Wir blicken auf das Land des Don Quijote, die Mancha in Spanien. Die Windmühle, an der wir sitzen, spendet Schatten in dieser schattenarmen Gegend. Im Sonnenschutz der Nachbarmühle hockt eine Schulklasse. Man lernt hier viel – über Literatur, Geschichte, Philosophie und über die Kraft der Fantasie.

Der Blick und die Gedanken schweifen in die Ferne. Ein Glas Wein hilft beim Philosophieren. Schon die Römer haben einst in dieser Gegend Trauben angebaut.

Mühlen von Consuegra stammen aus dem 19. Jahrhundert

Consuegra, 120 Kilometer südlich von Madrid, gilt als der erste oder der letzte Ort der Mancha, je nach Reiserichtung. Hier, auf diesem Hügel, könnte vor mehr als 400 Jahren die berühmteste Episode aus „Don Quijote von der Mancha“, dem weltberühmten Roman des spanischen Dichters Miguel de Cervantes, gespielt haben: der Kampf gegen die Windmühlen.

Die Schlüsselszene des Buches nimmt gerade einmal zwei von mehr als tausend Seiten ein, doch ihre Strahlkraft ist enorm. „Wenigstens 30 grimmige Riesen“ hatte Don Quijote in der Ferne ausgemacht. „Was für Riesen?“ fragte sein kleiner Knappe Sancho Panza. „Entfleucht mir nicht, ihr feigen, schändlichen Kreaturen, ein einzelner Ritter greift euch an.“

Entfleucht mit nicht, ihr feigen, schändlichen Kreaturen, ein einzelner Ritter greift euch an.

Don Quijote, Ritter


Die grimmigen Riesen, die heute in Consuegra zu besichtigen sind, gab es 1605, als der erste „Don Quijote“-Teil erschien, noch nicht. Die meisten der elf Getreidemühlen stammen aus dem 19. Jahrhundert, wie der städtische Windmühlen-Experte Jose Manuel Perulero erzählt.

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Vielleicht standen Cervantes‘ Mühlen auch ganz woanders. An ihrer Bauweise und Technik hat sich aber über die Jahrhunderte nichts geändert.

In der Mittagshitze ist nichts los auf den Straßen von Almagro.


Der tatsächliche Ort des Geschehens spielt für Perulero keine Rolle. „Don Quijote ist ein Gefühl“, sagt er. Der glücklose Möchtegernritter versuchte, „jeglichem Unrecht abzuhelfen“. Er ist ein Typ, der seinen Träume unbeirrt folgt, auch wenn er immer wieder scheitert.

Karge Landschaft der Mancha ist nur dünn besiedelt

Auf unserer Reise durch die dünn besiedelte, karge Landschaft mit Millionen von blassgrünen Olivenbäumen auf blassroter Erde kommt einem immer wieder Don Quijote in den Sinn. Man sieht ihn geradezu vor sich: Einen dürren Kerl in schiefer, selbst gebastelter Rüstung, der auf seinem klapprigen Pferd Rosinante durch den Staub trottet.

Und der pummelige Sancho Panza immer hinterher. Man denkt: Wie eine traurige Gestalt mag er vielleicht wirken, aber ein Spinner ist er nicht, sondern ein Idealist. Er trotzt der harten Realität, den Windmühlenflügeln des Lebens. Er gibt nicht auf.

Die dünn besiedelte Landschaft der Mancha ist karg. Für die Millionen von Olivenbäumen scheint die Umgebung gerade richtig.


Die Mancha ist kein touristischer Hotspot. Die meisten Spanien-Urlauber zieht es ans Meer und nicht in das im Sommer sehr heiße Landesinnere. Doch man kann hier, abseits des ausgetretenen Pfades, Stille finden, sich gut weit weg fühlen vom eigenen Alltag.

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Es gibt viele Don-Quijote-Orte

Don-Qujote-Orte gibt es jede Menge. Denn Romanschauplätze für sich zu beanspruchen ist hier gang und gäbe. Wer will, kann die Ruta de Don Quijote, also die Route des Don Quijote, bereisen. Außer Consuegra werben noch drei weitere Windmühlenorte mit der Romanfigur: Alcázar de San Juan, Mota del Cuervo und Campo de Criptana.

Auch Restaurants sind nach ihr benannt worden. Das Venta del Quijote in Puerto Lápice zum Beispiel. So könnte die Schänke ausgesehen haben, in der Don Quijote vom Wirt mit einem „beherzten Schulterstreich“ zum Ritter geschlagen wurde. Zwei „Lustmädchen“, wie Cervantes schrieb, konnten sich bei diesem komischen Anblick vor Lachen kaum halten, nachzulesen in Teil 1, Kapitel 3.

Essen in der Mancha ist herzhaft

Man serviert uns das herzhafte Essen der Mancha-Hirten: Rührei mit Schinkenspeck, geröstete Brotreste und eine Erbsencreme. Wie bei jeder Mahlzeit in der Mancha wird auch der spanische Schafskäse Manchego gereicht. Danach führt uns Chefkoch Pedro Javier Baeza Layos ins restauranteigene Museum. Ausgestellt sind eine Reihe historischer Romanausgaben und Nachdrucke berühmter Don-Quijote-Zeichnungen von Dalí und Picasso. Durch den Souvenirshop geht’s wieder raus.

Toledo sieht man schon von Weitem. Die Stadt wurde auf einem Granitfelsen erbaut, halb umschlungen vom Fluss Tajo. Der spanische Dichter Gustavo Bécquer war von Toledo so verzaubert, dass er sich wünschte, nur Künstler und Träumer dürften die Stadt betreten. Allen anderen sollte es verboten sein, „auch nur einen einzigen Stein mit ihrer zerstörerischen Hand zu berühren“. Das mittelalterliche Gassengewirr wirkt, als spaziere man durch eine Kulisse der TV-Serie „Game of Thrones“.

Die Altstadt von Toledo ist Weltkulturerbe.


Toledo war mal eine Drei-Kulturen-Stadt. Über Jahrhunderte hinweg lebten Araber, Juden und Christen hier gleichzeitig, „aber weniger miteinander, sondern eher nebeneinander her“, wie Stadtführerin Gloria Sánchez Rodríguez erzählt.

Besonders in Krisenzeiten kam es zu Konflikten. Den Juden wurde die Schuld an der Pest gegeben. Sie wurden genauso vertrieben wie die Araber während der Reconquista. Heute wird Toledo von der gigantischen gotischen Kathedrale Santa María dominiert. Sie ist die zweitgrößte Spaniens.

Viele maurische Einflüsse in Toledo

Die maurischen Einflüsse sind überall zu sehen. Viele Häuser und Kirchen sind im Mudejár-Stil erbaut, der von den Mauren geprägt wurde, die einst ins Land kamen. Wir berühren auf unserem Rundgang so einige Steine der Altstadt, die seit 1986 Weltkulturerbe ist. Toledo ist zudem für sein Marzipan bekannt. Die Zisterzienserinnen vom Kloster San Clemente sollen die brotteigähnliche Masse aus Mandeln und Zucker während einer Hungersnot erfunden haben. Gleiches wird allerdings aus Lübeck berichtet.

Auch Toledo ist ein Don-Quijote-Ort. Auf einem Marktplatz will Cervantes‘ Erzähler einem arabischen Jungen „ein paar alte Schreibhefte und Papiere“ abgekauft haben. Er ließ sie ins Spanische übersetzen. Und siehe da: Bei dem Manuskript handelte es sich um die „Historie des Don Quijote von der Mancha“, notiert von einem gewissen Cide Hamete Benengeli, einem arabischen Geschichtsschreiber. Cervantes will dem Leser sagen: Nichts von dem, was in seinem Buch steht, ist geflunkert. Alles wahr.

Almagro könnte Don Quijotes Heimat sein

Wo genau Don Quijote lebte, das verrät der Autor nicht. „An einem Ort in der Mancha, ich will mich nicht an den Namen erinnern ...“ Mit diesen märchenhaften Worten beginnt der Roman. Der Abenteurer könnte also aus Almagro stammen. Der 9.000-Einwohner-Ort, benannt nach dem arabischen Wort für rote Erde, ist die Hauptstadt des spanischen Theaters. Regisseur Pedro Almodóvar, auch ein Mann der Mancha, hat hier, in einem der typischen Innenhöfe, seinen Film „Volver“ gedreht.

Almagro gilt als die Hauptstadt des spanischen Theaters. Das Corral de Comedias, ein mittelalterliches Innenhoftheater, ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten.


Die Top-Sehenswürdigkeit ist jedoch ein anderer Innenhof: das Corral de Comedias, ein mittelalterliches Theater. Auf dem Spielplan stehen Cervantes und seine Zeitgenossen Shakespeare und Molière.

Wer während der Mittagsruhe durch die menschenleere Stadt bummelt, spürt am ganzen Körper, warum diese Region Mancha, also trockenes Land, heißt. Hellblauer Himmel, weiße Fassaden, Sonne, geschlossene Fensterläden. Man sehnt sich selbst nach einer Siesta im Schatten oder einem Café con hielo, einem spanischen Eiskaffee.

Cuenca regt die Vorstellungskraft an

Letzte Station ist Cuenca. Auch in diesem verwinkelten Weltkulturerbe hat man das Gefühl, Figuren aus der Fernsehserie „Game of Thrones“ könnten jederzeit um die nächste Ecke biegen.

In die Altstadt von Cuenca gelangt man über eine schmale Fußgängerbrücke über die Huécar-Schucht.


Einen Don-Quijote-Bezug gibt es nicht, doch Cuenca spornt die eigene Vorstellungskraft an. Man sieht die Romanfigur vor dem geistigen Auge. Sie stapft auf der äußerst schmalen Brücke über die Huécar-Schlucht, um sich in den steilen, engen Gässchen der Altstadt mit den nächsten grimmigen Riesen anzulegen.

Unter Don Quijote gluckst der Fluss. Es klingt wie ein Lachen. Rosinante schnaubt, Sancho Panza schnauft. Bei jedem ihrer wagemutigen Schritte wackeln die Bohlen der Brücke ein bisschen. Man hat es selbst so erlebt.

Tipps für deine Reise nach Spanien

Anreise: Direktflüge nach Madrid sind von mehreren deutschen Flughäfen aus möglich – etwa von Frankfurt am Main und Berlin. Von dort aus geht es weiter mit dem Leihwagen oder mit der Bahn.

Beste Reisezeit: Das Klima in der zentralspanischen autonomen Gemeinschaft Kastilien-La Mancha, zu der die Mancha gehört, ist von heißen, trockenen Sommern und kälteren Wintern geprägt.

Unterkünfte:Hotel Pinto el Greco in Toledo: Komfortables Oberklassehotel im jüdischen Viertel der Altstadt. Das Casa El Greco, das Haus des Malers El Greco, liegt ganz in der Nähe.
Hotel La Casa del Rector in Almagro: Komfortables Wohlfühlhotel in der Altstadt mit Spa und jeder Menge zeitgenössischer Kunst an den Wänden. Die Zimmer sind um drei Innenhöfe angeordnet.
Hotel Parador de Cuenca: Das luxuriöse Hotel befindet sich in einem früheren Kloster auf der der Altstadt gegenüberliegenden Seite der Schlucht. Einige Zimmer bieten einen tollen Blick auf die hängenden Häuser. Sehenswürdigkeiten wie die Kathedrale oder das Museum für abstrakte Kunst sind über eine Fußgängerbrücke innerhalb weniger Minuten erreichbar.

In der Sakristei der Kathedrale Santa Maria in Toledo hängen Werke von El Greco und Goya.

Attraktionen: Top-Reiseziele in La Mancha sind die beiden historischen Weltkulturerbestädte Toledo und Cuenca. Das historische, erst 1950 bei Renovierungsarbeiten entdeckte Innenhoftheater Corral de Comedias in Almagro ist die wichtigste Spielstätte des alljährlich im Sommer stattfindenden Festivals des klassischen Theaters. Sehenswert ist auch die Kathedrale Santa María in Toledo – vor allem die Gemälde in der Sakristei, darunter Werke von El Greco und Goya.

Die Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt und der Tourismusbehörde der Region Kastilien-La Mancha. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.