Wer aufs Fliegen verzichtet, bekommt mehr Urlaub – dieses Angebot hat die Frauengenossenschaft „Weiberwirtschaft“ ihren Mitarbeiterinnen im vergangenen Jahr gemacht. Konkret hat die Firma, die Gründerinnen und Unternehmerinnen unterstützt, jeder Mitarbeiterin, die das Flugzeug gegen Zug, Camper oder Auto eintauscht und damit eine längere Anreise in den Urlaub in Kauf nimmt, drei Tage Urlaub obendrauf versprochen.

Was es damit auf sich hat? Der reisereporter hat mit Geschäftsführerin Katja von der Bey über das ungewöhnliche Projekt gesprochen. 

Frau von der Bey, fünf von insgesamt sieben Mitarbeiterinnen Ihres Unternehmens haben sich an dem Projekt beteiligt und im vergangenen Jahr Urlaub ohne Flugzeug gemacht. Wohin gingen die Reisen?

Katja von der Bey: Die Kolleginnen, die den Extraurlaub bei Flugverzicht in Anspruch genommen haben, sind zum Beispiel nach Rom oder zu anderen Reisezielen im Süden Europas gefahren.

Was haben Ihre Kolleginnen für Erfahrungen mit der Anreise auf dem Landweg innerhalb Europas gemacht?

Mit guter Vorbereitung und etwas Flexibilität ist eine Zugreise innerhalb Europas machbar. Allerdings muss man sich teilweise in die nationalen Zugverbindungen einlesen, da die einzelnen Länder nicht immer miteinander vernetzt sind.

Gibt es abgesehen von dem Zeitfaktor einen entscheidenen Unterschied zwischen der Zugreise und dem Flug?

Der europäische Zugverkehr ist noch nicht wirklich auf dem neuesten Stand der Digitalisierung angekommen, anders als der Flugverkehr, bei dem man recht schnell die richtige Verbindung findet.

Was Nachhaltigkeit mit dem Geschlecht zu tun hat

Ein großer Vorteil der Zugreise ist allerdings die gute Öko-Bilanz im Vergleich zum Flugzeug. Aber wie kam es denn überhaupt zu dem doch eher ungewöhnlichen Ansatz?

Umweltschutz beschäftigt unsere Genossenschaft schon seit vielen Jahren, der Schritt in Richtung des Projektes war also letztendlich nur konsequent. Und Reisen ist ein Hobby, das in den letzten Jahren bei vielen Menschen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Leider machen dadurch viele Leute aber auch leichtfertig Urlaub, ohne dabei an die Umwelt zu denken. Uns war es deshalb ein Anliegen, einen Schritt zu mehr Nachhaltigkeit auf Reisen zu gehen.

In welchen anderen Bereichen sind Sie denn noch auf umweltfreundliche Alternativen umgestiegen?

Unsere Genossenschaft beschäftigt sich auch mit Nachhaltigkeit in anderen Lebensbereichen. So haben wir etwa deutlich mehr Fahrradparkplätze vor dem Büro als Autoparkplätze. Wir appellieren auch an unsere Mitarbeiterinnen, sich im Zweifel für das Rad oder den öffentlichen Nahverkehr zu entscheiden.

Die „Weiberwirtschaft“ ermuntert ihre Mitarbeiterinnen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. (Symbolfoto)

Nun sind bekannte Charaktere der Klimabewegung überwiegend weiblich, und auch Sie führen ein reines Frauenunternehmen und setzen sich vermehrt für Nachhaltigkeit ein. Ein Zufall?

Es ist bestimmt kein Zufall, dass wir als reine Frauengenossenschaft uns schon seit Jahren mit umweltfreundlichen Lösungen auseinandersetzen. Sorgearbeit ist ja noch immer eine Sache, die eher Frauen obliegt. Und dass die Verantwortung für Natur und Umwelt bei Frauen eine größere Rolle spielt als bei Männern, ist sicher nicht genetisch, aber anerzogen.

Warum das Projekt trotz Corona-Krise Zukunft hat

Und trotzdem gibt es mittlerweile einige Unternehmen, darunter vor allem kleinere Firmen, die das Projekt adaptiert haben. Was sollten Nachahmer bei der Umsetzung beachten?

Ich wurde oft gefragt, wie man denn verhindern könne, dass Mitarbeiter bei dem Projekt schummeln. Bei kleineren Unternehmen geht es meistens persönlicher zu, da ist es unwahrscheinlich, dass sich jemand einen Urlaub ohne Flugzeug ausdenkt. Größere Unternehmen müssten dafür allerdings eine Regelung finden, die das Schummeln erschwert und kostentechnisch umsetzbar ist.

Gibt es denn neben der guten Öko-Bilanz noch weitere positive Auswirkungen des Projektes?

Der Extraurlaub für Flugverzicht ist in Zeiten des Fachkräftemangels natürlich auch ein sehr gutes Argument, wenn es um die Gewinnung neuer Mitarbeiter geht. Denn Zeit ist ein wichtiger Faktor, und vor allem freie Zeit wird immer wichtiger für junge Arbeitnehmer.

Also geht das Projekt in diesem Jahr trotz Corona-Pandemie in die zweite Runde?

Ja, auch in diesem Jahr führen wir das Projekt weiter. Dabei ist es ganz egal, ob die Kolleginnen letztendlich mit dem Auto, Camper, Bus oder Zug verreisen, Hauptsache, sie verzichten auf das Flugzeug. Sogar Fahrradreisen werden ja durch die Pandemie derzeit sehr populär.

Warum es manchmal eben doch das Flugzeug sein muss

Aber mal Hand aufs Herz: Wann sind Sie denn das letzte Mal in den Flieger gestiegen?

Ich bin tatsächlich im vergangenen Sommer das letzte Mal geflogen. Mein Ziel Pedra Santa in der Nähe der italienischen Stadt Pisa war nämlich mit dem Zug schlichtweg nicht zu erreichen. Da ich zusätzlich ein beschränktes Urlaubsbudget hatte und die Regelung für mich als Chefin ja ohnehin nicht gilt, habe ich mich also für eine Strecke mit dem Flieger entschieden. Den Rückweg habe ich dann aber mit dem Zug angetreten. Dafür bin ich fünfmal umgestiegen und hatte fünfmal Verspätung.

So ganz ohne das Flugzeug geht es also auch nicht.

Ja, für manche Reisen ist der Zug nicht unbedingt das beste Reisemittel.

Corona sorgt gerade dafür, dass viele Menschen lieber komplett zu Hause bleiben, als auf Reisen zu gehen. Denken Sie, dass sich das Reisen durch die Pandemie verändern wird?

Die Corona-Krise hat vielen Menschen in meinem Umfeld gezeigt, welche Bedeutung das Reisen eigentlich hat. Ich hoffe, dass diese Wertschätzung auch nach der Pandemie noch bestehen bleibt und auch den Wert des Tourismus vor Ort einbezieht.

Wagen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft: Wie sollten wir in den kommenden zehn Jahren reisen?

Ich finde, reisen ist und bleibt wichtig und lebensbereichernd. Für die Zukunft des Reisens würde ich mir wünschen, dass der Fokus auf mehr Qualität statt Quantität liegt. Dass wir etwa, statt mehrmals im Jahr nach Mallorca zu fliegen, uns einen großen Urlaub gönnen. Für diese eine Reise könnten wir uns dann mehr Zeit nehmen, um vor Ort die Menschen und die Kultur wirklich kennenzulernen.