Das Reisen wurde Tony Wheeler in die Wiege gelegt. Als der Engländer 1946 geboren wurde, war sein Vater Flughafenmitarbeiter der British Overseas Airways Corporation, dem Vorläufer von British Airways. Wheeler wuchs durch zahlreiche Arbeitsplatzwechsel seiner Eltern unter anderem in England, Pakistan, den USA, Kanada und auf den Bahamas auf. Er verbrachte nie mehr als zwei Jahre in derselben Schule.

Nach Reisen mit seiner Frau Maureen begannen beide 1972, am Küchentisch einen Reiseführer zu schreiben: „Across Asia on the Cheap“. Das 94-seitige Buch erschien 1973 und wurde zum Fundament ihres neuen Verlages: Lonely Planet. Der Name entstand durch ein Missverständnis – Joe Cocker sang in seinem Song „Space Captain“ vom „lovely planet“, Tony Wheeler aber verstand „lonely planet“ und mochte den Ausdruck.

In jedem Herbst kürt die Reiseführerreihe „Lonely Planet“ die weltweit besten Reiseziele für das folgende Jahr. Für 2020 führt Bhutan diese Liste an, gefolgt von England, Nordmazedonien und Aruba. Ist das in diesen Zeiten immer noch die perfekte Liste?

Tony Wheeler: Ja, das ist keine schlechte Auswahl – Asien, zwei in Europa, die Karibik. Obwohl, wer weiß, wann wir wieder reisen werden.

Tony Wheeler und seine Frau Maureen schrieben 1972 den ersten Reiseführer am Küchentisch.

Sie haben gemeinsam mit Ihrer Frau Maureen Lonely Planet erfunden, Ihr Name ist eng mit dem Entdecken neuer Länder verbunden, und Sie gelten als jemand, der ständig auf Tour ist. Wie einsam ist Ihr persönlicher Planet gerade? Wo befinden Sie sich jetzt?

Tony Wheeler: Ich bin in Australien eingesperrt. Ich war gerade in Japan, als das Virus begann, sich über China hinaus zu bewegen. Dann vergingen einige Wochen, als es in Italien anfing, schiefzugehen, aber anderswo noch nicht ernsthaft. Ich war eine Woche in London und dann in Socotra, der jemenitischen Insel, als es richtig schlimm wurde.

Ich musste Socotra schnell verlassen, bevor alle Flüge gecancelt wurden, und dann von Kairo nach Australien fliegen, bevor auch dort der Alltag stoppte. Zurück in Australien musste ich mich 14 Tage lang in einer Airbnb-Wohnung selbst isolieren.

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Warum das?

Tony Wheeler: Wenn ich direkt nach Hause gegangen wäre, hätte sich auch meine Frau Maureen selbst isolieren müssen. Ich hatte daran gedacht, von Kairo nach London zu fahren und dort darauf zu warten, dass Maureen im Mai zu mir kommt.

Gut, dass ich das nicht getan habe, denn das ist jetzt sicherlich nicht möglich, und Großbritannien erweist sich als einer der schlechtesten Orte während der Pandemie, während Australien einer der besten ist. In den vergangenen zweieinhalb Wochen war die größte Anzahl neuer Fälle, die wir hier hatten, gerade mal 21. In Großbritannien waren es gestern 6.000.

Reisen können Sie derzeit wegen der Corona-Beschränkungen nicht – wie verbringen Sie Ihre Tage denn stattdessen?

Tony Wheeler: Nun, es macht für mich eigentlich keinen Unterschied. Ich habe immer viel Zeit vor einem Computerbildschirm verbracht. Das tue ich auch jetzt noch. Es gibt viele Anfragen nach Artikeln, Interviews, Podcasts – wie diesem. 

Ich habe ein geräumiges Haus, einen schönen Garten, die Weinregale werden nicht leer. Aber ich mache mir viele Sorgen um die Menschen – in Australien, aber auch in so vielen anderen Ländern –, deren Leben wirklich schwierig geworden ist. Menschen, die das Einkommen brauchen, das sie jede Woche verdienen, und plötzlich nichts mehr verdienen. Ansonsten gehe ich viel spazieren und arbeite mich allmählich den Yarra River hinauf, den Hauptfluss durch Melbourne. Jeden Tag fahre ich etwas weiter raus und laufe oder radle weiter am Fluss entlang.

Wo wären Sie gewesen, wenn Corona nicht alles zum Erliegen gebracht hätte?

Tony Wheeler: Am vergangenen Wochenende wäre ich in Fray Bentos in Uruguay gewesen, nachdem ich von Asunción in Paraguay zu den Iguazu-Wasserfällen gereist wäre, dann nach Montevideo, entlang der Küste, landeinwärts nach Fray Bentos, zurück nach Colonia am Fluss Plate und schließlich hinüber nach Buenos Aires.

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Hätten Sie sich jemals vorstellen können, dass so etwas wie eine Pandemie kommt, die Reisen, den Alltag, einfach alles global zum Erliegen bringt?

Tony Wheeler: Nun, wir hatten viele Warnungen, nicht wahr? Ich erinnere mich etwa an Bill Gates „Ted Talk“-Warnung.

2015 mahnte der Microsoft-Gründer, sich auf eine früher oder später eintreffende Pandemie vorzubereiten …

Tony Wheeler: Und natürlich haben wir die Auswirkungen von Sars und anderer Ausbrüche gesehen. Wir wussten, dass dies passieren könnte und dass ein neuer Ausbruch viel großflächiger sein könnte als die früheren, die hauptsächlich Asien trafen oder im Fall von Ebola Afrika. Oder „Rinderwahnsinn“ in Großbritannien – war das 1996 bis 1999? 

Erstaunlicherweise habe ich immer noch ein Problem: Ich habe in Australien regelmäßig Blut gespendet, aber wenn Sie zwischen 1980 und 1996 mehr als sechs Monate in Großbritannien verbracht haben, dürfen Sie nicht mehr spenden. Ich war in dieser Zeit ziemlich oft dort, weil Lonely Planet damals seine europäischen Reiseführer entwickelte und ich viel Zeit in Großbritannien verbrachte, um die Länder von dort aus zu bereisen. Dann hatten wir Shutdowns aufgrund terroristischer Anschläge – wobei, das war auch nach dem 11. September eher in den USA und für einen begrenzten Zeitraum der Fall. Doch diese Auswirkungen sind im Grunde alle viel weiter verbreitet und viel länger anhaltend, als wir es jetzt erleben.

Vor allem in Asien verwenden viele Menschen seit Jahren Gesichtsmasken in Flugzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Haben Sie selbst das jemals auf Ihren Reisen getan?

Tony Wheeler: Die Japaner waren schon lange von diesen Masken sehr angetan. Es wurde allgemein als ein weiteres Beispiel für den japanischen „Rückzug aus der Welt“ in den vergangenen Jahrzehnten angesehen, der nicht unbedingt mit der Gesundheit zusammenhängt, sondern damit, dass alles in Japan schiefzugehen scheint. 

Ich besitze eine Maske, die ich nur etwa ein halbes Dutzend Mal getragen habe, das erste Mal in Hongkong auf meinem Weg nach Japan vor zwei Monaten. Alle Flugbegleiter trugen eine Maske auf meinem Flug mit Cathay Pacific und alle am Flughafen in Hongkong. Aber am Flughafen war praktisch niemand.

Tony Wheeler mit Mundschutz am Airport.

Glauben Sie, dass Gesichtsmasken für internationale Reisen zur Bedingung werden? Erste Fluggesellschaften machen sie bereits zur Pflicht, das ganze Thema wird derzeit breit diskutiert.

Tony Wheeler: Möglicherweise, aber ich hoffe, nicht lange. Ich mag sie einfach nicht.
Ist es vielleicht gerade der Drang der Menschen, auch den entlegensten Winkel der Welt zu sehen, ständig international über Kontinente hinweg zu reisen, der die Geschwindigkeit der Corona-Ausbreitung auf der ganzen Welt gefördert hat?
Oh, absolut. Aber ich bin immer noch verwirrt, warum dies nach wie vor eine Krankheit der „reichen Welt“ zu sein scheint und warum einige Länder schwerer betroffen sind und benachbarte und sehr ähnliche Länder weniger – vergleichen Sie zum Beispiel die Zahlen im Iran und im Irak.

Während der Iran bislang um die 100.000 bestätigte Fälle gemeldet hat mit mehr als 6.000 Toten, waren es im Irak gerade einmal gut 2.000 mit 100 Toten …

Tony Wheeler: Ich denke, in allen Ländern, die das Virus am schnellsten und heftigsten getroffen hat, waren Flugreisen der Grund.

Lonely Planet lebte in den vergangenen Jahrzehnten ganz gut davon, dass Menschen in ein Flugzeug steigen und ferne Länder entdecken. Wie geht es dem Verlag, wo doch die Menschen derzeit gar nicht reisen können?

Tony Wheeler: Nicht gut. Sie müssen aber bedenken, dass ich seit zehn Jahren von Lonely Planet weg bin und dass bereits vor dem Virus in vielerlei Hinsicht Änderungen an Reiseführern vorgenommen wurden. Covid-19 hat diese Änderungen beschleunigt, wie es viele andere Änderungen beschleunigt hat. Wenn Leute nicht in Flugzeuge steigen, um an Orte zu fliegen, werden sie natürlich auch keine Reiseführer kaufen.

Ihr erstes Buch veröffentlichten Sie im Jahr 1973 gemeinsam mit Ihrer Frau Maureen, „Across Asia on the Cheap“, auf günstige Weise durch Asien. Wie hat sich das Reisen seitdem verändert?

Tony Wheeler: Es gibt heute viel mehr Informationen, viel mehr Reisen, viel mehr Reisemöglichkeiten, viel mehr Zugänglichkeit zum Reisen. Aber auch viele Veränderungen, wohin wir reisen. Die vielleicht größte Veränderung beim Reisen seit dieser Zeit war die Öffnung Chinas. Plötzlich öffnete sich ein großer Teil der Welt, der zuvor völlig abgeschlossen war. Und dann wurden all diese chinesischen Reisenden plötzlich ein großer Teil der Reiseszene.

Haben sich die Reiseführer seitdem verändert? Lonely Planet vielleicht sogar selbst?

Tony Wheeler: Sicher. Leider wurde die Berichterstattung enger und fokussierter. Lonely Planet konnte es sich nicht leisten, die völlig unwirtschaftlichen Titel zu produzieren, die zwar oft Spaß machten und auch sehr geschätzt wurden, aber einfach nicht genug Exemplare verkauften. Außerdem sind heute so viele Informationen online verfügbar, dass es nicht immer sinnvoll ist, diese Art von Informationen auch noch in gedruckter Form bereitzustellen.

Sie sagen es: Die Möglichkeiten für Reisende sind heute durch das Internet viel größer geworden, als dies in den 70er-Jahren der Fall war – viele Reisende verwenden Apps wie Tripadvisor, statt einen Reiseführer zu kaufen. Warum sollten sie es Ihrer Ansicht nach dennoch tun?

Tony Wheeler: Wessen Meinung ist das auf Tripadvisor? Die des Bruders des Besitzers? Oder im anderen Extrem die seines schlimmsten Feindes? Und wie gut ist Tripadvisor, wenn Sie gar keine Internetverbindung haben?

„Lonely Planet“ hat es geschafft, mit bedrucktem Papier zu einer weltweiten Marke zu werden. Was macht die Reihe anders als andere?

Tony Wheeler: Wir haben mal versucht, überall hinzugehen und ein Buch draus zu machen – auch wenn das Buch manchmal wirtschaftlich nicht sinnvoll war.

2007 haben Sie den größten Teil Ihrer Anteile an BBC Worldwide verkauft. Müssen alle schönen Erlebnisse auch mal zu Ende sein, so wie bei einem guten Urlaub?

Tony Wheeler: Wir wurden älter, der Wechsel auf die digitale Seite war nicht der Bereich, den wir am meisten genossen oder in dem wir das meiste Fachwissen hatten, es war abzusehen, dass es keine Familiendynastie werden würde – es gab viele Gründe.

Sie kommen aus England, leben aber in Australien. Gibt es etwas, das Sie an England vermissen?

Tony Wheeler: Ich bin in Australien sehr zufrieden, aber ich bin auch sehr zufrieden, wenn ich in England bin. Ich mag die Art und Weise, wie zugänglich ganz Europa ist. Ich hatte für dieses Jahr mehrere interessante Europareisen geplant.

Welche Reisepläne haben Sie noch für dieses Jahr, jetzt, wo Corona alles geändert hat?

Tony Wheeler: Wenn alles später in diesem Jahr wieder geöffnet wird, werden wir vielleicht dort weitermachen, wo wir sowieso hingegangen wären. Wenn dies nicht der Fall ist, sobald wir wieder reisen können, beginne ich vielleicht mit der Südamerikareise, die ich gestern hätte beenden sollen. Ansonsten mache ich mit dem, was ich gerade mache, weiter und gehe den Fluss hinauf.

Ihr Lieblingsort auf der Erde?

Tony Wheeler: Die Abflughalle.

Gibt es einen Ort, an dem Sie noch nicht waren, den Sie aber gern besuchen würden?

Tony Wheeler: Beim Neustart nach Corona habe ich möglicherweise vergessen, wie eine Abflughalle aussieht. Aber im Ernst: Ich habe noch viele, viele Plätze auf meiner Bucket List.