Pauschalreisende, die durch die Corona-Pandemie ihre Reise nicht antreten können, sind durch geltende EU-Richtlinien umfassend geschützt. Da es sich bei dem Coronavirus um einen außergewöhnlichen Umstand handelt, können sie kostenfrei von ihrem Reisevertrag zurücktreten. Normalerweise muss der Reiseveranstalter dann den Buchungsbetrag an die Kunden zurückzahlen, innerhalb von 14 Tagen. 

EU will mit neuen Richtlinien Reiseveranstaltern helfen

Zwar wird diesbezüglich bereits jetzt von einem Schadensersatz abgesehen, aber angesichts der großen Menge an Reisestornierungen derzeit stehen die Veranstalter vor einem finanziellen Debakel

Die EU-Kommission hat die gültigen Reiserechts-Richtlinien auf ihre Aktualität geprüft, denn die seit dem Jahr 2018 gültigen Bestimmungen berücksichtigen kein Szenario wie eine Pandemie. In der Folge hat die Kommission bereits am 19. März die Richtlinien für die Stornierungen von Urlauben angepasst. Darin heißt es nun, Reisende sollten nach Möglichkeit von einer Stornierung absehen und stattdessen einen Gutschein vom entsprechenden Reiseveranstalter akzeptieren.

Kostenrückerstattung für Reisende weiterhin möglich

Eine Sprecherin der EU-Kommission betont diesbezüglich aber gegenüber dem reisereporter: „Die Erstattungsregeln von Pauschalreisen werden dadurch nicht ausgesetzt.“ Reisende hätten also auch weiterhin die Wahl zwischen einer Kostenrückerstattung und einem Gutschein. 

Einige Länder haben dies bereits ins geltende nationale Recht aufgenommen, unter anderem in den Niederlanden und auch in Frankreich gelten laut einem Bericht von „Europe 1“ nun die neuen Stornierungsbedingungen. Großbritannien hat laut einem Bericht des „Independent“ angekündigt, diese Richtlinien auch für das britische Pauschalreiserecht umsetzen zu wollen.

Italien setzt die Richtlinien der EU zwar nicht komplett um, bittet die Kunden aber auch um die Akzeptanz von Gutscheinen und bietet außerdem weitreichende Storno-Rechte für viele Aktivitäten, wie es in einem Bericht des italienischen „Il Secolo XIX“ heißt. Damit ist in den Ländern das bislang gültige Reiserecht erstmal augehebelt. In einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie ist das laut Experten aber keine Seltenheit. 

Kommt die Regelung auch in Deutschland?

Ob auch in Deutschland Ähnliches infrage kommt, darüber wird derzeit innerhalb der Bundesregierung diskutiert. Laut einem Bericht des Portals „fvw“ prüfe Regierung, ob Kunden von Reiseveranstaltern vorübergehend grundsätzlich einen Gutschein statt einer Kostenrückerstattung bekommen sollen.

Der Tourismusbeauftragte der Regierung, Thomas Bareiß, sagte demnach, die Gutscheinvariante müsse aber auch vom Verbraucherschutz abgesegnet sein. 

Reiserechtsanwalt hält Änderung des deutschen Reiserechts für unrealistisch

Reiserechtsanwalt Paul Degott hält eine Änderung für unwahrscheinlich: „Es wäre absurd, wenn man die Kunden durch ein Gesetz dazu zwingt, grundsätzlich Gutscheine als Rückerstattung zu akzeptieren“, sagt er dem reisereporter. Die Änderung der EU-Kommission an den Richtlinien entspreche vielmehr einer Meinungsäußerung. Dass sich dadurch das in Deutschland geltende Gesetz ändere, sei unrealistisch.

Aus Sicht der Reiseveranstalter sei die Bitte aber nachvollziehbar, denn sie stünden vor einer finanziellen Notsituation. Wenn das aber damit enden würde, dass Kunden nur noch mit Gutscheinen entschädigt werden könnten, würde das für diese ein großes Risiko bedeuten.

Denn bei der Ausstellung eines Gutscheines greife der Insolvenzsschutz nicht mehr, so Degott. Der schützt Kunden eigentlich vor finanziellen Schäden, wenn das Reiseunternehmen pleitegeht, bevor die Reise angetreten werden kann. Ein solches Szenario ist derzeit nicht auszuschließen. 

EU will Airlines vor hohen Zahlungen schützen

Angesichts der vielen Flugausfälle und der brenzligen Lage vieler Fluggesellschaften hat die EU am 18. März außerdem die Leitlinien für EU-Fluggastrechte (EU261) angepasst: Laut dem veröffentlichten Beschlusspapier sollen Airlines geplante Flüge bis zu 14 Tage vor Abflug stornieren können, ohne dass sie den betroffenen Kunden eine Entschädigung zahlen müssen. Damit gilt die Corona-Pandemie als außergewöhnlicher Umstand.

Weiterhin erstatten müssen Airlines natürlich trotzdem die Kosten für das entfallene Ticket. Und genau da wird die Geschichte kompliziert, denn die Fluggesellschaften kritisieren den Vorschlag der EU-Kommission. Laut einem Bericht des Branchen-Portals „Airliners“ wünschen sie sich mehr Unterstützung von der Regierung.

Denn sie zahlen aktuell noch für die Kosten, die aufgrund von Einreisesperren und Reiseverboten entstehen. Und der wirtschaftliche Schaden, den das langfristig nach sich zieht, lässt sich bei einigen Airlines schon erahnen.

Reedereien und Bahnunternehmen nicht betroffen

Und: Die neuen Bestimmungen gelten lediglich für den Flugverkehr, Reedereien und Bahnunternehmen sind davon nicht betroffen. In beiden Fällen haben aber die Anbieter reagiert und bieten teilweise kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen an.

Das letzte Wort ist hier aber noch nicht gesprochen, denn die EU-Mitgliedsstaaten müssen sich erst noch im Europäischen Rat darüber austauschen und sich für oder gegen diese Regelung entscheiden. Eine Entscheidung wird bis zum Sommer erwartet.