Reisen, davon können wir derzeit nur träumen. Wegen der Corona-Pandemie haben die meisten Länder auf der Welt ihre Grenzen geschlossen und vorerst Touristen verbannt, das Auswärtige Amt hat bis zum 30. April weltweit vor touristischen Reisen gewarnt.

Um die Ausbreitung des Virus verlangsamen zu können, ist soziale Distanz das Gebot der Stunde. Das geschieht derzeit vor allem zulasten der Wirtschaft: Reiseveranstalter wenden sich in einem Hilferuf an ihre Kunden und bitten, Reisen zu verschieben statt zu stornieren. Airlines sagen ihre Flüge für die nächsten Wochen teilweise ganz ab, Gastronomie-Ketten melden bereits jetzt Insolvenz an.

Tourismusforscher: Reisen verliert nicht an Bedeutung

Das alles sind erste Anzeichen dafür, dass sich die Reisewelt verändert. Aber wie sieht das Reisen und das Urlaubmachen nach dem Coronavirus aus? Werden wir überhaupt noch entspannt in den Urlaub fliegen können oder gewöhnen wir uns vielleicht sogar an das Leben in den eigenen vier Wänden?

Jürgen Schmude lehrt Tourismusforschung und Geografie an der Universität München und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Reiseverhalten der Menschen. Er sieht das Reisen an sich durch die Pandemie nicht in Gefahr. „Das Reisen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Grundbedürfnis für viele Menschen entwickelt“, sagt er. Das würde sich auch durch die aktuelle Situation erst mal nicht ändern. „An ein Szenario, in dem wir nicht mehr reisen werden, glaube ich nicht.“

Weniger Fernreisen, mehr Naherholung

Also ist bald wieder alles beim Alten? Nein, davon geht Schmude nicht aus: „Ich vermute, dass sich die Reiseströme der Deutschen etwas verändern werden.“ Konkret könnte sich der Trend weg von Fernreisen und hin zu Nah- und Mitteldistanzen entwickeln. Wer also bisher seinen Jahresurlaub am liebsten in Asien, Afrika oder den USA verbracht hat, der könnte sich Schmudes Ansicht nach in Zukunft eher für ein europäisches oder deutsches Reiseziel entscheiden. 

Diese Einschätzung begründet der Wissenschaftler damit, dass Orte, die näher an der eigenen Heimat liegen, den Menschen nach einer Krise schneller wieder ein gutes Gefühl geben. Deutsche könnten sich folglich früher wieder sicher in Spanien als etwa in asiatischen Ländern fühlen. Nicht zuletzt die Komplikationen, die bei der Rückholaktion für gestrandete Passagiere auftreten, könnten bei den Urlaubern wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Manche Reisebüros stehen vor dem Aus

Das Grounding von Hunderten Fliegern, der Untergang von Betrieben und die Unsicherheit vieler Reiseveranstalter, das alles werde auch nach der überstandenen Pandemie nicht einfach wieder vorbei sein. „Wie sehr das Virus der Branche schadet, ist ja bereits jetzt zu beobachten“, sagt Schmude. Er sieht Verbraucher nach der Krise vor einem deutlich kleineren Angebot an Reisen stehen. Denn es zeichne sich bereits jetzt ab, dass „nicht jeder Reiseanbieter die Krise überstehen wird“.

Um sich auf die wirtschaftlich schwierigen Zeiten vorzubereiten, hat der Deutsche Reiseverband zu einer Solidaritätsaktion für die Branche aufgerufen. Unter dem Hashtag #verschiebdeinereise werden Reisende dazu aufgerufen, ihre gebuchten Trips auf einen späteren Zeitpunkt umzubuchen, statt das Geld von den Anbietern zurückzufordern.

Druck auf die Reisebranche könnte nach Corona steigen

„Es ist gut möglich, dass eine Art Nachhol-Effekt eintritt, wenn die Welt sich vom Coronavirus erholt hat“, sagt Schmude. Das würde bedeuten, dass die Menschen, die ihre Reisen wegen des Virus absagen mussten, diese dann im Herbst – oder wann auch immer die Krise überstanden ist – nachholen wollen. Das würde einen regelrechten Run auf die Reiseveranstalter bedeuten. 

„Damit würde auch der Druck auf die Reiseveranstalter wieder steigen.“ Ob die einem entsprechend großen Anlauf dann auf Anhieb gewachsen wären, sei fraglich. Denn Schmude rechnet fest damit, dass sich die Struktur der Reisebranche maßgeblich verändern wird. Wie das konkret aussehen wird, könne derzeit niemand seriös vorhersagen.

Corona könnte Anstoß zu mehr Nachhaltigkeit sein

Selbst führende Experten sind sich mit ihren Prognosen für die weitere Entwicklung des Coronavirus unsicher. Wie aber würde sich die Situation in einer idealen Welt nach Corona entwickeln? „Also wenn ich mir etwas für die Zukunft wünsche, dann, dass wir etwas bewusster reisen werden“, sagt der Tourismusforscher. Er hoffe, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, dass nicht jeder Flug und jeder Städtetrip unbedingt notwendig war. 

Bereits jetzt zeigen Bilder von glasklarem Wasser in Venedig und Messungen der Luftqualität in China und Italien, dass sich die Erde gerade von dem erholt, was die Menschheit in den vergangenen Jahren getrieben hat. Schmude hofft: „Vielleicht kann die Krise ja ein Anstoß dafür sein, dass die Menschen nachhaltiger Reisen.“

Menschen wissen Selbstverständliches wieder zu schätzen

Ein erster Schritt in diese Richtung scheint schon in Gang gesetzt: Durch Einreiseverbote, Reisewarnungen und Quarantäne seien die Menschen wachgerüttelt worden. „Viele Dinge gewinnen aktuell wieder an Bedeutung, die vorher als selbstverständlich galten. Das trifft natürlich auch auf das Reisen zu“, so Schmude.

So kämpfen viele Reisefans dieser Tage aktiv gegen das Fernweh an, indem sie zu Hause Urlaub machen oder sich virtuell durch Museen und Sehenswürdigkeiten klicken. 

Ob diese Wertschätzung aber langfristig bestehen bleibe, ist laut Schmude fraglich. Er erinnert in diesem Zuge an das „kurze Gedächtnis“ der Menschen. „Wir fallen schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurück, wenn sich die Rahmenbedingungen wieder normalisieren.“ Wann und inwieweit das allerdings geschieht, ist eine Frage, die aktuell wohl niemand beantworten kann.