Haarnadelkurve um Haarnadelkurve kämpft sich der Kleinbus die Straße empor. 25 Kurven liegen auf diesem Teil der Strecke; sie sind durchnummeriert. In jeder verkünden blau gemalte Ziffern, wie viele schon geschafft sind. Eng ist es auf der alten Panoramastraße aus dem 19. Jahrhundert, welche die Städte Kotor und Cetinje verbindet. Sie führt durch den Lovcen-Nationalpark. Der Lovcen ist das zentrale Bergmassiv Montenegros. „Er ist der Olymp Montenegros“, sagt Reiseleiterin Rosanda Pupovic.

Auf dem zweithöchsten Berg des Lovcen, dem Jezerski Vrh, thront auf knapp 1.700 Metern Höhe ein Mausoleum, es dient Petar II. als letzte Ruhestätte. Der Fürstbischof war zwischen 1830 und 1851 weltliches und geistliches Oberhaupt Montenegros. Er legte die Grundlagen für einen modernen Staat.

Das monumentale Mausoleum von Petar II. auf dem Berg Jezerski Vrh zeigt dessen Bedeutung für die Montenegriner.

Doch verehren ihn die Montenegriner vor allem wegen seiner Dichtkunst. Sein Hauptwerk „Der Bergkranz“ ist ein Heldenepos über den Freiheitskampf gegen die Osmanen, das jedes Schulkind auf dem Balkan kennt. Aus der Tatsache, dass die Türken die Region nie komplett unterjochen konnten, ziehen die Montenegriner viel Nationalstolz.

Ganz im Sinn des Dichterfürsten beschreibt Reiseleiterin Rosanda Pupovic Montenegro poetisch als „kleine orthodoxe Insel im großen osmanischen Meer“. Hier schlägt das Herz Montenegros.

Aussichtsplattform bietet ein Postkartenpanorama

Auf der Aussichtsplattform des Mausoleums lässt sich nachvollziehen, warum Petar II. auf diesem Berg begraben werden wollte. Hier bietet sich ein beeindruckendes Postkartenpanorama. Man kann in beinahe jeden Zipfel Montenegros blicken: an klaren Tagen über die Adria im Westen bis nach Italien, im Südosten über den Skutarisee bis nach Albanien und im Norden auf das Dach Montenegros, das 2.500 Meter hohe Durmitorgebirge.

Vom eigentlichen Mausoleum von Petar II. aus sind es nur ein paar Schritte zur Aussichtsplattform, die einen Rundumblick über große Teile des Landes bietet.


Montenegro ist ein kleines Land. Mit knapp 14.000 Quadratkilometern Fläche ist es nicht einmal so groß wie Schleswig-Holstein. Vielleicht rührt daher der Hang der Einwohner zu Superlativen, die Besuchern allerorten präsentiert werden. So hat auch das Mausoleum einen Superlativ verpasst bekommen: Man sagt, es sei das höchstgelegene der Welt.

Skutarisee ist der größte See des Balkans

Ein landschaftlich ebenso reizvolles Ziel ist der Skutarisee im Süden Montenegros. Umrahmt von grün bewaldeten Bergen ist der größte See des Balkans – noch so ein Superlativ – eine Oase der Ruhe und ein Vogelparadies. Mehr als 200 Arten haben hier ihre Brutstätten, dazu gehören Pelikane, Adler und Kormorane.

Der Skutarisee in Süden von Montenegro ist der größte See des Balkans. Er eignet sich gut für Wassersport.

Früher war die Insel das Alcatraz Montenegros, ein Gefängnis für politische Gefangene.

Vukoman Sekulic, Touristenführer, über die Insel Grmozur

Während einer Kajaktour auf dem See steuern wir die kleine Insel Grmozur an, in deren Ruinen heute Vögel nisten. „Früher war die Insel das Alcatraz Montenegros, ein Gefängnis für politische Gefangene“, erzählt Vukoman Sekulic, der mit uns über den See paddelt. Inhaftiert wurde nur, wer Nichtschwimmer war, damit keiner entfliehen konnte. Gleiches galt auch für das Wachpersonal des Inselknastes, erfahren wir von dem sportlichen 39-Jährigen, der geführte Kajaktouren und Wanderungen für Touristen anbietet.

Mittags ankern wir bei Danilo und Lidija Lekic, zwei Einheimischen, die am Seeufer ein einfaches Sommerhaus besitzen. Während wir es uns auf ihrer Terrasse gemütlich machen und den Ausblick auf den See genießen, serviert das freundliche Ehepaar Risotto und knusprig gebratenen Karpfen, eine Spezialität der Region. Kein Ausflugslokal, kein Hotel weit und breit – der See zwischen Montenegro und Albanien ist ein Naturparadies.

Während einer Kajaktour auf dem Skutarisee lohnt sich ein Stopp zum Mittagessen bei Familie Lekic. Sie hat eine eigene Anlegestelle.


Wenn man allenthalben die Landesgrenze sieht, kommt man nicht umhin, über die Nachbarn nachzudenken. „Die Kroaten sind humorlos, die Bosnier dumm, die Serben geizig und die Montenegriner faul“, lästert Tourguide Vukoman Sekulic ironisch über die Ex-Jugoslawen. Eine kroatische Kollegin kann über den Scherz herzlich lachen.

Umgang mit der Vergangenheit ist locker

Der Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit und den Balkankriegen der Neunzigerjahre ist locker. In einem Bergdorf hängt ein Bild von Staatsgründer Tito an der Wand, in Kotors Stadttor ist ihm eine Inschrift geweiht. „Tito wird verehrt, viele trauern den alten Zeiten hinterher“, erklärt Reiseleiterin Rosanda seine Präsenz. „Mit dem jugoslawischen Pass konnte man reisen, wohin man wollte. Wir waren in der ganzen Welt anerkannt.“

Nach wie vor verbringen viele Ex-Jugoslawen – vornehmlich Serben und Kosovaren – ihren Sommerurlaub an der Adriaküste. Man versteht sich, nicht nur sprachlich. Vorbehalte scheint es nicht zu geben, vielleicht auch deshalb, weil Montenegro weitgehend vom Krieg verschont blieb.

Verklärte Vergangenheit: Im Bergdorf Njegos ist ein Bauernhaus mit traditioneller Einrichtung zu sehen - samt Tito-Bildnis an der Wand.


Nur wenige Kilometer trennen den Skutarisee von der Adriaküste. Doch liegen gefühlt Welten dazwischen. Ob raue Bergwelt wie an dem stillen See oder mediterrane Lebendigkeit wie an der Küste – beides hat seinen Reiz.

Auch die Adria in Montenegro hat ihren Reiz

Türkisblaue Buchten glitzern in der Sonne, die Hotels des touristischen Zentrums Budva sind schon von Weitem sichtbar. An der Uferpromenade reiht sich ein Restaurant an das andere. Schon in der Vorsaison herrscht quirlige Betriebsamkeit. Wirklich sehenswert ist die schöne Altstadt mit ihren gewundenen Gassen, die für den Autoverkehr gesperrt sind. Fußgänger können ungestört an den Schaufenstern der kleinen Geschäfte vorbeischlendern und nach Mitbringseln stöbern.

Die Insel Sveti Stefan, die durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist, ist den Reichen vorbehalten. Sie ist allerdings ein beliebtes Fotomotiv.


Fährt man die Küstenstraße in südliche Richtung, passiert man etliche Badeorte und -buchten. Ab der Stadt Bar ragen häufiger Minarette in den Himmel, mehr Frauen tragen Kopftücher, außer Montenegrinisch wird auch Albanisch gesprochen. Kurz vor der albanischen Grenze im Kreis Ulcinj stellen die Albaner mit über 80 Prozent die Bevölkerungsmehrheit. Albanisch ist dort offiziell zweite Amtssprache.

Im klaren Kontrast zum Süden steht der venezianisch geprägte Norden des Landes. Nur knapp 90 Kilometer trennen das albanisch-islamische Ulcinj im Süden vom katholisch und serbisch-orthodoxen Kotor im Norden des kleinen Landes. Kotor ist die wohl schönste Stadt Montenegros, die nicht ohne Grund den Titel Unesco-Weltkulturerbe trägt.

Kotor gehört zum Unesco-Weltkulturerbe

Eine dicke Stadtmauer umgibt seit dem Mittelalter die Altstadt. Das namenlose Gassengewirr innerhalb der Mauern führt auf Plätze, die nach ihrer historischen Funktion Holz-, Waffen- oder Mehlplatz heißen. An den Plätzen und Kirchtürmen kann man sich gut orientieren. Wie Postboten Briefe zustellen, bleibt uns jedoch ein Rätsel.

Der Waffenplatz ist der größte Platz in der Altstadt von Kotor.


Kotor ist ein Schmuckkästchen mit alten Kirchen, Renaissance- und Barockpalästen, die von dem knapp 400 Jahre dauernden Einfluss der Venezianer auf die Hafenstadt zeugen. Das ist auch den Kreuzfahrtanbietern nicht verborgen geblieben. Oft ankern gleich mehrere Schiffe in der fjordähnlichen Bucht, auf die man einen besonders schönen Blick von der 260 Meter über der Stadt liegenden Festung hat. Der Aufstieg über die knapp 1.500 Stufen ist zwar mühsam, lohnt sich aber. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, in Norwegen zu sein.

Die Küche ist italienisch beeinflusst

Das Essen in der Boka kotorska, der Bucht von Kotor, ist italienisch beeinflusst. Vlasta Mandic empfängt uns in ihrem Haus in der Altstadt und kocht für uns lokale Spezialitäten. Die rüstige Rentnerin ist besonders stolz auf ihre selbst gemachten Gnocchi. Dazu gibt’s Wein aus eigener Herstellung, mediterranes Gemüse, lokalen Schinken und Käse als Antipasti. Die passionierte Hobbyköchin erklärt ihren Gästen gern die Zubereitung typischer regionaler Speisen. Darüber weiß sie so viel zu erzählen, dass sie ein Kochbuch über die Küche der Bucht – die „Bokelian Cuisine“ – geschrieben hat.

Hobbyköchin Vlasta Mandic hat der regionalen Kost ein eigenes Kochbuch gewidmet: Bokelian Cuisine.

Im August, schwärmt Vlasta Mandic, gebe es ein großes kulinarisches Fest in der Altstadt, für das sie auch koche. Das Fest findet im Rahmen des Karnevals statt, der einst aus Venedig importiert wurde und wie dort groß gefeiert wird, aber aus touristischen Gründen inzwischen in den Hochsommer verlegt ist. Ein Kuriosum, das zeigt, wie wichtig der Tourismus für Montenegro ist.

Währung in Montenegro ist der Euro

Ein anderes Kuriosum betrifft das Geld. Offizielles Zahlungsmittel ist seit 2002 der Euro. Damit ist Montenegro das einzige Land der Welt, das, ohne Mitglied in der Europäischen Union zu sein, den Euro offiziell als Währung nutzt. Noch so ein Superlativ. Noch einige weitere, die die Einzigartigkeit des winzigen Balkanlandes unterstreichen, ließen sich aufzählen. Doch nötig hat Montenegro das eigentlich nicht.

Westlich von Budva: Am Kiesstrand Jaz, der als einer der schönsten des Landes gilt, gibt es im Sommer auch Livemusik.

Die wichtigste Größe liegt ohnehin in der Kompaktheit des kleinen Landes. Die kurzen Wege ermöglichen es Besuchern, morgens in den Bergen zu wandern, mittags durch gepflegte Städte wie Kotor zu bummeln und nachmittags in der Adria zu baden. Es gibt nicht viele Ecken in Europa, wo man so eine große landschaftliche und kulturelle Vielfalt auf kleinstem Raum findet. Das Land ist der Superlativ: Montenegrissimo!

Tipps für deine Reise nach Montenegro

  • Anreise:Montenegro hat zwei Flughäfen: in der Hauptstadt Podgorica und in Tivat an der Adria. Montenegro Airlines bietet zum Beispiel Direktflüge von Hannover und Leipzig nach Tivat an. Die Flugzeit beträgt etwa zwei Stunden.
  • Einreise: Touristen benötigen für die Einreise lediglich einen gültigen Personalausweis.
  • Beste Reisezeit: Hochsaison ist in den Sommermonaten von Juni bis August. Da kann es an den Stränden voll werden. Im Frühjahr und Herbst ist es bedeutend ruhiger.
  • Währung: Offizielles Zahlungsmittel ist der Euro. Alle gängigen Geld- und Kreditkarten werden akzeptiert.

Die Reise wurde unterstützt von FTI Touristik und The Chedi Lustica Bay. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.