Das Coronavirus hat viele Langzeitreisende und Auswanderer kalt erwischt. Einige mussten sich mitten auf ihrer Reise um die Welt entscheiden, ob sie zurück nach Hause fliegen oder ihren Trip auf eigene Verantwortung und unter widrigen Bedingungen fortsetzen. Für andere geht durch die Pandemie ein lang ersehnter Traum erst mal in die Brüche. Und dann gibt es noch diejenigen, die unfreiwillig und ohne festen Wohnsitz an ihrem Reiseziel festsitzen.

Wir haben mit Menschen gesprochen, die ähnliche Schicksale teilen, und sie gefragt, wie sie die Corona-Krise eigentlich erleben – und vor allem überstehen. Herausgekommen sind Gespräche mit Menschen, die selbst der schwierigen Situation noch etwas Positives abgewinnen können. Wie sie das schaffen? Lies selbst: 

Yannik Helfenstein wartet in Mexiko ab

Der 23-jährige Yannik Helfenstein ist im Februar nach Mexiko aufgebrochen. Und er hatte große Pläne: ein Jahr durch Mexiko und Südamerika reisen, die Menschen und die Kultur erleben und möglichst viel mitzunehmen von der Langzeitreise. Und dann kam Corona.

Hallo Yannik, beeinflusst Corona dein Leben aktuell?

Yannik Helfenstein: Abgesehen davon, dass ich einer der wenigen Touristen hier bin und viele Restaurants geschlossen sind, nicht wirklich. Wir haben keine Quarantäne hier und genießen den menschenleeren Strand. Aber wegen der aktuellen Situation bleibe ich erst mal an einem Ort und warte die weiteren Entwicklungen ab, anstatt meine geplante Reise fortzusetzen.

Yannik Helfenstein genießt den menschenleeren Strand.

Wo genau bist du gerade und wie sind die Lebensbedingungen vor Ort?

Yannik Helfenstein: Ich bin gerade in der mexikanischen Stadt Sayulita. Für Touristen sind die Bedingungen eigentlich sehr gut. Allerdings haben viele Einheimische derzeit keine Arbeit oder ihnen bleiben die Kunden aus. 

Was wünschst du dir für die Zukunft mit und auch nach Corona?

Yannik Helfenstein: Ich hoffe, dass die Pandemie schnell vorbei sein wird und jeder, der gerade unterwegs ist, seine Reise fortsetzen kann. Und dass die Menschheit etwas daraus lernt. 

Der 23-Jährige wollte ein Jahr durch Südamerika reisen.

Was begeistert dich am Reisen am meisten? 

Yannik Helfenstein: Also es ist meine erste Reise, die länger als zwei Monate dauert. Ich genieße es, dabei jeden Tag Neues zu entdecken und neue Leute aus der ganzen Welt kennenzulernen. Außerdem gefällt es mir am Strand wesentlich besser als in der kalten Heimat. 

Vanessa und Richard kämpfen in Griechenland um ihre Existenz

Vanessa Quaas und Richard Sommerlechner haben sich beide unabhängig voneinander für ein Leben abseits Deutschlands entschieden und sind nach Griechenland ausgewandert, wollten sich dort als Selbstversorger durchschlagen. Auf einer Plattform haben sie sich dann kennen- und lieben gelernt.

Seit circa einem Jahr nun bauen die 22-Jährige und ihr 39-jähriger Partner sich im Süden Griechenlands ein Leben abseits des deutschen Leistungsdrucks auf. In diesem Jahr wollten sie mit ihrer Marke „Prasinos“, unter der sie selbst angebaute und verarbeitete Bio-Produkte anbieten, in den Verkauf gehen. Der lief auch erst gut an, aber dann kam Corona.

Hallo ihr beiden. Wie beeinflusst die Pandemie euer Leben?

Vanessa & Richard: Natürlich machen wir uns in erster Linie Sorgen um unsere Freunde und Familie in Deutschland, von denen wir Tausende Kilometer entfernt sind. Zu Beginn haben wir uns persönlich auch nicht wirklich betroffen gefühlt von der Situation. Aber uns wurde schnell bewusst, dass es sich nicht nur um ein Virus handelt, das Menschen in Gefahr bringt, sondern dass unsere Existenz dadurch auch bedroht ist. 

Die Aussteiger leben im Süden Griechenlands.

Wo lebt ihr genau und wie sind die Lebensbedingungen derzeit vor Ort?

Vanessa & Richard: Wir leben im Süden Griechenlands auf der Halbinsel Peleponnes in der Nähe der Stadt Gythio. Die Situation ist derzeit sehr angespannt. Es gilt eine allgemeine Ausgangssperre. Wir dürfen das Haus also nur noch verlassen, wenn wir vorher eine SMS an die Regierung schreiben, in der wir die Gründe für den Ausgang schildern. Die Bestätigung, auf der Grund, Name und Adresse stehen, müssen wir dann bei uns führen. Wer bei einer Kontrolle ohne erwischt wird, der muss 150 Euro Strafe zahlen. Als Grund wird neben medizinischen Notfällen nur noch der Gang zum Supermarkt oder zur Apotheke akzeptiert. 

Also bleibt auch ihr aktuell zu Hause. Wie lebt ihr in Griechenland?

Vanessa & Richard: Wir haben das Privileg, auf einem 40.000 Quadratmeter großen Grundstück zu leben, kostenlos in einem Wohnwagen. Im Gegenzug kümmern wir uns um zwei Gästehäuser und darum, den gesamten Olivenhain zu pflegen und die reifen Oliven zu ernten. Wir sind sehr glücklich, dass wir dadurch nach wie vor fast jeden Tag draußen sind und nicht in Deutschland oder Österreich in einer Wohnung sitzen. 

Richard und seine Freundin kümmern sich um die Olivenernte.

Und wie gehen die Einheimischen mit den Einschränkungen um? 

Vanessa & Richard: Wir haben noch nie so hilfsbereite Menschen erlebt wie hier. Und die Menschen, die hier ohnehin schon immer für die anderen da sind, rücken in der Krisenzeit noch ein Stück mehr zusammen. Jeder hier würde einem anderen sein letztes Hemd geben. Man merkt: Wir stecken alle in der gleichen Krise. Das wäre in Deutschland in der Form nicht möglich. 

Was wünscht ihr euch für die Zukunft mit Corona und die Zeit danach?

Vanessa & Richard: Wir wünschen uns natürlich, dass möglichst wenige Menschen an dem Virus erkranken. Und wir wünschen auch allen finanziell Betroffenen nur das Beste und hoffen, dass es auch uns nicht zu nachhaltig trifft. Vor allem hoffen wir aber, dass vielleicht auch etwas Positives aus der Krise entsteht: dass die Menschen wieder mehr auf die Natur achten, die sich in der kurzen Zeit schon erstaunlich von den vergangenen Jahren erholt hat. Wir hoffen auch auf mehr Zusammenhalt, weniger Konsum und mehr Rücksicht. 

Nick Martin verbringt die Quarantäne in Australien im Van

Nick Martin ist ein alter Hase, was Langzeitreisen angeht. Seit mehr als zehn Jahren reist er durch die Weltgeschichte und hat sogar bereits ein Buch über seine vielen Erlebnisse geschrieben und lehrt an der Travel University quasi das Reisen. Mitte März ist er von Lombok nach Australien aufgebrochen, wo er eigentlich entspannt die Westküste entlangfahren und die Zeit Down Under genießen wollte. Aber dann kam die Pandemie in Australien an. 

Hallo Nick. Wie hat sich die Situation in Australien durch das Coronavirus verändert?

Nick Martin: Das Coronavirus kam mit etwa zwei Wochen Verzögerung im Vergleich zu Europa in Australien an. Als ich Mitte März dort angekommen bin, durfte ich noch ganz normal einreisen und habe dann meinen Van abgeholt. Zwei Tage nachdem ich eingereist war, hat die australische Regierung entschieden, dass alle neu Einreisenden für 14 Tage in Quarantäne müssen. Und seitdem hat sich die Lage immer weiter zugespitzt.

Werden wir etwas konkreter: Wie ging es im Einzelnen weiter?

Nick Martin: In den Nachrichten gab es nur noch das Thema Corona, die Ostküste war leer gefegt und irgendwann wurden dann auch die innerländischen Grenzen dicht gemacht. Das hat vor allem den vielen Backpackern im Land Probleme bereitet. Die mussten sich schnell entscheiden, in welchem Staat sie die Corona-Krise überstehen wollen, und schnellstmöglich dorthin gelangen.

Und das ist nicht die einzige Herausforderung für die ganzen Work-and-Traveler in Down Under. Denn die arbeiten oft in Restaurants oder Hostels, die jetzt aber alle geschlossen sind. Die einzige Möglichkeit ist derzeit die Farmarbeit. Und saisonbedingt ist das aktuell nur in Queensland möglich. 

Also trifft die Corona-Krise in Australien bei Reisenden vor allem Backpacker?

Nick Martin: Für Reisende, die das erste Mal unterwegs sind, nach der Schule backpacken oder Work and Travel machen, ist die Situation besonders schwer. Egal ob sie aus England, Österreich oder Deutschland kommen, sie sind am anderen Ende der Welt und müssen durch die Pandemie weitreichende Entscheidungen treffen. 

Aber auch du musstest auf die neue Lage reagieren und hast schließlich die Quarantäne im Van erlebt. Wie war das?

Nick Martin: Ich bin drei Wochen mit dem Van durch Australien gefahren und nach und nach haben immer mehr Campingplätze geschlossen. Ich habe es so gemacht, dass ich einmal auf einem Campingplatz übernachtet habe und ansonsten wild campen war. Und in Städten habe ich improvisiert. In Sydney zum Beispiel habe ich nicht mein Schlafdeck aufgebaut, sondern einfach im Auto gepennt, irgendwo in einem Wohngebiet. 

Du hast die ganze Geschichte recht gelassen genommen, wie man auf Instagram verfolgen konnte. Aber wie haben andere Reisende auf die Extremsituation reagiert? 

Nick Martin: Viele haben am Rad gedreht. Eine Kanadierin zum Beispiel hat verzweifelt versucht, einen Flug nach Hause zu bekommen. Allerdings kannte sie sich nicht mit Computern aus. Ihr musste ich dann helfen, die nötigen Dokumente zu öffnen. Eine Engländerin ist nur noch heulend im Hostel herumgelaufen, weil ihr Rückflug gecancelt wurde. Viele haben verzweifelt versucht, in die Heimat zu kommen. Weil Rückflüge aber schnell um die 8.000 Euro gekostet haben, gibt es jetzt etliche Backpacker, die in Australien gestrandet sind, keinen Job und keine Bleibe haben. 

Du bist allerdings mittlerweile wieder zurück in Deutschland. Wieso hast du dich am Ende dann gegen das Bleiben entschieden?

Nick Martin: Ganz ehrlich? Wenn ich nicht ohnehin im April zurückgewollt hätte, dann hätte ich die Krise in Australien ausgesessen. Aber so bin ich einfach ein paar Tage früher zurückgeflogen. Mein Glück war, dass Qatar Airways ihre Flugfrequenz nach Australien vorübergehend sogar erhöht haben. Also konnte ich einen Flug ergattern, der etwas mehr als 3.000 Dollar gekostet hat. Das war auch der teuerste Flug, den ich mir jemals geleistet habe. 

Kristina Klippenstein wartet in Deutschland auf das Go

Eigentlich war alles perfekt vorbereitet: Der Besitz verkauft, die Koffer gepackt und der Oldtimer, der das neue Zuhause werden sollte, schon gekauft und eingerichtet. Kristina Klippenstein wollte mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und dem Familienhund endlich auf große Reise gehen. Das Ziel sollte die alte Heimat Sibirien sein. Doch dann kam die Corona-Pandemie. 

Hallo Kristina. Wie sehr hat sich euer Leben durch das Coronavirus verändert?

Kristina Klippenstein: Wir waren bereits losgefahren nach Kroatien, mussten am 20. März, wegen der Grenzschließung, aber schließlich zurück nach Deutschland. Das war etwa zwei Stunden vor dem großen Erdbeben in Zagreb. Wir haben in Kroatien einfach keinen Ort gefunden, an dem wir während der Corona-Krise bleiben konnten. 

Euren Besitz habt ihr allerdings bereits verkauft. Wie lebt ihr derzeit?

Kristina Klippenstein: Wir harren derzeit in Deutschland aus und hoffen, Mitte April weiterfahren zu können. Unsere „Babuschka“, also unser Oldtimer-Wohnmobil, ist derzeit unser Zuhause. Wir dürfen damit aktuell auf dem Hof meines Bruders stehen. Und wir nutzen die Zeit, um Dinge zu reparieren, die unterwegs kaputtgegangen sind, und verbessern Dinge, die wir vorher nicht bedacht hatten. 

Kristina Klippenstein ist mit ihrer Familie in einem Wohnmobil gestrandet.

Erst mal gilt also: Abwarten. Bereut ihr den Schritt, erst mal wieder zurück in die Heimat zu gehen?

Kristina Klippenstein: Nein. Wir überlegen gerade, ob wir uns in die Niederlande wagen sollten, für einige Tage wenigstens. Wir haben gerade darauf hingearbeitet, alles hinter uns zu lassen. Jetzt müssen wir eben das Beste aus der Situation machen. Alles hat am Ende seinen Sinn. Und die Reise pausieren zu lassen war das kleinste Opfer. 

William Wilhelm trampt durch Aserbaidschan

William Wilhelm ist Ende Februar nach Georgien geflogen, um gute Freunde zu besuchen. Erst danach wollte er weiter nach Aserbaidschan reisen, um dort eine Sprachdokumentation durchzuführen. Es sollte eine neue Zeit des Aussteigens für den Studenten werden. Er wollte durchs Land trampen, zelten und jede Menge Menschen kennenlernen. Und dann kam die Corona-Krise. 

Hallo William. Wie hat das Coronavirus deine Reise beeinflusst?

William Wilhelm: Ich bin ja schon zu Beginn meiner Reise damit in Verbindung gekommen. Am 27. Februar bin ich mit einem Transferflug über Mailand in den Kaukasus geflogen. Vor Ort musste ich den Flughafen wechseln, also auch in die Stadt rein, die zu dem Zeitpunkt der Corona-Hotspot in Europa war. Die Stadt war menschenleer. Die Sicherheitsvorkehrungen waren dort aber noch ziemlich durchlässig, außer Temperaturmessungen gab es nichts. 

Und wie sah die Situation dann in Georgien aus?

William Wilhelm: Da gab es direkt drei Checks am Flughafen: Temperatur, Reiseverlauf und die Pläne für die nächsten Tage. Die Leute dort waren schon etwas panischer, das Land hat sich da schon auf die Krise vorbereitet. In den Medien war das Thema dann auch schnell omnipräsent. Das war für mich ziemlich absurd, weil in Deutschland kurz vorher noch Karneval war und von solchen Sicherheitsvorkehrungen nichts zu spüren war. 

Der Langzeitreisende verbringt die meiste Zeit mit seinem Freund aus dem Iran.

Wie sind die Leute vor Ort mit der drohenden Pandemie umgegangen?

William Wilhelm: Den Menschen war die Gefahr schon bewusst. Sie waren vor allem feindselig gegenüber Chinesen, Iranern und Italienern, weil in den Heimatländern dieser Menschen eben die Risikogebiete lagen. Aber durch die Entwicklungen in Deutschland hat sich auch das Bild von Deutschen im Kaukasus schnell geändert. Zwischenzeitlich flachte die Panik vom Anfang auch wieder ab. Die Einheimischen haben dann auch wieder Witze gemacht und fleißig Cha Cha getrunken, also den hochprozentigen Branntwein, den die Menschen dort selbst herstellen. Quasi als Anti-Corona-Drink. 

Von Georgien aus bist du dann nach Aserbaidschan getrampt. Wie ging deine Reise dort weiter?

William Wilhelm: Wir haben dort erst normal angefangen, unser Projekt zu machen. Sind zu der Familie gefahren, mit der wir uns dafür verabredet hatten. Und allein die Tatsache, dass ein Reisender sich in das Nordgebirge Aserbaidschans verirrt, ist für die Einheimischen dort sehr ungewöhnlich. Ich hatte bei unserer Anreise ein wenig Schnupfen, sodass unsere Gastgeber etwas panisch waren. Ich musste mich dann oft desinfizieren und von ihnen fernhalten. Am 16. wurde dann die Grenze zu Georgien dicht gemacht. Seitdem reisen wir durch das Land und zehren von der großen Gastfreundschaft der Locals. Wir haben im Gebirge und in der Wüste gezeltet, weil alle Unterkünfte geschlossen haben, und haben einige Tage in einem alten Wohnwagen im Wald geschlafen. Viele Einheimische, die das mitbekommen, laden uns dann mal zum Essen ein oder so. 

Ein alter Wohnwagen diente tagelang als Unterkunft für den Langzeitreisenden.

Wie sieht dein weiterer Plan aus, bleiben oder zurück nach Deutschland reisen?

William Wilhelm: Ich bin aktuell bei dem Vater eines Kumpels gestrandet. Und jetzt mal sehen, wie es weitergeht. Mein Rückflug wurde storniert und ich habe auch versucht, mich für die Rückholaktion zu registrieren, aber das ist nicht so einfach. So wie ich es aktuell sehe, eskaliert in Deutschland die Lage aber ohnehin, weil die Vorsorgemaßnahmen recht spät getroffen wurden. Und Deutschland verliert sich derzeit in einer Art Negativspirale, da gehen die Menschen hier auf jeden Fall optimistischer mit der Situation um. Ich versuche jetzt also, mein Visum zu verlängern und erst mal zu bleiben. Und vielleicht kann ich sogar noch etwas erleben hier, weil am 20. April, Stand jetzt, die Quarantäne endet. Und bis dahin erkunden wir die wunderschöne Landschaft hier. 

Was wünschst du dir für die Zukunft mit Corona und für die Zeit danach?

William Wilhelm: Ich wünsche mir, dass bald wieder jeder frei ist, zu tun, was er möchte, und hinzugehen, wo er möchte. Die Freiheit, so zu leben, wie ich möchte, und meine eigenen Werte zu haben. Und nicht in einer Gesellschaft leben zu müssen, die mich einengt. Und dass wir die wunderschönen und wertvollen Orte dieser Erde wieder mehr zu schätzen wissen. Es wäre doch gut, wenn wir Menschen aus dieser Pandemie am Ende noch etwas lernen, oder?