Da hängt er. Mit einem Spot angestrahlt in einer eigenen Vitrine an einem durchsichtigen Faden scheint er frei zu schweben. Der kleine, metallene Winkel wird ausgestellt wie eine besondere Erfindung der Menschheit. Dabei ist ein Inbusschlüssel nur ein simples Werkzeug. In der Ausstellung des Ikea-Museums in Älmhult inszeniert ihn der Möbelkonzern an dieser Stelle allerdings – leicht ironisch – als eine Art Wegweiser nach Smaland.

In der ersten Ikea-Filiale in Älmhult befindet sich heute das Museum zur Kultmarke.

Im Museum hinter die Kulissen von Ikea blicken

In dem kleinen südschwedischen Ort, nur wenige Meter entfernt vom einstigen Kramladen seines Großvaters hatte Ingvar Kamprad 1958 seinen Weltkonzern begründet. In die ehemals erste Filiale pilgern heute vor allem viele deutsche Besucher.

Denn Ikea ist zwar ein kommerzieller Möbeldiscounter, für viele aber auch Kult in Sachen Design und Effektivität. Die Sehnsucht hinter die Kulissen der Kultmarke zu blicken und die Historie der schwedischen Nation seit der Industrialisierung nachzuvollziehen, wird hier befriedigt.

Besonders gut sollen im Museumsbistro an der Keimzelle des Möbelproduzenten die Köttbullar schmecken. Wohl aber nur wegen der besonderen Atmosphäre, denn die beliebten Fleischklöschen werden überall auf der Welt nach denselben Standards hergestellt, wie Pontus Johannsen, Eventmanager des Museums, betont. „Wir wissen aber von diesem Mythos“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

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Inbusschlüssel, das praktische Flachpaket zum Möbeltransport und Fleischklöschen – ausgedacht haben sich die Ikea-Macher um Ingvar Kamprad das alles nicht. „Ikea hat diese Ideen aufgegriffen, verbessert und in die Welt getragen“, erläutert Pontus Johannsen die erfolgreiche Unternehmensstrategie.

Möbelreich liegt in Zentral- und Westsmaland

Der Möbelgigant profitierte in seinem Anfangsstadium von seiner Lage im sogenannten Möbelreich Smalands. Die historische schwedische Provinz entspricht den heutigen Regierungsbezirken Jönköping, Kalmar und Kronoberg sowie Teilen von Östergötland und Halland.

Während zahllose Touristen jedes Jahr in den Nordosten in die Region nach Vimmerby streben, um die Heimat Astrid Lindgrens und die vermeintlichen Schauplätze ihrer Kindergeschichten zu besuchen, befindet sich das Möbelreich eher in Zentral- und Westsmaland. Firmen und Designer wie Lammhults, Norrgavel, Svenssons und Nilsonns haben hier ihren Ursprung.

Kulturgatan lockt Designfans aus ganz Europa

Viele der zahlreichen Möbelfabriken, die in der Vergangenheit in der Region beheimatet waren, mussten inzwischen schließen, etwa die Produktion von Windsorstühlen im Städtchen Nässjö. Wenige Kilometer weiter im beschaulichen Bodafors sind aber im Kulturgatan 100 verschiedene Modelle dieses Designs ausgestellt. Der Berliner Julius Lehmann hatte sich hier 1926 niedergelassen und das Intarsienhandwerk in Schweden geprägt. Sein Wohnhaus und die Werkstatt bilden heute das Herz der Kulturstraße, wie der Museumskomplex auf Deutsch heißt.

Die historischen Gebäude bilden den Kern des Kulturgatan Bodafors.

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Es ist etwas anderes, jemanden bei der Arbeit zu beobachten, als nur die Museumsstücke zu besichtigen.

Mikael Löfström, Leiter des Kulturgatan

Weiterhin kommen fortlaufend Schüler von Designschulen aus Schweden und ganz Europa hierher, um an historischer Stätte auch vor Publikum zu arbeiten. „Es ist etwas anderes, jemanden bei der Arbeit zu beobachten, als nur die Museumsstücke zu besichtigen“, sagt Mikael Löfström, Leiter des Kulturgatan. Und das angeschlossene Café ist der perfekte Ort, um hier mit hausgemachten Zimtschnecken und Kaffee eine Fika, die typisch schwedische Kaffeepause, einzulegen.

Funktionalität war den Schweden schon immer wichtig

Holzkunst nennen sie im Kulturgatan die ausgestellten Designbeispiele. Ein gutes Design sei nicht nur optisch ein Hingucker, sondern auch funktionell, sagt Löfström, als er mit wenigen Handgriffen ein Tischchen in seine Einzelteile zerlegt. Ohne Leim oder Schrauben ist es danach schnell wieder zu einem stabilen Möbel zusammengesetzt. Nicht nur die arme Bevölkerung in Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Bauboom in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erforderte die Entwicklung solch einfacher, funktionaler und schnell herzustellender Möbel zu einem günstigen Preis.

Mikael Löfström beweist im Kulturgatan in Bodafors, dass ein Möbelstück nicht nur schön, sondern auch funktionell sein kann.

Bruno Mathsson steht für zeitloses Design

Im nahen Värnamo hatte es sich Bruno Mathsson (1907–1988) auf die Fahne geschrieben, solche Möbel mit zeitlosem Design zu kreieren. Sein Atelier und Wohnhaus im ehemaligen Tischlerbetrieb seines Vaters ist heute ebenfalls ein Museums. Bodil Svensson erzählt auf einem Rundgang viele Geschichten rund um einen skurrilen wie genialen Designer. Für seine Liege Pernilla, die auch heute noch weltweit vielfach nachgebildet wird, legte sich Bruno Mathsson einst in den tiefen Schnee in seinem Garten, um seine Körperformen abzunehmen.

Naturfreund Bruno Mathsson schlief auch gern in einem Bett außerhalb seines Hauses und bewegte sich jeden Morgen ohne Grund im Laufschritt auf einer sieben Kilometer langen Runde durch den Ort. Für viele Schweden war er damals der „Mann, der für nichts läuft“. Heute ist Jogging nicht nur in seiner Heimat weit verbreitet. Nach einer Amerika-Reise, bei der er unter anderem mit Walter Gropius zusammentraf, widmete er sich zusehends der Architektur mit Glas, Holz und Stahl, was auch an seinem Atelier zu erkennen ist.

Viele Kreative zieht es nach Smaland

Warum es so einfach ist, in Smaland seine Ideen umzusetzen, und deshalb auch so viele Kreative hierherkommen, erklärt Ago Kubar vom renommierten Designmöbelproduzenten Källemo aus Värnamo: „Man bekommt in dieser Region alles in kleinen Stückzahlen und in kurzer Zeit – es ist fantastisch.“ Als Initiative von Källemo-Firmengründer Sven Lundh wurde 2011 am Stadtrand das Kunst- und Designzentrum Vandalorum eröffnet. In den von Stararchitekt Renzo Piano gestalteten äußerlich typisch smaländischen vier roten Scheunen werden jedes Jahr bis zu 15 Ausstellungen realisiert.

Selbst das Archiv im Kunstmuseum Vandalorum ist umfangreich.

Bistro ist im ganzen Land bekannt

Bekannt ist Vandalorum in Schweden allerdings auch für das angeschlossene Bistro Syltan. An der Kreuzung der Autobahnen E 4 und 27 gelegen wurde es 2018 von einer Autozeitung zu Schwedens bester Raststätte gewählt. Es lockt zusätzlich viele Menschen nach Vandalorum und ist auf jeden Fall ebenfalls einen Besuch wert.


Vielfach stellen in Vandalorum auch bekannte Glasdesigner ihre Werke aus, zuletzt unter anderem Asa Jungnelius, die dem illustren Kreis von Künstlern aus dem sogenannten Glasreich im Südosten Smalands angehört. In Kosta wird seit 1742 die älteste noch aktive Glashütte betrieben. Außer Alltagsgegenständen, etwa Wein- und Sektgläsern der Marken Kosta Boda und Orrefors, werden hier auch viele Designstücke produziert, darunter Pokale für den European Songcontest und ein Boot, bei dessen Entstehung auch König Carl Gustaf XVI selbst Hand angelegt hat.

In Kosta an der Glasbar trinken

In Kosta können sich die Gäste, die auch in einem Glaskunsthotel direkt neben der Werkshalle übernachten und dabei an einer vollständig aus Glas geschaffenen Bar ein Getränk zu sich nehmen können, selbst in der mehr als 2000 Jahre alten Handwerkskunst des Glasblasens üben.

Die Bar im Kosta-Boda-Art-Hotel ist stilecht aus Glas.

Glaskünstler bei der Arbeit sehen

Wenige Kilometer weiter in Boda sind sie dagegen auf der kleinen Tribüne in der Glass Factory fast hautnah dabei, wenn Künstler wie Hanna Hansdotter ihre Werke vor dem 1200 Grad heißen Ofen live erschaffen.


Man spürt die Hitze auf dem Gesicht und riecht die Dämpfe der heißen Glasmasse. Die traditionelle Handwerkskunst, die eigentlich in Deutschland eine viel ältere Tradition hat, dort aber seit etwa 35 Jahren nicht mehr ausgebildet wird, spielt hier noch eine wichtige Rolle. „Ich könnte meine Ideen nicht umsetzen, wenn ich keine Glasbläserin wäre“, betont Hanna Hansdotter. Überall in der Region gehört die Glaskunst zum alltäglichen Bild. Das zeigt nicht zuletzt der berühmte gläserne Altar, der im Dom der nahen Stadt Växjö zu sehen ist.

Glasdesignerin Hanna Hansdotter zeigt in der Glass Factory in Boda mit zwei Helfern, wie sie arbeitet.


Die Hitze des Ofens spürt auch, wer sich von Lars Andersson und Tim Leffler in Kosta in die Kunst des Glasblasens einführen lässt. Beim Einblasen in die Form und dem Formen der Gefäße mit einer nassen Holzkelle ist viel Gefühl erforderlich. Nach einigen Stunden im Abkühlofen ist es fertig, das eigene Stück schwedischer Designkunst. Ähnlich einfach wie der Inbusschlüssel und bereit, in der heimischen Vitrine ausgestellt zu werden.

Tipps für deine Reise nach Schweden

Anreise: Von März bis Oktober fliegt die schwedische Braathens Regional Airlines mehrmals in der Woche direkt zwischen Berlin Tegel und dem Smaland Airport in Växjö. Flüge mit Zwischenstopp etwa in Amsterdam sind ab zahlreichen deutschen Flughäfen buchbar. Ab Hamburg erreicht man Smaland mit Umstieg in Kopenhagen mit der Bahn bereits für 59,90 Euro.

Beste Reisezeit: Von Mai bis September gibt es wenig Niederschläge, und es herrschen angenehm milde Temperaturen.

Attraktionen:Ikea Museum: Ikeagatan 5, Älmhult. Eintritt: etwa 5,50 Euro für Erwachsene. Kinder besuchen das Museum gratis.
Bruno Mathsson Center: Tånnögatan 17, Värnamo. Geöffnet: montags bis freitags 13 bis 16.30 Uhr. Eintritt frei. Geführte Touren in deutscher Sprache sind auch zu anderen Zeiten möglich. Terminanfragen an: info@mathsson.se.
Kunst- und Designzentrum Vandalorum: Skulpturvägen 2, Värnamo. Geöffnet: dienstag bis sonntags 11 bis 17 Uhr. Tickets für Erwachsene kosten etwa 9 Euro. Für Kinder ist der Eintritt frei.
Kosta Glasbruk: Stora Vägen 96, Kosta.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Sweden. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.