Globetrotter Nick Martin reist seit nunmehr zehn Jahren um die Welt, ist durch einen Hurrikan gesegelt, wurde angeschossen und hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Gemeinsam mit seiner Partnerin Steffi betreibt er nun die Travel University, um Menschen das Reisen zu lehren.

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus sitzt er aber auch erst mal in Australien fest. Im Interview hat er dem reisereporter erzählt, wie er die aktuelle Coronavirus-Lage einschätzt, wo sein liebster Ort auf der Welt ist und worauf es beim professionellen Reisen eigentlich ankommt. 

Hallo Nick! Du bist seit mehr als zehn Jahren unterwegs. Das Coronavirus stellt die Reisewelt gerade mächtig auf den Kopf. Wie schätzt du die aktuelle Lage ein?

Nick Martin: Also angesichts der Maßnahmen, die mittlerweile weltweit dafür getroffen werden, ist es aus meiner Sicht nur verständlich, dass man sich darüber Sorgen macht. Hier in Australien zum Beispiel sind 90 Prozent der internationalen Flüge gestrichen. Ich würde trotzdem nicht sagen, dass ich mir aktuell groß Sorgen mache, aber ich bin auch nicht in der kritischen Risikogruppe. Aber trotzdem ist es schon heftig, was so eine Pandemie anstellt. Ich meine, die Welt steht de facto still, sie steht kopf. Die Menschen stehen vor unbekannten Dingen. 

Bis vor wenigen Wochen war die Welt eine gefühlt andere, die Grenzen waren offen und wir konnten reisen, wohin wir wollten. Was, denkst du, ändert sich durch das Virus auch langfristig fürs Reisen?

Nick Martin: Also was ich aktuell beobachte, ist schon verrückt. Ich bin zum Beispiel mit dem Reiseveranstalter STA Travel in engerem Austausch. Die meinten, es ist zurzeit der absolute Horror, in jeder Zentrale kommen Tausende Anfragen an, weil die Menschen versuchen, ihre Flüge umzubuchen. Was ich damit sagen will: Im Moment ist das Reisen, glaube ich, keine gute Idee. Also: Wenn du gerade irgendwo in der Welt bist und du kannst mit den Umständen vor Ort umgehen, dann bleib auch vor Ort, anstatt jetzt noch großartig zu versuchen, nach Hause zu fliegen. Denn dann bringst du im Zweifel als Überträger das Virus weiter voran. 

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Das bedeutet für dich also auch, dass du jetzt erst mal in Australien bleibst?

Nick Martin: Klar, ich fühle mich hier auch wohl. Ich bin aktuell in einem Camper-Van unterwegs und habe mich damit letztendlich selbst unter Quarantäne gestellt. Außerdem versuche ich mich an das Social Distancing zu halten, also keine größeren Touren zu machen oder Events zu besuchen. Und das nicht, weil ich Angst davor habe, sondern weil jeder für sich im Moment Verantwortung dafür trägt, dass er als potenzieller Viruswirt Menschen ansteckt, wenn er draußen rumrennt. 

Wenn keiner mehr reist, dann leiden vor allem Reiseveranstalter und Fluggesellschaften, das ist ja auch aktuell schon zu beobachten. Wie schätzt du das ein?

Nick Martin: Also ich bin echt mal gespannt, wie sich der Reisesektor davon wieder erholt beziehungsweise ob das überhaupt geschehen wird. Vor allem kleinere Reiseunternehmen bangen ja derzeit weltweit um ihre Existenz. Da fließt normalerweise so viel Geld und das steht ja aktuell schlichtweg still. 

Kommen wir zu einem schöneren Thema: Deine Leidenschaft hast du mittlerweile auch zum Beruf gemacht. Was fasziniert dich denn eigentlich so am Reisen?

Nick Martin: Irgendwie alles. Zum einen die typischen Klischees wie neue Kulturen und Menschen kennenlernen. Aber eben auch andere Dinge wie die Geräusche, Gerüche zu erleben. Außerhalb der Komfortzone zu sein und sich jeden Tag selbst neu zu definieren. Wenn du unterwegs bist, lernst du dich ja jeden Tag neu kennen und erlebst dich selbst in unterschiedlichsten Situationen. Ich liebe die verschiedenen Wetterlagen, das Surfen, das Wasser, das Meer, den Strand. Es gibt, glaube ich, keinen Punkt, den ich beim Reisen nicht genieße.

So begeistert, wie du davon sprichst, wundert es nicht, dass du mit der Travel University jetzt quasi das Reisen lehrst. Wie kam es dazu?

Nick Martin: Die Idee ist eigentlich aufgrund des enormen Feedbacks zu meinen Auftritten entstanden. Viele Menschen sind nach den Shows auf mich zugekommen und waren totel begeistert. Viele sagten dann, dass sie auch gern so ein Leben führen würden, aber… Und dann kamen haufenweise Fragen auf, die sie daran hinderten, etwas zu ändern. Und da dachte ich mir, dass ich all diese Fragen sammeln und sortieren könnte, um mein Wissen und meine Erfahrungen dann gebündelt weiterzugeben. Und das war die Geburtsstunde der Travel University. 

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Aber mal unter uns: Kann man das Reisen denn überhaupt lernen?

Nick Martin: Ich glaube nicht, dass du das Reisen an sich lernen kannst, du lernst eher durchs Reisen. Aber wir wollen bei der Travel University auch nicht lehren, wie man am besten reisen soll – das muss jeder für sich selbst herausfinden. Wir wollen unseren Schülern aber helfen, den ersten Schritt zu gehen. An der ein oder anderen Stelle vielleicht auch mal mit einem verbalen Arschtritt in die richtige Richtung. 

Was du an der Travel University alles lernen kannst

Lass uns da noch ein bisschen konkreter werden: Welche Inhalte erwarten die Studenten?

Nick Martin: Wir haben die Lerninhalte der Travel University in zwei Pakete aufgeteilt: den Bachelor und den Master (keine regulären akademischen Abschlüsse, Anm. d. Red.). Im Bachelor geht es viel um Budgetierung und Finanzierung einer längeren Reise, außerdem um die allgemeinen Vorbereitungen und zahlreiche Packtipps. Ein weiteres Modul im Bachelor ist der soziale Aspekt von Langzeitreisen. Also zum einen, wie man unterwegs neue Leute kennenlernt, aber auch, wie der Kontakt zu den Leuten in der Heimat bestehen bleibt. Im Master gehen wir noch intensiver auf spezifische Reisearten ein, zum Beispiel Work and Travel, Vanlife und Frauenreisen. 

Ihr seid jetzt seit ein paar Monaten mit der Travel University am Start. Wie viele Anmeldungen gibt es bereits?

Nick Martin: Mittlerweile haben wir knapp 800 Anmeldungen. Und das Feedback ist durchgehend positiv. Wir bekommen sogar Postkarten von Menschen, die dank uns jetzt auf großer Reise sind. Einige von ihnen sind schon seit Monaten unterwegs und haben sich selbstständig gemacht. Es ist definitiv ein Herzensprojekt von meiner Partnerin Steffi und mir. 

Was du für eine Langzeitreise alles brauchst

Ein kleiner Vorgeschmack: Verrätst du uns deine wichtigsten Tipps für Travel-Einsteiger?

Nick Martin: Also budgetmäßig macht es auf jeden Fall Sinn, in Südostasien zu beginnen. Die Länder dort sind mit Abstand noch am günstigsten zu bereisen. Das heißt, wenn du zu Beginn einer Langzeitreise erst mal ein paar Erfahrungen zum Thema Budgetierung sammeln möchtest, dann werden dir grobe Schnitzer in Südostasien eher verziehen, als wenn du die in Australien oder Chile machst.

Mein zweiter Travel-Tipp: Ich habe immer ein Päckchen Zimt mit dabei. Das desinfiziert den Magen, wenn du was Falsches gegessen hast oder ein bisschen Bauchgrummeln hast. Und Zimt kann noch mehr: Ich habe mir jetzt Zimteinlagen für die Schuhe gekauft. Damit kannst du dir deine Sneakers auch nach einem langen Flug noch ins Gesicht halten und es duftet lecker nach Zimt. Und was das Gepäck angeht: Nimm immer weniger mit, als du denkst zu brauchen. Ich selbst reise eigentlich nur noch mit Handgepäck und komme damit megagut aus. 

Du bist im Jahr nur drei bis vier Monate in deiner Geburtstadt Würzburg. Den Rest der Zeit tingelst du durch die Welt. Was bedeutet da eigentlich Heimat für dich?

Nick Martin: Meine Homebase ist definitiv in Würzburg. Da bin ich aufgewachsen, da ist meine Familie, da sind meine Freunde. Und wenn ich nur ein paar Monate im Jahr zu Hause bin, dann genieße ich das natürlich auch. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass das meine absolute Heimat ist. Ich fühle mich halt auch pudelwohl, wenn ich auf ’nem Surfbrett bin und wenn ich irgendwo in Lombok im Meer auf das nächste Set Wellen warte. Oder wenn ich irgendwo in Bangkok an einem Straßenrand ein richtig geiles Morning Glory esse, da geht mir das Herz auch irgendwie auf.

Dieses Heimatgefühl habe ich, glaube ich, gar nicht mehr so arg, das verwischt so ein bisschen, wenn man seit mittlerweile zehn Jahren unterwegs ist. Mit meiner Partnerin Steffi ist es natürlich auch schön, wenn wir uns gemeinsam in Argentinien einen schönen Sonnenuntergang anschauen. In solchen Momenten hast du kein Heimweh, da fühlst du dich einfach wohl da, wo du bist. 

Warum Kuba nicht so schön ist, wie man denkt

Zehn Jahre auf Reisen, da hast du schon viel von der Welt gesehen. An welchem Ort hat es dir bisher am besten gefallen?

Nick Martin: Also einen Lieblingsort habe ich nicht. Für mich kommt es nicht auf den Ort oder das Land an, sondern auf die Menschen, die du dort triffst, und auf die Erfahrungswerte, die du dort sammelst. Klar kann ich sagen, Fidschi war wunderschön, ich hatte auch eine tolle Zeit in Ecuador, mit dem Motorrad durch Vietnam zu fahren oder das erste Mal in meinem Leben den Grand Canyon zu sehen war besonders. Das sind aber alles Erfahrungswerte.

Wenn ich es kategorisieren müsste, würde ich sagen, die schönsten Strände bisher: Fidschi, Philippinen und Sansibar. Das beste Essen: Mexiko, Thailand und Indien. Den meisten Spaß hatte ich in den USA, die schönsten Landschaften habe ich in Kanada, Peru und Bolivien gesehen. Den besten Lifestyle gibt es für mich in Australien, wo ich auch gerade wieder bin.

Und gibt es auch Orte, die dich enttäuscht haben?

Nick Martin: Ich war von Kuba, ich will nicht sagen enttäuscht, aber ich habe andere Dinge erwartet. Aber es ist eigentlich auch klar, geprägt durch Sozialismus und Kommunismus war es sehr schwer, wirklich nah an die Menschen dort heranzukommen. Die betrachten dich dann doch eher als wandelnde Geldmaschine. 

Du bist ständig on tour, wurdest von einer Harpune angeschossen und bist durch einen Hurrikan gesegelt. Würdest du dich als Abenteurer bezeichnen? 

Nick Martin: Na ja, ich hätte jetzt keine Lust, in Boxhershorts drei Wochen lang mit Huskys durch den Schnee zu wandern oder so. Aber ja, ich bin schon abenteuergeil, kann man sagen. Das ist ja auch das Schlimme beim Reisen: immer weiter, höher, schneller. Es ist definitiv eine Droge, und zwar die schönste der Welt für mich. Deshalb würde ich mich definitiv als Abenteurer bezeichnen. Aber vielleicht anders, als andere Menschen das jetzt definieren würden. Für mich ist das Leben unterwegs einfach mittlerweile mein normales Leben.

Hand aufs Herz: Gibt es ein Land auf deiner Bucket-List, das du noch nicht gesehen hast?

Nick Martin: Da gibt es noch echt viele. Und das Schlimme ist, dass die Bucket-List nicht kürzer wird, sondern immer nur länger. Aktuell steht ziemlich weit oben auf meiner Südafrika, ich würde auch gern mal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, zur Antarktis will ich unbedingt mal hin. Ich war auch noch nie in Norwegen, und in Südamerika fehlen mir tatsächlich auch noch Chile und Venezuela. Also es gibt auf jeden Fall noch einige Orte, wo ich hinwill.