„Lecker, lecker“, sagt Kristian Hildibrandsson. Hákarl, das Produkt, das er anpreist, gilt in Island als Delikatesse. Nicht alle seiner Gäste können das nachvollziehen. Man erkennt es an ihren skeptischen Mienen. Denn sie wissen nun, dass das Fleisch des nierenlosen Grönlandhais eigentlich ungenießbar ist – wäre es nicht zehn Wochen lang vergraben gewesen.

Fermentierung nennt sich der Prozess, in dem die Bakterien im Boden den giftigen Harnstoff des Hais in Ammoniak verwandeln. Man kann auch sagen: Man lässt das Fleisch vergammeln. Das gummibärchengroße Stück, das auf einem Cocktailspieß steckt, riecht dementsprechend. Wir betrachten es von allen Seiten. Hm ... sollen wir es jetzt wirklich probieren?

Kristian Hildibrandsson stellt Reisenden im Bjarnarhöfn-Hai-Museum das älteste Boot Islands, die „Sildin“ vor.


„Das ist isländisches Haifleisch“, wirbt der 32-Jährige wie bei einer Kaffeefahrt. „Isländer essen es pur. Anfänger sollten besser Brennivín dazu trinken, isländischen Schnaps. Ein paar Sekunden dippen, dann in den Mund damit. Je länger man kaut, umso stärker entfaltet sich der Geschmack. Das ist der beste Moment. Wer es nicht aushält, spült es mit dem Schnaps hinunter. Skál!“ Skál heißt Prost. Er hätte zum Mutmachen auch „Hu“ rufen können, den Schlachtruf der isländischen Fußballfans.

„Sildin" ist das älteste Boot Islands

Wir besichtigen das Bjarnarhöfn-Hai-Museum auf der Halbinsel Snaefellsnes. Hildibrandsson steht während seiner Präsentation vor der „Sildin“, „dem ältesten Boot Islands“, wie er erzählt. Es wurde 1860 aus Treibholz gebaut, denn viele Bäume gab es auf der Insel schon damals nicht mehr. Die ersten Siedler hatten sie abgeholzt, um Häuser zu bauen oder um zu heizen. Der Wald erholte sich nie wieder, denn junge Triebe wurden sofort von den Schafen gefressen. Die „Sildin“ gehörte Hildibrandssons Großvater, der die bis zu sieben Meter langen Grönlandhaie gejagt hat. Schwerstarbeit auf rauer See.

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Island erlebt einen Touristenboom. Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull vor zehn Jahren war die beste Werbung für das Land. Viele Besucher erhoffen sich hier Abenteuer, ohne auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Wir haben uns für eine einwöchige Rundreise mit Schiff und Bus entschieden, von Reykjavík nach Húsavík und zurück.

Karge Landschaften berühren die Seele

Die kargen, dünn besiedelten Vulkanlandschaften berühren die Seele; es ist ein ehrlicher Mix aus Schroffheit und Melancholie, aus Grün und Lavaschwarz. Die Übersichtlichkeit ist beeindruckend. Island trägt kein Make-up. Die Menschen hier, vermutet man, müssen einen besonderen Teamgeist besitzen, denn sie leben mitten im Nichts des Nordatlantiks, weit entfernt vom europäischen Festland und den USA. Man spürt diese Eigenartigkeit.

Der Leuchtturm von Malarrif ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Die wenigen Bäume, die es auf Island noch gibt, sind meist Birken. Birke heißt auf Isländisch Björk.

Eigentlich sind alle miteinander verwandt

Björk Gudmundsdóttir, der weltberühmte isländische Popstar, und unser Fremdenführer Heimir Áspór Heimisson sind Verwandte achten Grades, denn die beiden haben eine gemeinsame, 1716 geborene Ururururururururgroßmutter. Sie heißt Porbjörg Bjarnadóttir. „Im Grunde genommen“, sagt Heimisson, „sind alle Isländer um irgendwelche Ecken mit Björk verwandt.“ Es gibt ja nur knapp 360.000 Einwohner. Wer mit wem verwandt ist, lässt sich mithilfe einer Internetplattform rekonstruieren.

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Wasserfälle überall. Der Dynjandi-Wasserfall ist der höchste der Region Westfjorde. Man kann die Klippe, über die er fließt, für ein Selfie mit den in die Tiefe stürzenden, tosenden Wassermassen erklimmen.

Es gibt mehr als 3.000 Wasserfälle mit Namen – und 23.238 ohne Namen. Wenn Sie mir nicht glauben, dann zählen Sie bitte nach.

Heimir Áspór Heimisson, Fremdenführer


Wie viele Wasserfälle gibt es auf Island? Heimisson wird das oft gefragt. „Schwierige Frage“, antwortet er dann immer. „Es gibt mehr als 3.000 Wasserfälle mit Namen – und 23. 238 ohne Namen. Wenn Sie mir nicht glauben, dann zählen Sie bitte nach.“

Vom Turm der Hallgrimskirche bietet sich ein beeindruckender Blick auf die bunten Häuser Reykjavíks.


Der Isländer erzählt, dass Eric Clapton, der britische Bluesgitarrist, seit Jahren zum Lachsfischen nach Island kommt. 15.000 Euro pro Woche kostet ihn die exklusive menschenlose Stille am Fluss Vatnsdalsá. Er wollte eigentlich inkognito angeln, doch zwei Jahre nacheinander, 2017 und 2018, zog er den größten Lachs des Sommers aus dem Gewässer. Alle Zeitungen berichteten.

Für isländische Verhältnisse ist das, was wir dagegen erleben, wohl Massentourismus. An mehreren heißen Quellen, die wir besichtigen, halten auch zwei, drei andere Reisebusse. Deildartunguhver, die als „die ergiebigste Thermalquelle der Welt“ beschrieben wird, beheizt drei Gemeinden und Gewächshäuser, in denen 80 Prozent der in Island verzehrten Tomaten wachsen.

Das Jardbodin-Freibad ist eine echte Alternative zur bekannten, aber teuren Blauen Lagune bei Reykjavík.

Thermalquelle beheizt ein Freibad

Deildartunguhver beheizt auch ein Freibad. Baden ist in Island eine Attraktion. Isländer baden viel, und sie scheinen anders zu baden, irgendwie weltkulturerbemäßig. Im Regen, im Schnee, wahrscheinlich auch, wenn der Eyjafjallajökull ausbricht.

Die Touristen baden einfach mit. Der Bademeister, das ist für uns neu, sorgt sich nicht nur um die Sicherheit, sondern serviert auch Bier und Wein an den Beckenrand; zumindest im Jardbodin vid Myvatn, im Jardbodin-Freibad. Das ist eine echte Alternative zur bekannten, aber teuren Blauen Lagune bei Reykjavík.

Glaube an Elfen ist bis heute lebendig

Die meisten Isländer sind protestantische Christen. Viele von ihnen glauben dennoch auch an märchenhafte Wesen. Wieso eigentlich? „Früher gab es keinen Grund, nicht an Elfen zu glauben“, sagt Heimisson. Doch der Glaube an das Huldufólk, das verborgene Volk, ist bis heute lebendig.

Der frühere „Apassionata“-Star Arndis Halla Asgeirsdóttier arbeitet heute als Reiseleiterin auf dem Kreuzfahrtschiff.

Für Normalsterbliche sind Elfen unsichtbar. Nur wenige Menschen haben die Gabe, sie zu erkennen. „Sie sehen aus wie wir, sie leben zur selben Zeit, aber in einer parallelen Welt“, erzählt Arndis Halla Asgeirsdóttir. Die 49-jährige frühere Opernsängerin ist jetzt Reiseleiterin auf der „Ozean Diamond“, dem Schiff, mit dem wir unterwegs sind.

Fakt ist: Bis heute gibt es Orte, die kein Isländer jemals betreten hat, geschweige denn dort ein Haus oder eine Straße bauen würde: „Elfen beschützen dich, doch wer das verborgene Volk stört, beschwört Unglück herauf.“ Dessen sind sich laut einer Umfrage zehn Prozent der Isländer sicher, und der Rest hält es zumindest nicht für unwahrscheinlich.

Asgeirsdóttir spricht perfekt Deutsch, sie lebte 18 Jahre in Berlin. Irgendwann, sie war Anfang 40, wollte sie zurück. Sie hatte Heimweh. Sie gab ihre Karriere auf. „Mir ist alles zu viel geworden“, erzählt sie. Sie liebt die Farben ihrer Heimat, die Fernsicht, die klare Luft, die klare Landschaft. Wenn sie mit ihrem „Hundi“, wie sie ihn nennt, durch das zerklüftete Schwarz spaziere, dann empfinde sie genau das: Klarheit. „Das ist gut, wenn man seine Balance finden muss“, sagt sie.

Ein bisschen Balance zu finden, ist schon in einer Woche Island möglich. Egal ob beim Ausspannen in einer der 17 Badeanstalten von Reykjavík oder beim Beobachten der Buckelwale von Húsavík, diesen sanften Giganten.
Unvergessen bleibt der schwarze Steinstrand von Malarrif. Auf dem Kliff ein einsamer Leuchtturm. Keine anderen Touristen in Sicht. Das Meer scheint zu sprechen. Meistens flüstert es, manchmal wird es lauter. Hier, in der isländischen Gischt, behütet von einer Elfe, kann man gut auf großartige Gedanken kommen. Mit ein wenig Fantasie erkennt man im schwarzen Fels der Steilküste ihre Haare und ihre Augen.

Tipps für deine Reise nach Island

Anreise: Icelandair bietet das ganze Jahr über Flüge nach Reykjavík an – etwa von Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main. Ein Großteil der Insel ist unbewohntes Hochland. Die Straßen durch diese Einöden können nur in den Sommermonaten mit Allradfahrzeugen durchquert werden.

Beste Reisezeit: Trotz der nördlichen Lage ist das Klima auf Island bedingt durch den Golfstrom erstaunlich mild. Im Sommer liegen die Temperaturen zwischen 12 und 15 Grad Celsius, können sogar 20 Grad erreichen. Grundsätzlich ist es in den Küstenregionen wärmer als im Inland. Regenschauer sind jederzeit möglich, Dauerregen ist eher selten.

Veranstalter: Die siebentägige Reise „Nordlichter und Wale“ des Island-Spezialisten Iceland ProCruises vermittelt ein Gefühl für Land und Leute. Drei Nächte verbringen die Gäste an Bord der „Ocean Diamond“. Das Schiff fährt nachts, tagsüber können Bustouren um die Halbinsel Snaefellsnes oder zum Dynjandi-Wasserfall gebucht werden. Die übrigen Tage reisen die Teilnehmer in Bussen durch das Landesinnere und übernachten in landestypischen Hotels. In Husavík steht Whale Watching auf dem Programm. Die Reiseleiter sprechen Deutsch und Englisch. Dass die Urlauber in den Wintermonaten tatsächlich Nordlichter sehen, ist wahrscheinlich, aber nicht planbar.

Die Reise wurde unterstützt von Island ProTravel. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.