Für die jüngste Generation ist das Reisen zur Normalität geworden. Fernreise nach Bali, Work & Travel in Australien und für ein Wochenende nach Barcelona: All das gehörte für Millennials zum Leben dazu. Vor der Corona-Krise

Doch war das schon immer so? Wie hat sich das Reisen im Lauf der Geschichte entwickelt? Seit wann fahren Menschen weg, nur um sich zu erholen? Das wollten wir vom Historiker Prof. Dr. Hasso Spode wissen. Er forscht zur Geschichte des Reisens und leitet seit 1999 das Historische Archiv zum Tourismus, das seit 2012 an der Technischen Universität Berlin beheimatet ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts reisten nur etwa 10 Prozent der Deutschen

„Reisen als Selbstzweck gibt es etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts“, so Professor Spode. Vor dieser Zeit sei reisen mit einem großen finanziellen wie zeitlichen Aufwand verbunden gewesen. Eine Kutschfahrt von Dresden nach Leipzig hätte Anfang des 19. Jahrhunderts beispielsweise zwei Tage gedauert. Zum Vergleich: Heute braucht man für die Strecke mit dem Auto oder dem Zug etwas über einer Stunde.

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Ein wesentlicher Schritt hin zum Tourismus der heutigen Form war die Erfindung und Ausbreitung der Eisenbahn. Dies geschah in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Somit konnten mehr Menschen zu geringeren Kosten verreisen.

Was heute für uns zur Normalität gehört, war damals eine bahnbrechende Erfindung: Die Eisenbahn sorgte dafür, dass mehr Menschen reisen konnten. (Symbolbild)

Doch bis zu einem Massentourismus, wie wir ihn heute kennen, dauerte es noch eine ganze Zeit. Anfang des 20. Jahrhunderts, vor Beginn des Ersten Weltkriegs, konnten sich gerade einmal zehn Prozent der deutschen Bevölkerung eine Reise pro Jahr leisten. 

Mit dem Ende der Weimarer Republik wurde das Reisen durch die Nationalsozialisten propagandistisch genutzt. Die NS-Behörde „Kraft durch Freude“ organisierte mithilfe des „Amts für Reisen, Wandern und Urlaub“ Reisen in Deutschland und der Welt. Ziel war es, auch der einfachen Arbeiterklasse Reisen zu ermöglichen, die vorher für sie unerschwinglich waren. Trotzdem, so Spode, reisten in der Zeit von 1933 bis 1939 nur etwa 20 Prozent der Deutschen regelmäßig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Reiselust erst einmal zum Erliegen. Doch dank des Wirtschaftswunders kam es in der Folgezeit wieder zu einem gestiegenen Interesse am Verreisen.

In den 1970er-Jahren konnte sich erstmals die Hälfte der westdeutschen Bevölkerung einen jährlichen Urlaub leisten. Doch immer noch war es vor allem den oberen Schichten vorbehalten. Erst gegen Ende der 1980er-Jahre wurde Reisen zur Normalität, wie wir sie heute kennen.

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Wer reist? Jung, weiblich, wohlhabend

Seit es den Tourismus in der heutigen Form gibt, also seit etwa 200 Jahren, war es vor allem eine Gruppe, die auf Reisen ging: Seit jeher waren es vor allem junge Menschen, oft mit einem hohen Frauenanteil, die einen gewissen Bildungsstand besaßen und wohlhabend waren.

Machten schon immer eine große Gruppen an (Fern-)Reisenden aus: Studenten. (Symbolbild)

Dies setzte sich bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Studenten, die dank der Unterstützung des Elternhauses auf (Fern-)Reisen gehen konnten.

Kreuzfahrten: Heute auch für Menschen mit wenig Einkommen

Erst seit einigen Jahren hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. „Die Demokratisierung der Kreuzfahrtbranche hat für eine ganz neue Reisegruppe gesorgt“, so Spode. Damit ist gemeint, dass sich heutzutage auch mittlere und niedrige Einkommensschichten eine Kreuzfahrt leisten können.

Wo heute riesige Schiffe Massen an Touristen durch die Welt bringen, waren früher deutlich kleinere Schiffe unterwegs und dadurch auch überwiegend nur wohlhabende Leute an Bord. (Symbolbild)

Dies sei erst um die Jahrtausendwende geschehen, als es immer größere Schiffe gegeben habe, die mehr Menschen mit günstigeren Preisen aufnehmen konnten. Dazu zählten auch die sogenannten Best Ager, also Pensionierte und Senioren. Vorher sei die Kreuzfahrt ein weitestgehend elitäres Unterfangen gewesen.

„Naturkatastrophen haben die langfristigen Reisetrends nicht beeinflusst“

Wie wirkt sich die aktuelle Corona-Krise nun auf die Reisebranche aus? „Naturkatastrophen oder Terrorattacken haben die langfristigen Trends des Tourismus nie beeinflusst“, macht Spode deutlich. 

Als Beispiel nennt er den verheerenden Tsunami von 2004, der mehr als 200.000 Menschen das Leben kostete. Schon kurze Zeit später seien Touristen wieder an die Strände von Thailand und Indonesien geflogen, die von der Katastrophe am schlimmsten betroffen waren.

Allerdings gibt Spode zu bedenken, dass die aktuelle Pandemie die Reisebranche härter und langfristiger treffen könnte. Zumindest einen Teil der Industrie. Denn Reisebeschränkungen auf der ganzen Welt würden sehr wahrscheinlich noch  lange bestehen bleiben. Dies könnte zu einem veränderten Reiseverhalten führen. Urlauber könnten bei der Buchung ihrer Reise noch mehr den Fokus auf Sicherheits- und Gesundheitsaspekte legen.

Sie würden sich vor einer Reise viel mehr mit Fragen beschäftigen: Wie ist die gesundheitliche Versorgung im Land? Besteht eine Gefahr, dass ich mich mit dem Virus in Land X oder Y anstecke? Als Umkehrschluss könnte es dazu führen, dass weniger Fernreisen gebucht werden, dafür wieder mehr im Land selber verreist wird. Spode betont aber auch, dass er kein Zukunftsforscher sei und keine Kristallkugel besitze, die voraussagen könnte, wie die Situation in ein paar Jahren aussehen wird.