Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Grenzschließungen: Obwohl die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie für Millionen Menschen weltweit zu Einschränkungen in Sachen Urlaubsplanung führen, hatten viele Verständnis für das Vorgehen der jeweiligen Regierungen. Immerhin ging es um die Gesundheit.

Sorge an der Ostsee vor nächster Coronavirus-Welle

Jetzt, da vielerorts drastische Lockerungen der Richtlinien einsetzen, zeigt sich ein Großteil der potenziellen Touristen eher besorgt. In einer Umfrage der „Ostsee-Zeitung“ (OZ) hat fast die Hälfte der Befragten angegeben, die Öffnung von Hotels als „viel zu schnell“ zu erachten.

Auch Grenzöffnungen kommen der Auswertung zufolge nicht gut an. „Wenn die vielen unvernünftigen Menschen jetzt die Ostsee bevölkern, bricht schnell die nächste Corona-Welle aus“, sagte eine Leserin gegenüber der „OZ“.

Ist diese Furcht berechtigt? Wie sicher sind Reisen derzeit für Einheimische und Reisende? Und wo ist die Gefahr einer Ansteckung am größten? Der reisereporter hat mit Matthias Stoll, Infektiologe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), gesprochen.

Virologe warnt: „Es wird neue Corona-Hotspots geben“

„Alle sind sich der Risiken bewusst. Die Verantwortlichen haben uns nach dem Lockdown gewissermaßen auf Bewährung in etwas mehr Freiheit entlassen. Bei schlechter Führung wird der Freigang beendet werden“, sagt Stoll. Die Gefahr einer zweiten Infektionswelle sehe er daher nicht.

„Wohl aber wird es neue Covid-19-Hotspots und resultierende Neuinfektionen geben“, erklärt Stoll. Eine Annahme, die durchaus begründet ist. Das zeigte sich erst kürzlich, als Spanien, Italien und die USA erste zaghafte Schritte aus der Krise wagten und die Schutzmaßnahmen lockerten: Einige touristische Hotspots der Länder waren nahezu überfüllt.

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown: Die Menschen in Barcelona genießen die zurückgewonnene Freiheit. Experten zeigen sich alarmiert.

Deutschland: Wo ist das Risiko einer Corona-Infektion am höchsten?

Seit Wochen wütet Covid-19 auch in Deutschland. Allerdings haben die Maßnahmen der Bundesregierung dazu beigetragen, dass die Reproduktionsrate nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) derzeit bei 0,65 liegt (Stand: 8. Mai 2020). Heißt vereinfacht: Ein an Covid-19-Erkrankter hierzulande steckt durchschnittlich weniger als eine andere Person an. Das Infektionsrisiko ist dementsprechend landesweit gering. 

Allerdings sind die Fallzahlen im Süden und Südwesten im Vergleich höher als die des restlichen Landes. Im Norden und Nordosten wiederum sind sie herausragend gering. „Dennoch gibt es Hotspots in einzelnen, durchaus ländlich geprägten Regionen“, erklärt Stoll. „An diesen Stellen drohen nach den neuen Verordnungen auch Einschränkungen für potenzielle Urlauber, etwa wenn die Zahl von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner überschritten wird.“ Dies sei bei Spontanreisen ein Grund, solche Ortenicht auszuwählen.

Vorsicht bei der Urlaubsplanung: Aktuelle Corona-Zahlen sind nicht alles

Andererseits seien die aktuellen Infiziertenzahlen wegen des dynamischen Geschehens stets nur eine Momentaufnahme. „Insofern sollte man eine mittel- oder langfristige Reiseplanung für den Sommer oder die zweite Jahreshälfte nicht allein von den aktuellen Fallzahlen abhängig machen“, rät der Infektiologe.

Vielmehr sollten Urlauber darüber nachdenken, wie sie vor Ort unterkommen und was sie anschließend tun. „Denn 2020 ist kein Jahr für Gruppenreisen, Mannschaftssport und Partyabende“, so Stoll.

Reisen trotz Corona: Diese Schutzmaßnahmen sollten Urlauber ergreifen

Wer in die Urlaubsplanung geht, sollte sich dem Infektiologen zufolge zwei Fragen stellen: 

  1. Ist mein Reisewunsch umsetzbar und wenn ja, mit welchen Abstrichen?
  2. Kann es nicht ein viel besserer Plan sein, etwas anderes auszuprobieren, das ich ohne die Pandemie nie gemacht hätte, aber gern ausprobieren würde?

Weil Urlaub im Kopf beginnt, ist zum Beispiel eine virtuelle Reise denkbar. Wie die aussehen könnte, erfährst du auf unserer Themenseite.

Für alle, die sich trotz der Corona-Krise zu einer echten Reise entscheiden, hat Stoll Tipps zur Vorbeugung:

  • Individualreisen mit dem Fahrrad oder im eigenen Auto sind weniger problematisch als die Anreise mit Bus und Bahn.
  • Ein Ferienhaus mit eigenem Bad, Küche und Garten birgt weniger Risiken als Anlagen mit Speisesälen, gemeinschaftlichen Sanitäranlagen und einer Sonnenterrasse, die bei gutem Wetter auch ohne Abstandsregeln schon zu klein für alle Gäste ist.
  • Selbstversorger haben die Risiken besser in der Hand als Vollpensionsgäste, müssen allerdings regelmäßig einkaufen, was in Urlaubsorten in der Hauptsaison vermutlich schwierig mit den Abstandsregeln in Einklang zu bringen sein dürfte.
  • Wer Social Distancing, Handhygiene und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung reflektiert anwendet, vermindert die Risiken.

Trotz des Coronavirus ins Ausland: Das sollten Reisende beachten

Mit den Lockerungen wächst bei vielen die Hoffnung auf einen Urlaub im Ausland. Erst kürzlich zeigte eine Umfrage, dass es die Deutschen ans Meer zieht. Ein Wunsch, der seitens des Tourismusbeauftragten der Bundesregierung, Thomas Bareiß, gewissermaßen bestärkt wird: Auch er sagte jetzt, er könne sich vorstellen, dass Urlaub in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Polen für die Deutschen möglich sein wird.

Allen, die einen Sommerurlaub im Ausland geplant haben, rät Infektiologe Stoll zu grundlegenden Überlegungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie.

Zum Beispiel gilt in Deutschland für Einreisende – unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder nicht – eine 14-tägige Quarantäne. Heißt: Wer vier Wochen Urlaub hat, muss zwei davon zu Hause in Isolation verbringen, um wieder pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. „Selbst wenn diese Regelung außer Kraft träte, würde ich in diesem Jahr das Risiko sehen, dass die Corona-Fallzahlen am Zielort steigen und vorherige Maßnahmen zurückkehren“, sagt Stoll.

Infektiologe: „Einige Länder enttäuschen im Umgang mit Covid-19“

Wer dennoch ins Ausland reisen will, müsse sich der medizinischen Versorgung und des öffentlichen Gesundheitsgefüges vor Ort bewusst sein. Denn hierbei hätten auch Länder mit einem sonst hohen Lebensstandard den Infektiologen enttäuscht: „Besonders negativ beeindruckt haben mich die USA, Russland, Großbritannien und Brasilien.“