Eine echte Galette ist Handarbeit – und was für eine: Kei Saito streift sich einen Einmalhandschuh über und kippt die Grundzutaten für diese herzhafte Variante eines Crêpes in ihre große Metallschüssel – Buchweizenmehl, Wasser und Salz. Das war’s.

Mit rhythmischen Bewegungen ihres Arms greift die gebürtige Japanerin wie ein Mixer in die Schüssel und mischt einen lockeren Teig daraus. Gelernt ist gelernt – Saito, die hier im Atelier de la Crêpe in Saint-Malo die Kunst des Backens lehrt, wurde immerhin schon als beste Crêpière der Bretagne ausgezeichnet. Dazu gehört natürlich noch mehr: die richtige Zubereitung.

Perfekte Galette ist nicht so einfach

Saito gießt eine Kelle ihres Teigs auf eine 250 Grad heiße, runde Platte und verteilt ihn mit zwei, drei Handbewegungen wie selbstverständlich. Einmal wenden, mit gekonnten Bewegungen zusammengeklappt, und eine perfekte Galette landet auf dem Teller. Sieht kinderleicht aus – ist es aber nicht. Das merkt, wer anschließend selbst an die Platte tritt, um es zu versuchen. Selbst wer den Teig rechtzeitig verteilt bekommt, bevor er auf der Platte hart wird, scheitert spätestens beim Zusammenfalten.

Crêpe-Meister Bertrand Larcher weiß wie kaum ein anderer, worauf es beim Essen ankommt – und lehrt es anderen in seiner Schule.

Kochschule vermittelt Kunst der Crêpe-Zubereitung

„Wer es richtig lernen will, kann bei uns zwei- oder sechswöchige Kurse belegen“, sagt Bertrand Larcher. Der Profi-Crêpier hat sich mit der Kochschule Atelier de la Crêpe in seiner Heimatstadt Saint-Malo einen Traum verwirklicht. Einen weiteren. Denn zuvor hatte Larcher bereits Mitte der Neunzigerjahre in Tokio und später in Paris Crêperien eröffnet, auch für New York hegt er Pläne.

Es sind keine kleinen Buden, wie man sie zu Hause von der Kirmes kennt, sondern richtige Restaurants, auf deren Karten mehr oder weniger zwei Gerichte stehen: Crêpes und Galettes – die jedoch belegt in zig Varianten.

Was die Pizza Napoli geschafft hat, können wir auch.

Betrand Larcher, Inhaber der Kochschule Atelier de la Crêpe

Für Larcher ist die Galette nicht nur irgendein Gericht; es ist ein Stück bretonischer Identität. Deswegen kämpft der 53-Jährige zurzeit dafür, dass der dünne Buchweizenpfannkuchen Weltkulturerbe wird. „Was die Pizza Napoli geschafft hat, können wir auch“, ist sich Larcher sicher.

Ein Team aus Experten hat er zusammengestellt. Wenn alles gut gehe, so hofft er, könne die Galette in zwei Jahren den besonderen Schutz der Unesco genießen. Zumindest sofern er die Entscheider überzeugt.

Einfach entspannen: In der Bucht von Cancale geht das gut mit Boot.

Meeresfrüchte spielen eine wichtige Rolle

Jerôme Foyer überzeugt seine Gäste eigentlich schon mit der malerischen Bucht von Cancale, nur eine gute Viertelstunde östlich von Saint-Malo, zu deren Besuch er sie in sein Boot einlädt. Doch auch er sorgt für Verpflegung: Selbst gemachtes Rillette hat mitgebracht, ein Brotaufstrich, der in Frankreich üblicherweise aus Fleisch hergestellt wird.

Weil die Bretagne aber traditionell vom Fischfang lebt, haben sich hier andere Zutaten eingebürgert, aus dem Meer. Foyer nutzt Makrelen und Jakobsmuscheln. „Ça marche“, das läuft gut, sagt er. Ein Satz, den man hier in der Gegend oft hört. Vermutlich, weil alles so gut läuft. Und selbst wenn nicht, kann man eventuellen Ärger ja immer noch mit einem Glas Cidre hinunterspülen.

Zu den Spezialitäten der Bretagne gehören auch frische Meeresfrüchte.


Yannick Heide ist Sommelier, und weil Wein eher eine Sache für den großen Rest von Frankreich ist, hat er sich auf Cidre spezialisiert. In seinem Geschäft in der historischen Altstadt von Saint-Malo verkauft er Dutzende von Sorten, mal fruchtig-süß, mal herb. Typisch bretonisch sei dieser Apfelwein vor allem mit Kohlensäure und halbtrocken, sagt Heide. Den Geschmacksrichtungen aber seien keine Grenzen gesetzt.

Lupe in Asterix-Comics weist auf die Bretagne

Es dürfte kein Zufall sein, dass die Lupe auf der Gallien-Karte in den Asterix-Comicheften auf die Bretagne zeigt. Das kleine, gallische Dorf, dem die Römer nicht beikommen konnten – es scheint der Inbegriff der bretonischen Mentalität.
Bis heute sehen sich viele Bewohner in diesem Landstrich am Ärmelkanal zuallererst als Bretonen – eher nebenbei auch als Franzosen. Wenn überhaupt. Die eigene Flagge, ein schwarz-weißes, vom Aufbau her der US-Flagge ähnliches Gebilde aus neun Streifen und elf Hermelinschwänzen, zeigt man gern. Die Trikolore aus Paris hingegen eher selten.

Bretonisch, eine Sprache, die auf die Kelten zurückgeht und die mit dem Gälischen auf der anderen Seite des Ärmelkanals verwandt ist, wird bis heute bewahrt. Und dass sie hier in einem der schönsten Teile Frankreichs leben, erwähnen die meisten Bewohner nicht. Sie wissen es; das genügt.

Saint-Malo war einst Korsarenhochburg

Saint-Malo strahlt bis heute diesen ganzen Stolz aus. Vor Jahrhunderten entstand die Altstadt hier im Norden der Bretagne auf einer Art Halbinsel wie eine Festung. Korsaren stachen von hier aus in See, um im Namen der Herrscher auf Beutejagd zu gehen. „Ein Freibrief garantierte ihnen Straffreiheit, sollten sie doch mal gefasst werden“, erklärt Nathalie Foligné, die Besucher durch die nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu wiederaufgebaute Altstadt führt.

Und ein Drittel der Beute durften sie stets behalten – was den Reichtum erklärt, den Saint-Malos historischer Kern bis heute ausstrahlt.

In Saint-Malo gibt es auch Sehenswürdigkeiten wie das Fort National auf einer vorgelagerten Insel.

Klosterberg ist eine der Hauptattraktionen in der Region

Dicht gedrängt stehen die Gebäude aus Granit und anderem Stein innerhalb der Stadtmauer, dazwischen Gassen und reges Treiben. Saint-Malo ist neben dem nur gut 50 Kilometer entfernten Klosterberg Mont-Saint-Michel eine der beiden Hauptattraktionen der Region. Dabei steht die Gezeiteninsel Mont-Saint-Michel streng genommen nicht mehr in der Bretagne – der Couesnon, ein Grenzfluss, der hier in die Bucht fließt, schlägt sie bereits der Normandie zu.

Die Gezeitenunterschiede sind extrem in diesem Teil Frankreichs. Alle sechs Stunden hinterlässt die Ebbe einen Teppich aus Watt, so weit das Auge reicht. Wieder sechs Stunden später schwappen die Wellen an den Strand, mal eher gemächlich, mal mit einem lauten Aufbäumen.

Von solchen Geräuschen kann man in der bretonischen Hauptstadt Rennes nur träumen. Sie liegt knapp 1,5 Autofahrstunden von der Küste entfernt und ist ein pulsierendes Zentrum. 220.000 Einwohner, davon allein 60.000 Studenten, dazu ein intakter mittelalterlicher Kern und jede Menge Gelegenheiten zum Einkaufen. Kein Wunder, dass hier niemand die Küste wirklich vermisst.

In der bretonischen Hauptstadt Rennes pendeln Besucher in den mittelalterlichen Straßen überwiegend zwischen Markt und Restaurant, denn sie könnten ja irgendeines der leckeren Gerichte verpassen.

Markt in Rennes ist der zweitgrößte des Landes

An jedem Samstag verwandelt sich ein großer Teil der Altstadt in einen Markt. Nicht irgendeinen – es ist der zweitgrößte Markt des Landes. 300 Händler, meist 10.000 Besucher – nur in Paris gibt es einen größeren. Massen drängen sich am Vormittag durch die Gänge, um vor allem eines zu kaufen: Lebensmittel. Frisch vom Feld, aus dem Meer oder dem Schlachthaus gehen hier Kilo um Kilo über den Tresen.

Und weil Essen und Genießen nun mal zusammengehören, warten die meisten Kunden nicht lange – sie setzen sich vor eines der zahlreichen Cafés hinter den Marktständen und genießen ihr Obst, ihren Käse oder anderes gleich vor Ort. Passenden Wein oder Kaffee gibt es dazu.

Auf den Märkten der Bretagne gibt es jede Menge Delikatessen. Dazu gehören auch die frischen Artischocken.


Manche gehen auch gleich zu einer Spezialität aus Rennes über: dem Crêpe Saucisse, eine mit einem Crêpe umwickelte Bratwurst. Dafür stehen viele sogar gern beharrlich an.

Ob das auch etwas für Profi-Crêpier Bertrand Larcher ist? Der widmet sich in Saint-Malo dann doch lieber seinen persönlichen Favoriten: die Galette mit Kartoffeln, Crème Fraîche und ein wenig Kaviar, den Crêpe nur mit Butter. Bretonischer Butter natürlich – nur echt mit einer ordentlichen Prise Meersalz. Was wiederum, wie sollte es in einer Gegend mit so viel Geschichte anders sein, weniger am Geschmack als vielmehr an einer geschichtlichen Begebenheit liegt: Weil Salz schon früher in der Bretagne anders als im Rest Frankreichs steuerfrei war, aaste man hier in der Küche geradezu damit. Das ist bis heute so.

Butter, Salz, Crème fraîche, dazu das omnipräsente Baguette und natürlich stets ein guter Cidre – wer die Bretagne besucht, sollte besser nicht auf Diät sein. Es wäre schade, auch nur irgendetwas von all dem auszulassen, das hier auf den Tisch kommt.

Tipps für deine Reise in die Bretagne

Anreise: Mit dem Flugzeug idealerweise nach Rennes oder Nantes. Unter anderem Air France bietet zahlreiche Umsteigeverbindungen in diese Städte an, zum Teil sogar Direktflüge etwa von Berlin, Hamburg und Düsseldorf. Von Paris ist Rennes mit dem TGV der französischen Bahn in gut zwei Stunden zu erreichen. Die Deutsche Bahn bietet einen Sparpreis an, mit dem die Stadt mit teilweise mehrfachem Umsteigen von jedem deutschen Bahnhof aus erreichbar ist.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst eignen sich am besten für Bretagne-Reisen. Die wärmsten Monate sind Juni bis September. Im Winter kann es auf der bretonischen Halbinsel stürmisch und feucht werden.

Crêpe-Schule: Bertrand Larcher bietet in seinem Atelier de la Crêpe samstags Kurse für jedermann an. Die Teilnahme kostet 75 Euro pro Person. Anmeldung erforderlich. 25 Quai Duguay-Trouin, Saint-Malo. Die Ausbildungsküche der Crêpe-Schüler hat täglich mittags geöffnet. Für etwa 15 Euro ist dann ein Menü mit herzhaften Galettes und süßen Crêpes zum Dessert erhältlich.

Sehenswertes: Der Marché des Lices, der an jedem Samstagvormittag von 7.30 bis 13.30 Uhr auf dem Place des Lices in Rennes stattfindet, ist der zweitgrößte Markt des Landes und äußerst sehenswert.

Diese Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband der Bretagne. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.