In der Corona-Pandemie war zu reisen wochenlang nahezu unmöglich. Und obwohl sich nach und nach die Grenzen der Urlaubsländer öffnen und Reisen innerhalb Deutschlands wieder erlaubt sind, hat sich durch die Krise etwas verändert. Der unbeschwerte Urlaub, den wir noch im Jahr 2019 machen konnten, den gibt es vielerorts nicht mehr. Denn die Corona-Maßnahmen sind überall.

Was also machen Maskenpflicht und Abstandsregeln auf Dauer mit unserem Reiseverhalten? Werden wir uns von Weltentdeckern zu Stubenhockern entwickeln, oder ist bald wieder alles, wie es einmal war? Darüber haben wir mit dem renommierten Reiseforscher Jürgen Schmude gesprochen. Er lehrt Geografie und Tourismusforschung an der Universität München und hat uns im Gespräch außerdem verraten, worauf Reisende in Corona-Zeiten besonders achten sollten.

Herr Schmude, Sie beobachten seit Jahren das Reiseverhalten der Menschen. Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen im Tourismussektor?

Jürgen Schmude: In den letzten Wochen hat sich eine interessante Eigendynamik entwickelt. Es macht den Anschein, als sei ein Wettbewerb entstanden zwischen den Ländern und Staaten, wer den Tourismus zuerst rettet.

Um die Branche zu retten, braucht es aber auch Menschen, die reisen wollen. Hat sich dahingehend durch die Corona-Krise etwas verändert?

Jürgen Schmude: Zusammen mit dem Bayerischen Zentrum für Tourismus habe ich eine Umfrage gestartet. Das Ergebnis: Rund 45 Prozent der Befragten warten derzeit erst mal ab. Viele Menschen halten es also nicht für klug, sofort loszureisen.

Bleiben wir noch kurz bei der Statistik: Wer reist aktuell eher und wer bleibt lieber zu Hause?

Jürgen Schmude: Welche Menschen reisen, wie sie reisen und wo sie am liebsten Urlaub machen, das war bereits vor der Pandemie sehr individuell – es gibt keine typischen Touristen mehr. Das hat sich durch Corona nur noch verstärkt. Eine Tendenz ist aber feststellbar: Menschen im Alter von 18 bis 29 sowie zwischen 40 und 49 Jahren sind risikoaffiner und auch aktuell reisebereiter. Die Altersgruppe dazwischen ist die typische Familie und bleibt im Zweifel eher zu Hause.

Touristen machen Urlaub im eigenen Bundesland

Und doch ist derzeit ein deutlicher Buchungsanstieg für Reiseziele in Deutschland zu beobachten. Wie erklären Sie sich das?

Jürgen Schmude: Es steht außer Frage, dass der deutsche Tourismus von der aktuellen Situation profitiert, da der Sommerurlaub in diesem Jahr hauptsächlich im Inland stattfinden wird. Aber auch vor Corona waren die deutschen Urlaubsorte in der Hauptsaison eigentlich immer ausgebucht.

Gibt es innerhalb Deutschlands Regionen, die besonders beliebt sind?

Jürgen Schmude: Aktuell ist vor allem ein Buchungsanstieg bei Ferienwohnungen zu beobachten. Wie erwartet planen außerdem viele Menschen in diesem Jahr einen Urlaub im eigenen Bundesland. Dort kennen sie sich aus und können mit dem Auto zu ihrem Reiseziel fahren. Das nämlich gewinnt auch an Beliebtheit, denn es fühlt sich sicherer an, als im Zug oder Flugzeug zu reisen. 

Wir bleiben also in diesem Jahr hauptsächlich im Inland. Aber ist Deutschland als Reiseziel auch für ausländische Touristen in der Corona-Pandemie eine Option?

Jürgen Schmude: Deutschland hat dank der schnellen Maßnahmen und der vergleichsweise geringen Sterblichkeit ein gutes Image als Reiseziel im Ausland. Das jüngste gute Zeichen dahingehend ist etwa, dass die Bundesliga wieder startet. Andere Länder wie Frankreich haben die Saison für dieses Jahr beendet.

Trotzdem gelten auch in Deutschland strenge Corona-Richtlinien wie die Maskenpflicht und Abstandsregeln. Blicken wir einmal in die Zukunft: Wie lange werden wir mit diesen Einschränkungen reisen?

Jürgen Schmude: Die Corona-Maßnahmen werden uns auf Reisen mindestens die nächsten Monate, wenn nicht sogar Jahre noch begleiten. Wie lange genau, das kann nach wie vor niemand seriös voraussagen. Das hängt unter anderem von der Entwicklung eines Impfstoffes ab. Fest steht aber: Der Tourismus wird wohl zwei Jahre brauchen, um sich von der Pandemie zu erholen.

Menschen, die wegen der Corona-Pandemie nicht reisen möchten, weichen oftmals auf Angebote im Internet aus. Wird sich virtuelles Reisen auch langfristig durchsetzen?

Jürgen Schmude: Virtuelles Reisen ist ein Phänomen der Pandemie. Langfristig allerdings wird diese Beschäftigung nicht das Reisen an sich ersetzen können, denn es reicht nicht, die Welt auf dem Bildschirm zu entdecken. Nicht einmal mit VR-Brillen erreicht man ansatzweise die sinnlichen Erfahrungen einer richtigen Reise. Ähnlich gestaltet sich das ja auch mit sozialen Kontakten: Die können zwar via Videotelefonie aufrechterhalten werden, ein Ersatz für eine echte Umarmung oder eine gemeinsame Unternehmung ist das aber trotzdem nicht.

Die deutschen Maßnahmen kennen wir, die Regeln im Ausland allerdings oftmals nicht. Wird Urlaub im Ausland in Zukunft eher die Ausnahme sein?

Jürgen Schmude: Die große Rückholaktion zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland wird sich auch langfristig auf das Reiseverhalten der Deutschen auswirken. Wir rechnen damit, dass der Anteil von Fernreisen sinken wird, weil die Angst zu groß ist, im Zweifel in Thailand oder den USA ausharren zu müssen. Europa hingegen wird dadurch für Urlauber an Beliebtheit gewinnen.

Vom Massentourismus zum Qualitätstourismus

Vor der Pandemie wurde bereits vielfach über Overtourism diskutiert. Wird es dieses Phänomen wieder geben, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist?

Jürgen Schmude: Gruppenreisen und Kreuzfahrten etwa wird es auch nach Corona noch geben, nur eben anders, als wir es kennen. Die Branche wird sich langfristig weg vom Massentourismus und hin zum Qualitätstourismus entwickeln. Wenn am Ende am Strand doch wieder alle Urlauber eng nebeneinander in der Sonne liegen, dann haben sie zumindest das Gefühl, eine individueller Reise gemacht zu haben und dadurch etwas sicherer zu urlauben.

Apropos Sicherheit: Worauf sollten Reisende in der Corona-Krise achten?

Jürgen Schmude: Urlauber sollten auf jeden Fall die Hygienemaßnahmen ihrer Unterkunft checken, sich etwa fragen, welche Regeln gelten und ob beziehungsweise wie Abstandsregeln und Maskenpflicht umgesetzt werden. Bei der Wahl des Reisezieles kommt es dann darauf an, was man sich von seinem Urlaub verspricht. Wer etwa ein ruhiges Plätzchen in der Natur sucht, der wird an einem überfüllten Badeort eher nicht glücklich, wer aber einfach ans Wasser möchte und eine gute Fischküche mag, der ist dort wahrscheinlich gut aufgehoben.

Die Pandemie beeinflusst also, wie wir in Zukunft reisen werden. Gibt es dabei vielleicht auch einen positiven Nebeneffekt?

Jürgen Schmude: Es gibt bereits deutliche Anzeichen dafür, dass die Menschen durch die Pandemie auch langfristig nachhaltiger Reisen werden. Einer Umfrage zufolge wollen 24 Prozent ihr Reiseverhalten ändern. Das ist zwar erst mal kein großer Anteil, aber es zeigt, dass es in den Köpfen der Menschen angekommen ist.

Zum Schluss noch ein kleiner Einblick in Ihr Reiseverhalten: Werden Sie in diesem Jahr noch reisen?

Jürgen Schmude: Ich werde in diesem Jahr auf jeden Fall noch reisen. Ich bereite zum Beispiel gerade meine achtmonatige Zeit in Frankreich vor. Das ist so eine Mischung aus privatem Urlaub und Geschäftsreise.