40.000 Menschen leben auf Bornholm, 600.000 Besucher wuseln von März bis Oktober über Strand und Land. Wird es kühler, nasser, dunkler und rauer, fällt die Insel in den Winterschlaf. Der Schwarm der Touristen ist fortgezogen, Ruhe kehrt ein. Die Menschen sind entspannt und die Preise niedrig. Aber es ändert sich etwas.

Morgens um 11 Uhr in Sassnitz auf Rügen. Ein Lastwagen, eine Handvoll Autos, ein Wohnmobil: Die Fähre nach Rönne, dem Hauptort Bornholms, ist gähnend leer. Aber sie fährt trotzdem – nun auch in den dunkleren Monaten. Zwar nicht täglich wie im Sommer, aber ein- bis zweimal die Woche.

Wir wollen Bornholm als Ganzjahresziel etablieren. Die Insel bietet so viel. Man muss nur wetterfest sein.

Helle Mogensen, Pressesprecherin von Destination Bornholm


Dahinter steckt ein Konzept. „Wir wollen Bornholm als Ganzjahresziel etablieren. Die Insel bietet so viel. Man muss nur wetterfest sein“, sagt Helle Mogensen, Pressesprecherin von Destination Bornholm, in Rönne und schenkt heißen Kakao mit Sahne ein.

Nebensaison auf Bornholm wird immer belebter

Es laufe gut an, die Zahl der Übernachtungen in der bisherigen Nebensaison steige. 10 Prozent mehr Läden, Restaurants und Kultureinrichtungen haben in diesem Jahr auch im Winter geöffnet, der Trend geht nach oben. Tatsächlich kommt für den, der mehr will als Ruhe, Wetter und Weite, keine Langeweile auf. In Ateliers, bei Keramikern und Glasbläsern ist im Gegensatz zum Sommer viel Platz zum Schauen und Zeit zum Reden.

Zum Beispiel in der Hjorths Fabrik mitten in Rönne. 30.000 Besucher pro Jahr besichtigen die zum Bornholms Museum zählende Keramiksammlung, schauen in die laufende Produktion und nehmen an Kurzworkshops teil. Der seit 1859 bestehende, in der vierten Generation arbeitende Keramikbetrieb öffnet zum ersten Mal im Winter – von donnerstags bis samstags.

In der Hjorths Fabrik in Rönne haben Besucher die Chance, zu sehen wie Keramik gefertigt wird.


Ein bisschen Gründergeist ist in den über mehrere Backsteinbauten verteilten Werkstätten zu spüren. Der Gebäudekomplex steht unter Schutz, geheizt wird mit alten Eisengussöfen. Die hier gedrehten und gebrannten Steingut-Produkte sind klassisch, zeitlos edel, sie sind im Museum of Modern Art in New York vertreten und werden zum Beispiel im Kopenhagener Edelrestaurant Noma benutzt.

Auch wenn die 78-jährige Marie Hjorth als letzte der Hjorth-Familie keine Erben hat, ist die Zukunft gesichert, eine Krise überstanden. Qualität behauptet sich gegen die Schwemme von Billigware.

Zum Wandern in die Inselmitte

In der Inselmitte, gleich neben der Felsschlucht Ekkodalen, in der du zu jeder Jahreszeit wandern kannst, führen Joan und Christian Froberg Dahl das seit 1903 bestehende Ekkodalshuset. Es ist Freitagmittag, das Restaurant ist gut besucht. Vor allem lockt das in Tartelettes gefüllte Hühnerfrikassee. Eine Portion langt mittags für zwei; dazu gibt es ein herzhaftes, auf Wunsch auch alkoholfreies Bier aus der Bornholmer Brauerei in Svaneke.

Die Helligdomsklippen wirken im Winter noch ein wenig rauer.


„Es gibt außerhalb von Rönne nur sieben Restaurants, die im Winter geöffnet haben“, sagt Dahl. Da könnte er ja froh sein, als einer der wenigen dazuzugehören. Nein, ist er nicht. „Es müssen unbedingt mehr werden“, sagt der Wirt. Zwar sei es in den vergangenen Jahren gelungen, im März und im Oktober mehr Touristen nach Bornholm zu holen, aber im Winter sei noch viel Luft nach oben.

Ruhe und Natur locken auch im Winter

Am Fenster sitzen tatsächlich Urlauber: Dieter Ulrich, Doris Kramme und ihre Tochter Christine. Sie kommen für eine Woche aus der Rhön. „Ich liebe das Meer im Winter“, sagt Doris Kramme, „wir waren auf Sylt, auf Rügen, auf Usedom, auf Bornholm bisher nur im Sommer, jetzt zum ersten Mal im Winter“.

Die Ruhe, die Weite, die pure Natur haben sie hergelockt. Sie wollen sich auch Zeit für Kunst und Handwerk nehmen. Wohin geht es nach dem Mittag? „Zur Galerie Art Box in Svaneke“, sagt Doris Kramme.

Kunst ist auf der Insel Bornholm auch in der Natur zu sehen – etwa das Schwein von Bildhauer Jörgen Haugen Sörensen, das oberhalb der Helligdomsklippen steht.


Das Hafenstädtchen Svaneke mit den ocker und rot leuchtenden Häusern ist zu allen Jahreszeiten ein Besuchermagnet und wirkt auch im Winter belebt. Licht in den Läden, Menschen auf den Straßen. Das Eis aus Bornholms Ismejeri mit Geschmacksrichtungen von Holunder bis Kastanie schmeckt auch bei Regen. Es hat ganz Dänemark erobert.

Glaspusteri ist ein beliebtes Ziel

Wenige Schritte weiter arbeitet in ihrer Glaspusteri die meistfotografierte Frau der Insel, wenn nicht Dänemarks. Pernille Bülow und ihre Mitstreiterinnen lassen vor den Augen des Publikums Glas schmelzen und kühlen, drehen, pusten und formen Vasen, Gläser, Schalen, Kerzenhalter und mehr. Das umgebende Geschäft floriert, Bülows Design spricht in seiner nicht überkandidelten Formklarheit viele unmittelbar an.

Ein Muss bei jeder Bornholm-Reise ist eine Stippvisite in der offenen Werkstatt der Glaskünstlerin Pernille Bülow in Svaneke.


„Die Menschen ändern sich, wollen nicht mehr so viel fliegen. Wir haben auf Bornholm nun auch im Winter gute Chancen wie nie zuvor“, sagt Pernille Bülow. Ihre Glasöfen glühen jetzt auch im Januar und Februar fürs Publikum, zumindest an den Wochenenden.

Bier aus Svaneke ist Exportschlager

Längst ein Exportschlager ist das Bier aus Svaneke. Die Braukessel im stets sehr gut besuchten Bryghuset am Marktplatz sind mittlerweile Deko. Gebraut wird in großem Stil außerhalb des Zentrums. Einrichtung und Essen sind rustikal.

Ein weiteres der Restaurants, die ganzjährig geöffnet sind, steht am Hafen von Gudhjem. Das Provianten strahlt alternativen Charme aus. Maria Gill und Thomas Larsson, zugezogen aus Kopenhagen, leben dort ihren Traum: ein zu 100 Prozent ökologisch korrektes Haus für guten Wein und gutes Essen. Gekocht wird mit dem, was die Insel hergibt. „Es ist nicht immer alles da, aber das ist der Rhythmus des Lebens, der Natur“, sagt Maria Gill.

Der April sei am schwierigsten, da neigen sich gelagerte Vorräte häufig dem Ende zu. Der natürlich ökologisch produzierte Wein kommt aus Frankreich. Er wird wie Schokolade und einiges mehr per Frachtsegler nach Bornholm gebracht.

Bornholm ist die erste World Craft Region

Stolz sind die Bornholmer, dass sie als Erste in Europa von der Unesco als World Craft Region zertifiziert wurden. Die vielen Werkstätten von Keramikern, Glasbläsern, Textildesignern und mehr heben Bornholm von anderen Zielen am Meer ab – vor allem in der dunklen Jahreszeit.

Museum der Lichtkunst soll neu eröffnen

Dazu zählt ein Kunstmuseum von Rang. Es streckt sich seit 1993 oberhalb der Felsen und Schären der Helligdomsklippen ins Grün der Umgebung. Mitten durch den Bau rinnt das Wasser der Heiligtumsquelle. Gründungsdirektor Lars Kærulf Möller zeigt Kunst, die einen Bezug zur Insel hat, mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert.

Möller zeigt nichts Beliebiges, sondern einen hochwertigen Schnitt durch die Kunstgeschichte. Oluf Höst ist vielleicht der bekannteste Bornholmer Maler, aber auch Werke von Per Kirkeby und Asger Jorn gehören zur Sammlung. Sechs Sonderausstellungen im Jahr halten den Besuchsanreiz hoch.

Mit einem Haus für Lichtkunst wird Direktor Lars Kærulf Möller das Bornholmer Kunstmuseum erweitern.


Zu den 4.000 Quadratmetern kommen bis 2022 weitere 3.000 hinzu. „Dort werden wir ein Museum der Lichtkunst zeigen“, sagt Möller; Licht sei nun einmal das Thema, das Künstler immer wieder auf die Insel zog – und zieht.

An Dueoddes Strand die Einsamkeit genießen

Nirgendwo ist das Licht so zu spüren wie am feinsandigen Strand von Dueodde. Eine Wind-und-Wetter-Wanderung hier im Süden der Insel ist einfach nur gut für Leib und Seele. Der Weg um die alte Burg Hammershus am anderen Ende der Insel ist ebenso eindrucksvoll. Nie fühlt sich die Natur an wie jetzt in der Nebensaison.

Die Fähre zurück nach Rügen ist auch nicht gerade stark frequentiert. Aber die Ulrichs und Krammes aus der Rhön sind an Bord. „Wir fahren im nächsten Jahr wieder nach Bornholm“, sagt Doris Kramme. Im Winter? „Natürlich.“

Tipps für deine Reise nach Dänemark

Anreise: Eine Fähre verbindet im Winterhalbjahr ein- bis zweimal pro Woche Sassnitz auf Rügen mit Rönne auf Bornholm. Die Fahrtzeit beträgt drei Stunden und 20 Minuten.

Unterkunft: Zimmer mit Blick aufs Meer bietet das Spa-Hotel Griffen in Rönne (Doppelzimmer sind ab etwa 165 Euro buchbar). Auch in der Nebensaison sind komfortable Ferienhäuser auf Besucher eingestellt – zu einem Drittel des Hauptsaisonpreises.

Beste Reisezeit: Die Tagestemperaturen gehen im Winter selten unter null Grad Celsius. Mit kräftigem Wind und meist schauerweise auftretendem Regen, selten Schnee, ist natürlich zu rechnen.

Attraktionen: Hjorths Fabrik: Keramikmuseum, Krystalgade 5, Rönne.
Pernille Bülow: Glasgalerie und Werkstatt, Brænderigænget 8, Svaneke.
Kunstmuseum Bornholm: Otto Bruuns Plads 1, Gudhjem.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Denmark, Destination Bornholm und Reederei Bornholmslinjen. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.