Für eine Pommes mal eben in die Niederlande, zum Weihnachtsmarkt nach Frankreich, ein Wochenende in Italien, Freunde in Europa, Reisen um die Welt. Im Leben der Deutschen aus der Generation von reisereporterin Miriam gibt es keine Grenzen. Oder eher: Es gab keine. Denn Corona hat aufgezeigt, dass etwas, das wir für selbstverständlich erachtet haben, gar nicht so selbstverständlich ist.

Ich bin in einem Deutschland geboren, das dreieinhalb Jahre nach meiner Geburt wiedervereinigt wurde. Ich lebte auf der privilegierten Seite, meine Familie fuhr mit mir zum Bodensee und wir überquerten Grenzen, die den Namen nicht verdienen. Die Restriktionen aus der DDR kenne ich nur aus Erzählungen – sie klingen wie Schilderungen aus einem fernen Land.

Durch Corona bekam das Wort Grenze eine neue Bedeutung

Schon in den vergangenen Jahren wurde mir mein Privileg – ausgestattet mit einem deutschen Reisepass, weil ich zufälligerweise in Baden-Württemberg geboren wurde – bewusst. Ich kann Freunde in Kenia besuchen. Für sie jedoch wird Deutschland immer ein Traum bleiben. Sie würden höchstwahrscheinlich kein Visum bekommen, selbst wenn ich für sie bürgen würde.

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Wie brüchig unsere Freiheit aber ist, das war mir nicht bewusst. Ein kleines Virus konnte sie zwar nicht zerstören, wohl aber einen Pause-Knopf drücken. Auf einmal bekam das Wort Grenze eine neue Bedeutung, eine Bedeutung, die der eigentlichen Definition deutlich näher kommt als der Praxis, die wir jüngeren Deutschen so kennen. 

Wir jungen Europäer, die wir alle Freiheiten dieser Welt hatten, wir standen auf einmal vor verschlossenen Türen. In Afrika, der Karibik, Südamerika, aber auch Teilen Asiens waren wir nicht mehr erwünscht, weil wir die tödliche Krankheit potenziell in uns trugen. Skepsis statt Gastfreundschaft, Abstand statt Euphorie. Wir erlebten plötzlich, was viele Menschen andernorts seit Jahrzehnten, Jahrhunderten durch uns erleben: Stigmatisierung.

Corona zeigte, wie fragil das Gerüst ist, auf dem unser Selbstverständnis aufbaut

Es ist spannend zu sehen, dass wir Europäer, die wir einst Vorreiter für Grenzziehungen waren und die gesamte Erde in politische Gebiete eingeteilt haben, die sich dann aber abwandten, wir Europäer, die dann offene Grenzen innerhalb der EU propagierten, dass wir es waren, die nun alle Grenzen binnen Tagen wieder errichteten. Wir gemeinsam gegen Corona hieß plötzlich, unter uns zu bleiben.

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Mit jedem Tag, den die Corona-Krise uns zu Hause einsperrte, wurde diese Freiheit wertvoller. Vielleicht stimmt das Sprichwort, dass man Dinge erst dann so richtig zu schätzen lernt, wenn sie nicht mehr da sind. Denn auf einmal waren wir damit konfrontiert, wie schnell Grundrechte für das Allgemeinwohl eingeschränkt werden können, wie fragil das Gerüst ist, auf dem wir unser Selbstverständnis gebaut haben. 

In der globalisierten, digitalisierten Welt war Freiheit für uns selbstverständlich

Die Reisefreiheit ist eines der höchsten Güter – gerade für die Generation Reise, die in einer globalisierten und digitalisierten Welt aufwuchs, die mehrere Sprachen spricht und in mehreren Ländern gearbeitet hat. Und genau deshalb gibt uns Corona auch die Chance, über den Wert dieses Guts nachzudenken.

Was würde es für mich bedeuten, könnte ich nicht mehr nach Kenia, wo ich in den vergangenen fünf Jahren viel Zeit verbracht habe? Wie wäre es, wenn meine überstürzte Abreise während der Corona-Krise mit dem letzten Lufthansa-Flug auf unabsehbare Zeit das Letzte wäre, was ich in dem Land erlebt hätte?

Es ist unwahrscheinlich, dass ich mir über dieses Szenario Gedanken machen muss. Auch das ist übrigens ein Segen unserer Zeit, unserer Herkunft: Es wird Lösungen geben. Denn irgendwann wird Corona behandelbar sein und wir werden unsere Freiheit wieder zurückbekommen. 

Ist es aber die gleiche Freiheit? Vielleicht, aber wir werden sie wohl anders wahrnehmen. Denn jetzt wissen wir, wie schnell es damit vorbei sein kann. Wie schnell die Welt kopfsteht und wir innerhalb unseres – enorm komfortablen, das muss man wohl zugeben – Landes bleiben müssen, das haben wir nun erlebt. Die seichte Angst, dass das wieder passiert, wird uns die nächste Zeit wohl begleiten.