4.30 Uhr: Der Wecker verrät lautstark die Uhrzeit. Draußen ist es stockfinster und ein kalter Wind weht durch den Türspalt. Die Vorfreude hält sich in diesem Moment noch in Grenzen. Doch Myanmar ist das Land der Frühaufsteher, der Sonnenaufgang die beste Tageszeit. Gerade hier in Bagan, eine ehemalige Königsstadt in der Mitte des Landes mit Tausenden alten buddhistischen Tempelanlagen, entfaltet sich die Magie in den ersten Morgenstunden.

Nächte von Myanmar sind nichts für Frostbeulen

So früh ist allerdings noch kaum jemand auf den Beinen. Während die Stadt noch schläft, versammeln sich um die 60 Reisende auf einem Feld am Stadtrand. Sechs gelbe Heißluftballons liegen im Dunkeln ausgestreckt und werden von der Crew vorbereitet.

Mit heißem Kaffee werden unterdessen die fröstelnden Passagiere empfangen – die meisten eingepackt in Wollmützen und dicke Daunenjacken. Trotz tropischer Temperaturen am Tag können die Nächte auch in der Trockenzeit zwischen Oktober und März sehr kalt werden, schreiben die Reiseführer über Myanmar. 

Bevor die Fahrt los gehen kann, werden die Ballons fit gemacht.

Bagan ist längst kein Geheimtipp mehr 

Die mehr als 2.000 buddhistischen Tempelanlagen, auch schlicht Pagoden genannt, sind eines der wichtigsten touristischen Ziele in Myanmar. Die Besucherzahl hat sich hier seit dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 2011 auf mehr als 250.000 im Jahr verdoppelt.

So kommt es, dass das ursprüngliche Stadtbild hin und wieder durch schicke Hotels unterbrochen wird und sich Reisebusse durch die engen Straßen schlängeln. Die meisten Touristen erkunden die Sehenswürdigkeiten aber mit dem Motor- oder Elektroroller.

Die archäologische Zone erstreckt sich über 36 Quadratkilometer, auf denen es viel zu entdecken gibt. Für das ultimative Panorama konnte man noch vor Kurzem die Pagoden erklimmen – gerade zum Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ein unvergleichliches Erlebnis.

Mit dem Kletterverbot wurden aber die Heißluftballons immer beliebter, denn erst der Blick von oben offenbart die gigantischen Ausmaße der Tempel-Zone.

Pagoden glänzen im Sonnenlicht

6.30 Uhr: Mit den ersten Sonnenstrahlen verlassen die Ballons nach und nach den Boden und heben ab in die kühle Morgenluft. Um uns herum schmücken nun 20 andere Ballons den Morgenhimmel und gemeinsam schweben wir geräuschlos über die ersten Pagoden hinweg.

Den Sonnenaufgang aus dem Heißluftballon erleben: Was kann es schöneres geben?

Nach einer kurzen Einweisung durch Markham, unseren Piloten, herrscht im Korb Stille – so überwältigend ist der Aufstieg. Fotoapparate klicken, immer wieder hörbares Staunen der Passagiere. Der feuerspeiende Brenner unterbricht hin und wieder die Stille und wir gewinnen schnell an Höhe.

Auf bis zu 300 Meter steigt der Ballon und die Aussicht über die Tempellandschaft, die sich unter uns erstreckt, ist unglaublich: Die Sonne hat sich bereits hinter dem Horizont hervorgewagt und hüllt die Szenerie – vom sich dahinschlängelnden Fluss Irrawaddy auf der einen bis zum Mount Popa auf der anderen Seite – in ein warmes, weiches Licht.

Unter uns die Pagoden, große Anlagen neben kleinen, die von der Straße kaum erkennbar wären – keine gleicht der anderen.

Bagans wechselvolle Geschichte

„Insgesamt sollen es vor einigen hundert Jahren wohl 6000 Pagoden gewesen sein“, erklärt Markham, der für die Passagiere nicht nur der Pilot, sondern auch der Tourguide ist. Er manövriert an den Seilen den Ballon, spricht am Funk mit den Kollegen in den anderen Ballons und führt seine Erklärung der Tempel aus.

Rund 20 Ballons fahren in den frühen Morgenstunden über die Pagoden von Bagan.

Im 11. und 12. Jahrhundert war Bagan Zentrum des Königreichs Pagan. In der Blütezeit entstanden die zahlreichen Tempelanlagen, die der Stadt aber bald zum Verhängnis wurden. Sie waren teuer im Unterhalt und außerdem von Steuern befreit, sodass es mit dem Reichtum der Stadt bergab ging.

Noch dazu wurde Bagan Ende des 13. Jahrhunderts von den Mongolen erobert und zerfiel schlagartig zur Größe eines Dorfes. Die Holzhäuser der einst riesigen Stadt überdauerten die Zeit nicht, so zeugen heute nur die Pagoden von der bewegten Vergangenheit.

Myanmar ist ein junges Ballonfahrer-Land 

Markham referiert locker über die Geschichte der Stadt und die Sehenswürdigkeiten, nimmt sich auch für jede Frage der Passagiere Zeit. Hunderte Flüge über Bagan hat er schon hinter sich, da sammelt sich die Erfahrung an. „Routine kommt aber trotzdem nicht auf“, sagt der 46-Jährige, „jeder Flug ist anders und der Adrenalinpegel vor dem Start immer wieder hoch.”

Der Australier fährt seit 19 Jahren mit dem Heißluftballon, seit vier Jahren auch in Bagan für das einzige Heißluftballon-Unternehmen mit einem einheimischen Besitzer, wie er stolz betont.

Die anderen Firmen kommen aus dem Ausland – auch die Piloten. Das liege aber allein daran, dass ein kommerzieller Pilot in Myanmar mindestens 1000 Flugstunden vorweisen muss – hochgerechnet rund zehn Jahre, erklärt Markham: „Ein Unfall, und das Geschäft mit dem Heißluftballon ist vorbei.“

Pilot Markham beweist seine Multitaskingfähigkeit.

Aber 4.000 Stunden hätte kein Einheimischer sammeln können, da das Ballonfahren hier schlicht noch nicht so sehr verbreitet ist. „Bald wird es aber viele Locals unter den Piloten geben, die jetzt schon fleißig Flugstunden sammeln“, prophezeit er, „die haben richtig Lust auf das Fliegen.“

Ballonfahrt ist auf gute Windbedingungen angewiesen

Seine Erfahrung stellt Markham beim Landeanflug eindrücklich unter Beweis. Während die Passagiere die letzten Selfies knipsen, bespricht der Pilot seine Position mit den Kollegen. Gekonnt landet er zwischen zwei anderen Ballons auf dem Feld, die schon von der Crew eingepackt werden.

Der Ballon setzt sanft auf und die Passagiere bedanken sich mit Applaus. Markham erklärt, dass nicht jede Landung nach Plan verläuft: „Wir sind auf die Windbedingungen angewiesen. Ob wir am gewünschten Ziel ankommen, hängt also auch von Wind und Wetter ab.“

Nach der sicheren Landung transportieren Helfer die Ballons wieder vom Feld.

Am Tag zuvor sei er gar mehrere Kilometer entfernt im Nirgendwo gelandet, die Crew kam mit dem Traktor, um den Ballon zu bergen. Normalerweise seien die Bedingungen aber perfekt: „Letzte Saison konnten wir nur an sieben Tagen nicht fliegen.“

Vor dem Frühstück schon eine Ballonfahrt machen: Check

Zum Abschluss versammeln sich die Piloten und Passagiere noch einmal, um ganz traditionell mit Champagner auf den Flug anzustoßen – um 7 Uhr morgens. Einige stimmen überein, dass ein Flug im Heißluftballon schon lange auf ihrer persönlichen Wunschliste stand; Bagan sei einfach die perfekte Gelegenheit gewesen.

„Für so einen Flug steht man gerne im Dunkeln auf“, ergänzt Markham. Die Stimmung bleibt ausgelassen und die Gesichter strahlen vor Zufriedenheit. Heiter und fröhlich machen sich alle langsam auf den Rückweg, bevor die Stadt überhaupt erwacht. 7.30 Uhr: Der ganze Tag steht noch bevor – und eine Fahrt im Heißluftballon ist schon abgehakt.