Lufthansa zeigt. Aber kleine und mittlere Unternehmen haben teilweise zu kämpfen, vor allem jene, die bereits vor der Pandemie in der Krise gesteckt haben. Aber das kann auch eine Chance für neue Konzepte sein. Es gibt immer auch eine schöpferische Kraft in der Zerstörung.