Kroatien, Italien und Spanien vermelden steigende Infektionszahlen und verschärfen teilweise Corona-Maßnahmen, Bilder von Mallorca, aus Kopenhagen und London zeigen Menschenmassen beim Feiern und Baden.

Gesundheitsminister Spahn: „Aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird“

Ein Grund dafür sind feiernde Party-Touristen. Am Ballermann hatten am Freitagabend Hunderte Touristen gefeiert – teils ohne Abstand und Mundschutz. Deutschlands Gesundheitsminsiter Jens Spahn äußerte sich am Montag in einer Pressekonferenz besorgt: „Die Bilder, die wir am Wochenende von der Deutschen liebsten Insel gesehen haben, von Mallorca, besorgen mich. Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird.“

Droht wegen Sommerurlaub die zweite Corona-Welle?

Droht mit den erst kürzlich geöffneten Grenzen in und außerhalb der EU, der aufgehobenen Reisewarnung für viele Länder und dem Sommerurlaub nun die zweite Welle? War die Öffnung der Grenzen Anfang bis Mitte Juni zu voreilig?

„Bisher haben die neuen Ausbrüche nichts mit Tourismus zu tun“, sagt Infektiologe Matthias Stoll dem reisereporter. „Es betrifft nicht vorwiegend Touristen-Gebiete, es handelt sich eher um lokale Ausbruchs-Zentren, wie es bei uns Gütersloh oder Göttingen waren.“ Ganze Staaten seien also keine Risikogebiete. 

Sonnenbaden in Kopenhagen – da bleibt kein Platz für Sicherheitsabstand.

Also bequem zurücklehnen und doch in Urlaub fahren? Ganz so schön, wie es klingt, ist das mitunter nicht. Denn in Kroatien gilt ein Geschäftsreisender als Ausgangspunkt für die neuen Infektionszahlen. In Galicien, eine der in Spanien kürzlich abgeriegelten Regionen, soll sich das Virus über Bar-Besucher verbreitet haben.

Corona-Risiko Großbritannien: Entwicklungen bedenklich

„An vielen Stellen auf der Welt werden Lockerungen vorgenommen – und an einigen ist das zu früh oder zu schnell. Neuseeland dachte schon, verschont zu bleiben, und erlebt nun das Gegenteil“, sagt Stoll über die aktuelle Covid-Situation. 

Die Welt sei noch in einer unübersichtlichen Phase, und einzelne Länder und deren zu frühe Lockerungen stellten ein Risiko dar. „Die Entwicklungen in Großbritannien sind höchst bedenklich. Es ist dort längst nicht so entspannt, wie die Regierung es darstellt“, sagt Stoll.

Angst vor der zweiten Welle: Briten als Risiko auf Mallorca?

Wenn Briten nun bald wieder durch Europa reisen und etwa auf Mallorca deutsche und andere europäische Touristen treffen, könnte Covid-19 wieder umgehen. Denn wie zu Jahresbeginn in Ischgl könnten Rückkehrer das Virus wieder durch die Welt tragen.

Immerhin wisse man im Urlaub meist auch nicht so gut wie in seinem heimischen Umfeld, wen man getroffen habe – und Maßnahmen wie die Corona-Warn-App helfen auch nur hierzulande. Fürs Ausland müssten neue Apps installiert werden.

Seit dem Wochenende sind Pub-Besuche in London wieder möglich: Massen feierten im Ausgehviertel Soho.

Deshalb seien die Bilder aus London voriges Wochenende, als die Bars wieder geöffnet hatten, ein Warnsignal. Denn so gibt es zwar in den Pubs Regeln (analog zu den Hygiene-Regelungen in Hotels und Restaurants), und Kontrollen sind möglich – diejenigen, die sich aber auf den Straßen davor zusammenrotten, seien unkontrollierbar.

Und auch auf Mallorca deutet sich an, wohin es im schlimmsten Fall gehen könnte: Während der Ballermann geschlossen hat und es wohl keine Saison geben wird, wird außerhalb von Magaluf und Palma wieder fröhlich gefeiert. Dicht an dicht drängen sich Menschen auf der Bierstraße am Ballermann oder in Punta Ballena in Magaluf und vergessen mit steigendem Alkoholpegel die Hygieneregeln bezüglich Covid-19.

Allein am Wiedereröffnungsabend zum Sommer von „Krümels Stadl“ in Paguera rückte die Polizei zweimal aus, weil Gäste sich nicht an Sicherheitsabstände und die Maskenpflicht hielten. Die Konsequenz: In dieser Woche wird entschieden, ob nun auch die Bars und Clubs in Paguera wieder schließen müssen.

Infektiologe warnt: Manche Zusammenkünfte sind nicht kontrollierbar

„Jeder will der Erste sein, der ankommt. Dann gibt es das Gedränge am Eingang oder schon vorher in den öffentlichen Verkehrsmitteln“, warnt Stoll. Da helfe es nur, an die Vernunft der Menschen zu appellieren – was bisher bei vielen geklappt habe, bei einigen aber eben nicht.

Eine zweite Welle und wie ausgeprägt diese sein kann, hänge vom Risikobewusstsein jedes Einzelnen ab, so Stoll – sowohl beim Verhalten im Urlaub als auch bei der Rückkehr sowie auf Reise selbst.

Coronavirus-Infektion auf Flügen möglich? Studie untersucht Risiko

Wie hoch beispielsweise das Risiko ist, sich auf einem der Flüge Richtung Sommerurlaub mit dem Coronavirus zu infizieren, das ist gerade Gegenstand mehrerer Studien. Forscher am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen beschäftigen sich zum Beispiel mit der Ausbreitung virusbeladener Tröpfchen in Zügen und Flugzeugen.

Sie untersuchen die Ausbreitung der Tröpfchen sowohl im Rahmen einer Computer-Simulation als auch in Form eines Experiments. Das Ziel: Ansätze für möglichst sichere Reisen bieten.

Mögliche zweite Corona-Welle: Risikobewusstsein jedes Reisenden entscheidend

Infektiologe Stoll, der an der Medizinischen Hochschule Hannover als Oberarzt arbeitet, relativiert am Ende das Risiko aber: Er gehe nicht von einer ähnlichen Ausbreitung wie im Frühjahr aus. „Das Bewusstsein ist inzwischen viel höher, von Ischgl wurden wir im März kalt erwischt. Jetzt gibt es ganz andere Testmöglichkeiten, die einen Flächenbrand verhindern“, sagt Stoll. Mehr Tests sind verfügbar, die Ergebnisse schneller ausgewertet.

Dennoch ist es für Stoll auch wichtig, nun den nächsten Schritt Richtung Normalität zu gehen, gegen Reise-Erleichterungen im Allgemeinen spricht aus seiner Sicht nichts. „Die meisten Länder handeln verantwortungsbewusst. Wir müssen ausprobieren, wie weit wir gehen können, ohne ein blaues Auge zu riskieren“, sagt Stoll – und ergänzt: „Das Risiko müssen wir zulassen.“