In den vergangenen Jahren stand uns gefühlt die ganze Welt offen. Wir konnten frei wählen, wohin die nächste Reise ging, wie wir Reisen und was wir an unserem Reiseziel alles sehen wollten. Seit dem Coronavirus ist aber alles anders – wir sind auf unsere Heimat beschränkt und sollen weitestgehend zu Hause bleiben. Das ist besonders für Menschen, die bisher viel unterwegs waren, eine Herausforderung. Aber was macht das genau mit unserer Psyche?

Ist Reise-Entzug nur ein Luxusproblem?

Psychologin Barbara Horvatis-Ebner ist selbst am liebsten unterwegs und schreibt auf ihrem Blogüber ihre Abenteuer auf Reisen. Die jetzige Situation macht auch ihr einen Strich durch die Rechnung. Aber sie ist sich sicher: „Im Prinzip wissen die meisten von uns, dass die Tatsache, gerade nicht reisen zu können, ein Luxusproblem ist.“ Deshalb sei es wahrscheinlich, dass Freiheitsliebende unbeschadet durch diese schwere Zeit kommen, auch wenn die Menschen „schon große Sehnsucht nach ihren Lieblingsorten verspüren“.

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Eine Weile auf das Reisen zu verzichten ist grundsätzlich also nicht das Problem. Die größere Herausforderung sei derzeit vor allem die Ausgangssperre. „Diesen Eingriff in die gewohnte Freiheit empfinden viele zu Recht als gruselig oder beängstigend“, sagt die Expertin. Menschen, die sich bisher frei bewegt haben, sind nun auf ihre eigenen vier Wände beschränkt. Um das mental zu überstehen, rät die Psychologin zu einem aktiven Lebensstil und einer ausgewogenen Selbstfürsorge. „Allem voran braucht es Akzeptanz, dass es einem auch mal schlecht gehen darf.“

Wie gehen Vielreisende mit der Situation um?

Aber nicht nur die Ausgangssperre fordert derzeit viel von freiheitsliebenden Menschen, auch die unüberbrückbare Distanz zu geliebten Menschen. „So richtig trifft die genommene Möglichkeit zu reisen all jene, die ihre Familie oder den Partner in einem anderen Land haben“, sagt die Reiseexpertin. Aber das seien nicht die einzigen Menschen, um die man sich in einer solchen Situation sorge: „Viele Menschen machen sich darüber Gedanken, wie die Gastgeberin und der Tavernenbesitzer diese Zeit überstehen.“

Diese Tatsache zeige sehr deutlich, dass auf Reisen durchaus Bekanntschaften entstehen, die sich zu nachhaltigen und wichtigen Beziehungen entwickeln. Und obwohl Vielreisende das Leben auf Tour kennen und lieben, arrangierten sie sich auch mit geschlossenen Grenzen: „Ich bin wirklich positiv überrascht, mit welcher Vernunft sie die Situation hinnehmen.“ Das habe sie bei vielen Gesprächen mit bekannten aus der Reisewelt erfahren. 

Dass Menschen, die viel unterwegs sind, recht gelassen mit der neuen Lage umgehen, liegt vielleicht auch am Mindset. Denn zu reisen hat viele positive Auswirkungen auf unser Innenleben. Horvatis-Ebner fasst das einmal zusammen: „Reisen hat das Potenzial für zweierlei Prozesse: Es bildet und es verändert.“

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Es bildet, weil wir unterwegs viele neue Fertigkeiten lernen können und unser Wissen über die Welt und andere Menschen erweitern. Und es verändert, weil wir auf Reisen immer wieder vor Herausforderungen stehen und diese meistern. Die Psychologin ist sich sicher: „Mit offenem Geist zu reisen ist nichts anderes als Selbsttherapie.“

Social Distancing fördert psychische Probleme

Ein weiterer nicht unerheblicher positiver Effekt des Reisens ist es, immer wieder neue Menschen kennenzulernen und sich mit vielen interessanten und offnenen Menschen zu umgeben. In Zeiten von Social Distancing ein Aspekt, dem wir nicht nachkommen können. Laut Psychologin sorgt das bei vielen Menschen für Probleme: „Wir sind hochsoziale Wesen und meist darauf aus, unseren Alltag im Einvernehmen mit anderen Menschen zu gestalten“, sagt die Psychologin. 

Das alles fällt derzeit weg, was bei vielen zu Unwohlsein und psychischen Problemen führe – nicht nur bei freiheitsliebenden Menschen. Umso wichtiger sei es, die sozialen Kontakte über elektronische Mittel aufrechtzuerhalten. Außerdem „ist der Gesellschaft mehr geholfen, wenn diese Personen dann einen ausgiebigen Spaziergang oder eine Radtour machen, als wenn wir am Ende dieser Krise eine hohe Zahl an psychisch Kranken haben“.

Und für alle, die die Reisesehnsucht besonders plagt, hat die Expertin einen weiteren Tipp: das Fernweh etwa mit Filmen, Büchern oder Fotos stillen oder „einen Blick in die Zukunft zu werfen und ein paar kommende Reisen zu planen“. Denn auch, wenn wir alle noch nicht wissen, wann der nächste Flieger in den Süden startet, „Perspektiven tun immer gut“.

Reisen wir nach Corona erst mal nur im eigenen Land?

Apropos Perspektive: Ändert sich vielleicht unser eigenes Reiseverhalten durch die Corona-Pandemie nachhaltig? Die Expertin erwartet einen Wandel: Sobald sich alles entspannt, werden wir erst mal im eigenen Land oder in Nachbarländer reisen. Eine Einschätzung, die bereits Tourismusforscher Jürgen Schmude im Gespräch mit dem reisereporteräußerte.

Das liege vor allem daran, dass die meisten Reisenden damit rechnen, dass Grenzen erst deutlich später wieder öffnen. Ähnlich wie Schmude geht auch die Psychologin davon aus, dass es einige Zeit dauern wird, „bis Menschen wieder in gewohnter Art und Weise um die Welt jetten“.

Das sei das eine Szenario. Die Psychologin erwägt aber noch ein anderes, das abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung sei und deshalb schwer vorherzusagen. Denn wenn es die Möglichkeiten zulassen, könne es auch sein, dass die „Menschen so ausgehungert vom Reisen sind, dass sie so schnell und so viel wie möglich unterwegs sein werden“.