Flugangst, auch bekannt als Aviophobie, war schon vor der Covid-19-Pandemie ein psychisches Phänomen, das Millionen Menschen weltweit plagte. Jetzt, da ein Urlaub im Sommer vielerorts offenbar möglich sein wird, kommt für viele von ihnen die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus hinzu.

Immerhin hatte die Krise zuvor weltweit zu Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Grenzschließungen geführt – auch wenn Länder wie Portugal, die Türkei und Holland mittlerweile erste Schritte in Richtung Normalität wagen. Doch ist die Sorge vor einer Coronavirus-Infektion in einer Flugzeugkabine gerechtfertigt? 

Coronavirus: Gefahren, die in Flugzeugen lauern

Flugzeuge sind, ähnlich wie Busse, Bahnen oder Züge, Massenverkehrsmittel. Allerdings birgt der Flugverkehr laut Matthias Stoll, Infektiologe von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Besonderheiten in Bezug auf die Coronavirus-Infektionsgefahr. „Hier stehen Urlauber oft lange in einer Warteschlange – beim Einchecken, bei der Gepäckabgabe und der Sicherheitskontrolle zum Beispiel“, erklärt Stoll. Dazu komme der Flughafen-Transport in Shuttlebussen. „Das bringt Probleme beim Einhalten der Abstandsregeln.“

Ähnlich umstritten ist die Lage in Flugzeugen selbst. Denn die EU-Kommission will auf einen festgelegten Sicherheitsabstand verzichten. Heißt: Die Airlines sollen künftig selbst entscheiden, ob sie zum Beispiel die mittleren Sitzplätze unbesetzt lassen oder nicht. „Aus meiner Sicht ist es allerdings eine völlig unrealistische Forderung, dass Reisende die Flieger bis zum letzten Platz ausbuchen und anschließend Schulter an Schulter sitzen“, betont der Infektiologe. 

Social Distancing leicht gemacht: Denkbar sind auch Barrieren

Problematisch ist ein Abstandsradius für Passagiere im Flugzeug vor allem aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht. „Sinnvoll sind daher Barrieren und entsprechende Lüftungssysteme“, meint Stoll. „Der Vorteil: Schon jetzt sind unterschiedliche Lüftungssegmente technischer Standard in den größeren Maschinen.“ Hierzu zählen beispielsweise sogenannte Hepa-Filter, die auch kleinste Virenpartikel auffangen.

Anbieter Airbus beispielsweise erklärte gegenüber dem „Handelsblatt“, die Luft in einer Kabine werde alle zwei bis drei Minuten komplett erneuert, jeweils zur Hälfte mit frischer und mit recycelter Luft: „Sie atmen nicht in Reihe 20 die verbrauchte Luft aus Reihe fünf ein.“ Ein Punkt, in dem Flugzeuge anderen öffentlichen Verkehrsmitteln einen Schritt voraus sind.

Inwiefern schafft ein Mundschutz für Passagiere Abhilfe?

„Ich kann mir vorstellen, dass die Atemluft der Passagiere künftig mittels Lüftungstechnik trennbar ist“, erklärt der Infektiologe. Diese Maßnahme sei im Zweifelsfall effektiver als eine Mund-Nasen-Bedeckung – obwohl die EU-Kommission sich weiterhin für eine entsprechende Richtlinie ausspricht. „Durch eine Mundschutzpflicht wäre außerdem das Essen und Trinken an Bord verboten“, erklärt Stoll. „Das möchte ich mir bei Langstreckenflügen nicht ausmalen.“

Urlaub trotz Corona-Krise: Welche Risiken bringen häufig genutzte Oberflächen?

Reinigungssprays, antimikrobielle Beschichtungen und Kabinen zur Ganzkörper-Desinfektion: Weltweit zeigen sich Vertreter der Touristik im Kampf gegen eine Ausbreitung des Coronavirus kreativ. „Trotzdem spielt die Übertragung von Covid-19 über Oberflächen keine große Rolle“, erklärt Stoll. „Dass wir das Gegenteil annehmen, hängt damit zusammen, dass wir immer wieder Bilder sehen, bei denen beispielsweise Desinfektionsmittel zur ‚Vorbeugung‘ versprüht werden. Das ist allerdings nicht sinnvoll.“ 

Dennoch bergen Türgriffe und Armlehnen Gefahren. Wichtig sei daher, sich die Hände regelmäßig zu waschen. Eine Maßnahme, die auch das Robert-Koch-Institut (RKI) Reisenden ans Herz legt.

Sommerurlaub 2020: Welche Maßnahmen sind seitens der Airlines nötig?

Nach Stolls Einschätzung haben Airlines durch die Corona-Krise die Chance, mit einem umfassenden Hygienekonzept zu punkten. Das gelte schon fürs Einchecken und fürs Boarding. „Im Flugzeug selbst wiederum könnten eine veränderte Anordnung der Sitze und transparente Wände zur Trennung von Passagieren Abhilfe schaffen“, meint der Infektiologe. „Platz hierfür gibt es theoretisch – zum Beispiel, wenn man das Bordgepäck stärker in den Laderaum verlagert.“