Corona-Hilferuf der Tourismusbranche: „Verschiebe deine Reise“

Corona-Hilferuf der Tourismusbranche: „Verschiebe deine Reise“

Reisestopp bis Ende April wegen Corona – für die Tourismusbranche ist das eine Katastrophe. Sie richtet einen Hilferuf an ihre Kunden und bittet um Solidarität. Sie sollen gebuchten Urlaub nicht stornieren, sondern nur verschieben.

Gähnende Leere in der Abflughalle des Flughafens Frankfurt: Die Corona-Krise führt zum Reisestopp.
Gähnende Leere in der Abflughalle des Flughafens Frankfurt: Die Corona-Krise führt zum Reisestopp.

Foto: imago images/sepp spiegl

Die deutsche Regierung warnt weltweit vor touristischen Reisen, zunächst bis Ende April. Das betrifft auch die Osterferien, Millionen Buchungen sind betroffen. Die Folge: eine Stornierungsflut und damit eine drohende Pleitewelle in der von der Viruskrise hart getroffenen Tourismusbranche.

Etwa 3.000 Reiseveranstalter und 11.000 Reisebüros gibt es in Deutschland – sie alle stehen vor einer Situation, wie es sie noch nie gegeben hat und von der niemand weiß, wie sie sich weiter entwickeln wird. „Die Reisebranche steht vor dem Kollaps, wir befinden uns im freien Fall“, sagt Rainer Hageloch, Vorstandsvorsitzender der Kooperation AER, in der gut 730 Reisebüros und 430 Reiseveranstalter organisiert sind – „und sie alle sind in Gefahr“, so Hageloch.

Wegen der Corona-Krise droht eine Pleitewelle von Reiseveranstaltern

Hinter jedem der Betriebe stecken persönliche Geschichten – so wie die von Timo Kohlenberg (34) und seiner Schwester Julia Kurz (33) aus Hannover, den Geschäftsführern von America Unlimited. Im Jahr 2007 übernahmen sie das Unternehmen als blutige Anfänger von ihrem Vater, nachdem dieser plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war. „Damals haben wir einfach losgelegt. Natürlich mit ein paar Schwierigkeiten anfangs, doch dann sind wir sukzessive gewachsen“, erzählt Kohlenberg.

Timo Kohlenberg, Geschäftsführer von America Unlimited.
Timo Kohlenberg, Geschäftsführer von America Unlimited. Foto: America Unlimited

Auch weil sie das Unternehmen für den Vater weiterführten, stecke „ganz viel Herzblut und Emotion“ darin. 13 Jahre später beschäftigen sie etwa 25 Angestellte – darunter auch die Mutter – und erwirtschaften mit USA- und Kanada-Reisen einen zweistelligen Millionenumsatz pro Jahr. „Wir standen ganz stark da, vor der Krise. Doch nun stehen wir mit dem Rücken zur Wand“, sagt Kohlenberg.

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„Die Reisebranche trifft es besonders hart“, sagt er. Denn Veranstalter kämpfen nicht nur mit fehlenden Neubuchungen und dem entgehenden Geschäft. Sie müssen bei einer Stornierung zudem die angezahlten Kundengelder zurückzahlen, zudem bleiben sie auf den bereits gezahlten Leistungen in den Zielgebieten sitzen.

Eingenommene Provisionen bleiben nicht bei Reisebüros, hinzu kommen natürlich noch die laufenden internen Organisationskosten.

Die Prognose ist düster: „Wenn das so weitergeht, dann werden etliche Unternehmen pleitegehen“, sagt Ralf Wiemann, Geschäftsführer des Individualreiseveranstalters Erlebe Fernreisen aus Krefeld. Er beschäftigt rund 100 Mitarbeiter – und musste wegen der Corona-Krise bereits Kündigungen aussprechen, konnte Mitarbeiter nach der Probezeit nicht übernehmen.

Video-Hilferuf von Reiseveranstaltern: Verschieben statt stornieren

Das versuchen die Mitarbeiter gerade zu verhindern, auch im Gespräch mit den Kunden, erklärt Wiemann. „Was wir machen: Wir bitten unsere Gäste, Reisegutscheine zu akzeptieren, den Urlaub zu verschieben und auf Stornierungen zu verzichten. Das bedeutet für uns: Wir müssen die Anzahlung nicht erstatten, so versuchen wir, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen.“ 

Emotionaler Video-Appell: „Reise verschieben statt stornieren“ 

Mit dem emotionalen Appell „Reise verschieben statt stornieren“ richtet sich gerade die gesamte Reisebranche an ihre Kunden. „Nur so verbleibt die dringend benötigte Liquidität in den Unternehmen“, werben der Deutsche Reiseverband (DRV) und der Deutsche Tourismusverband (DTV). Sie fordern Reisebüros und Veranstalter dazu auf, in Social Media mit dem Hashtag #verschiebdeinereise für den Solidaritätsaufruf zu werben. 

Die Tourismuswirtschaft fordert außerdem die Bundesregierung dazu auf, eine Änderung der Stornierungsregeln im Pauschalreiserecht zuzulassen. „Wie in anderen europäischen Staaten muss es auch in Deutschland das Recht geben, Kunden nicht mit Rückzahlung, sondern mit Gutscheinen für geplatzte Reisen zu entschädigen“, sagt AER-Vorstandsmitglied Hageloch. Alternativ müsse die Bundesregierung für die hohen Stornierungskosten der Reisebranche einstehen, wenn sie eine Insolvenzwelle verhindern wolle.

Corona-Krise: Gibt es Gutscheine statt Erstattung bei Pauschalreisen?

Tatsächlich prüft die Bundesregierung aktuell, für Flüge wie für Pauschalreisen, ob die Gäste sich nicht zunächst mit Gutscheinen zufriedengeben und zu einem späteren Zeitpunkt verreisen könnten. Er mache sich um die Veranstalter große Sorgen, sagte der Wirtschafts-Staatssekretär und Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU). „Auch kerngesunde Unternehmen halten das nicht länger aus. In der Tat könnte eine Gutscheinlösung hier Liquidität sichern.“

Wie viele Reisen tatsächlich wegbrechen, zeigt der Videoappell des AER; darin kommt unter anderem Ikarus-Geschäftsführer Nicolas Kitzki zu Wort, dessen Unternehmen in den vergangenen Wochen 1.231 Stornos abwickeln musste. Bei Diamir waren es laut Jörg Ehrlich 900 gecancelte Reisen, 232 bei Kiwi Tours. 

Erlebe-Fernreisen-Geschäftsführer Ralf Wiemann.
Erlebe-Fernreisen-Geschäftsführer Ralf Wiemann. Foto: Erlebe Fernreisen

Kurzarbeit, wie sie in anderen Branchen bereits eingeführt wurde, sei wegen der enormen Arbeitsbelastung für sie daher aktuell keine Lösung, sagt Erlebe-Fernreisen-Geschäftsführer Wiemann. Er fordert daher die staatliche Übernahme von Lohnkosten.

„Wir haben immer noch Gäste im Ausland, die wir zurückbringen müssen. Die unzähligen Anfragen von Kunden müssen bearbeitet werden. Meine Mitarbeiter sind gerade rund um die Uhr am Start, auch am Wochenende. Wir stehen am Rande der Belastbarkeit“, sagt der Chef von Erlebnis-Reisen.

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