Sie haben sich eindeutig den besten Platz ausgesucht: Die Berberaffen auf dem Felsen von Gibraltar liegen faul auf einem Vordach der Seilbahnstation in der Sonne. Der Blick auf den Hafen ist frei. Ab und zu klettern sie an der Brüstung entlang, auf der Suche nach arglos von Besuchern weggeworfenen Lebensmitteln.

Der eine oder andere scheint ein Spaß daran zu haben, die eine Etage tiefer wohlbehütet in der edlen Bar Mons Calpe Suite sitzenden Gäste zu erschrecken: Mit einem lauten Knall springen die Tiere von außen vor die Scheibe und pochen dagegen. Der Fels von Gibraltar: Das ist ihr Revier.

Das Füttern der Affen von Gibraltar ist streng verboten.

Briten und Spanier beanspruchen das Land

Dabei ist seit Jahrhunderten strittig, wer auf dem Fels und dem ihm umgebenden schmalen Landstück nun eigentlich das Sagen haben sollte. Seit 1704 steht Gibraltar offiziell unter britischer Verwaltung. Ungefähr seitdem aber beansprucht auch das angrenzende Spanien diesen nur 6,5 Quadratmeter großen Landzipfel. Zweimal ließ die Regierung die 35 000 Einwohner des britischen Überseegebietes darüber abstimmen, welchem Land sie sich zugehörig fühlen. Beide Male entschieden sich fast 99 Prozent für die englische Krone, zuletzt 2002.

Trotz der Entfernung bleiben die Einwohner Gibraltars der Regierung in London eng verbunden – und zeigen dies auch gern in Form des Union Jacks, der britischen Flagge.

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Der Alltag ist sehr englisch

Doch egal, wer den Pass ausstellt: Der Alltag ist hier mindestens so englisch wie in einem Miss-Marple-Film. Man geht ins Kaufhaus der britischen Einzelhandelsikone Marks & Spencer. Der riesige Morrisons-Supermarkt unweit des Jachthafens hält mehr oder weniger dasselbe Sortiment wie in seinen englischen Filialen bereit – von Toastbrot made in England bis zu Cheddarkäse.

Sogar die Milch kommt aus Großbritannien. Tag für Tag sind sieben Lastwagen unterwegs, um alle Waren aus England hier an den sonnigen Felsen von Gibraltar zu karren. Wenn man nicht an vielen Tagen in Shorts und T-Shirt auf die Straße ginge – viele würden sich eher am Ärmelkanal wähnen als am Mittelmeer.

Wanderwege erschließen den Felsen von Gibraltar, immer wieder gespickt mit Höhepunkten wie der Windsor Bridge.


Graziella Priego zeigt Besuchern auch die andere Seite Gibraltars, den Fels. Die junge Frau ist Touristenführerin und bietet mit „Walk the Rock 4 Free“ Gratistouren durch das britische Überseegebiet. Und sie ist ganz enthusiastisch, wenn es um den Felsen geht. Die bis zu 426 Meter hohe Kalksteinformation ist nicht nur omnipräsentes Wahrzeichen des Überseegebietes und schon weit von Spanien und dem Meer aus sichtbar. Sie ist auch einer der schönsten Naturparks Südeuropas. „Die Menschen steigen wegen der Natur und des Abenteuers auf den Fels“, sagt Priego. Das Meer und die Vögel zu beobachten, beruhige Besucher. „Sie können dort oben Frieden atmen.“

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Auf dem History Buff durch die Geschichte wandern

Eine Reihe von überschaubaren Wegen erschließen den „Rock“ inzwischen, allen voran der History Buff, der ihn über immerhin 4,3 Kilometer von Süd nach Nord überquert, vorbei an ein paar Hundert Jahren spannender Geschichte – vor allem Militärgeschichte.

Großbritannien hält an seiner Präsenz auf dem Felsen nicht etwa wegen des guten Wetters fest. Der Grund für den Union Jack an den Fahnenmasten ist vielmehr die militärische Bedeutung. Die Armeeanlagen der Briten sollen weite Teile des Felsens wie ein Ameisenbau durchziehen, erzählt man sich abends im Angry Friar, einem der vielen englischen Pubs der Innenstadt.

Wie viele davon noch in Benutzung sind? Das wisse wohl nur das Verteidigungsministerium in London, resigniert man am Tresen. Die militärischen Bereiche Gibraltars bleiben Besuchern verschlossen. Die Armee erklärt die Bedeutung kurz und knapp: „Gibraltar ist gut gelegen, um Schifffahrtswege durch die Meerenge zu beobachten, und könnte in Kriegszeiten den westlichen Eingang zum Mittelmeer dominieren.“ Eine 1-A-Lage, deren Vorteile seit Jahrhunderten bekannt sind.

Schon lange vor den Briten herrschten die Mauren hier über den Felsen. Die Überreste ihrer Burg bilden den Startpunkt des History Buffs. Ihr Moorish Castle entstand im Jahr 711 und begründete eine Zeit, die bis heute in vielen Bereichen Gibraltars sichtbar ist. Maurische Elemente gehören zum festen Bestandteil vieler Gebäude auch in der Innenstadt.

Tunnel stammen aus dem Zweiten Weltkrieg

Nicht weit entfernt wird die Bedeutung der Gegend im Zweiten Weltkrieg deutlich. Die World War II Tunnels geben einen Einblick in jene Zeit, als die Briten von hier aus ihren Feldzug in Afrika steuerten. Im Jahr 1942 waren mehr als 30 000 britische Soldaten auf Gibraltar stationiert. Sie bauten das Innere des Felsens zu einer kleinen Stadt aus – die Tunnel messen zusammen rund 52 Kilometer. Ein kleiner Teil ist heute als Museum zugänglich.

Genau in jener Zeit, als in Europa sowie Afrika ein erbitterter Krieg tobte, ereilte die Royal Army in Gibraltar ein ungewöhnlicher Befehl aus London: 24 Berberaffen, wo immer man sie in Afrika aufspüren sollte, müssten hier am Felsen ausgesetzt werden. „Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um diese Zahl so schnell wie möglich zu erreichen und sie danach aufrechtzuerhalten“, wird der damalige britische Premierminister Winston Churchill zitiert.

An der Südspitze von Gibraltar, dem Europa Point, steht seit 1841 ein Leuchtturm.

Legende schreibt Affen wichtige Rolle zu

Eine Legende besagt, dass die Briten Gibraltar verlieren, wenn der letzte Affe den Felsen verlassen hat, ohne dass dies jemals irgendwo manifestiert worden wäre. Doch 1942 war die Population der Affen am Felsen auf nur noch knapp ein Dutzend zusammengeschmolzen – ein Aussterben drohte. Die britische Armee trieb die Affen tatsächlich auf und pflegte sie fortan. Sie vermehrten sich, heute sind es knapp 300. Noch bis 1999 war der Unterhalt der Tiere offiziell eine Kostenstelle des Verteidigungsministeriums in London. Immer wieder laufen die Affen heute Besuchern auf dem History Buff über den Weg.

Über die Windsor Bridge, eine Hängebrücke mit überragendem Ausblick auf den Hafen, gelangen Besucher weiter in Richtung Süden, durch dichte Bäume und an lichten Stellen vorbei. Zwei Gefechtsanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg bilden den Abschluss des Weges, O’Hara’s Battery und die Spur Battery, Graziella Priegos Lieblingsort hier oben.

An manchen Tagen kann man sogar die Häuser in Afrika sehen, hin und wieder einige Delfine.

Graziella Priego, Wanderführerin

Der Ausblick auf die Meerenge von Gibraltar erklärt schnell, warum die Anlagen hier aufgestellt wurden: An klaren Tagen kann man bis nach Afrika blicken. Und die Tage hier sind häufig klar. „An manchen Tagen kann man sogar die Häuser in Afrika sehen“, sagt Priego, „hin und wieder einige Delfine.“ Spur Battery, das sei für sie ein sehr romantischer Ort.

Großbritanniens Fels in der Brandung: Gibraltar zieht sich vom spanischen Festland aus ins Mittelmeer.

Thrill Seeker Trail bietet viel Nervenkitzel

Einige weitere Wege überschneiden sich mit dem History Buff: Der Monkey Trail führt über 2,5 Kilometer entlang der beliebtesten Aufenthaltsorte der Berberaffen. Nature Lover (3,2 Kilometer) widmet sich vor allem den schönsten Ecken der Pflanzenwelt des Felsens und Thrill Seeker (2,5 Kilometer) verspricht unter anderem deswegen Thrill, also Nervenkitzel, weil der Weg an teilweise extrem steilen Treppen und Wegen entlangführt – klettern nicht ausgeschlossen. Dafür entschädigt dieser Teil des Felsens mit einem sagenhaften Ausblick – und er ist weit weniger überlaufen.

Derzeit prägt jedoch auch hier – wie im Rest der Welt – überwiegend Stillstand den Alltag. Gibraltars Minister für Wirtschaft, Tourismus und Verkehr, Vijay Daryanani, blickt mit Sorge auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie, auch wenn es den Felsen bislang vergleichsweise mild getroffen hat. Derzeit würden Konzepte für ein Wiederanlaufen erarbeitet, erläuterte er im lokalen Sender GBC. Doch alles hänge vor allem davon ab, wann Airlines und Kreuzfahrtschiffe wieder in den Regelbetrieb übergehen. „Es ist eine Frage des Engagements, wir müssen von vorn beginnen“, sagte Daryanani.

Tipps für deine Reise nach Gibraltar

Anreise: Direktflüge nach Gibraltar gibt es überwiegend ab London, nicht aber aus Deutschland. Der schnellste Weg von hier ist per Flug nach Málaga oder Jerez in Spanien und von dort weiter mit einem Mietwagen. Vorsicht: Nicht alle Mietwagenfirmen gestatten eine Mitnahme des Wagens nach Gibraltar.

Einreise: Gibraltar ist Teil Großbritanniens. Bislang genügt ein Personalausweis für die Einreise. Wenn die Brexit-Einzelheiten verhandelt worden sind, könnte allerdings ein Reisepass notwendig werden. Vorsicht bei der Ausreise: Zigaretten und Alkohol sind in Gibraltar günstiger als in der EU – doch dürfen nur jene Mengen eingeführt werden, die auch bei anderen Nicht-EU-Staaten üblich sind, unter anderem eine Stange Zigaretten und ein Liter Alkohol.

Währung: Es gilt das Gibraltar Pound, das demselben Kurs unterliegt wie das britische Pfund. Auch mit englischem Geld kann bezahlt werden.