Das ganze Zimmer wackelt, als ob ein Riese unser Hochhaus durchschüttelt. Es ist 3 Uhr morgens und ich überlege, wie die Verhaltensregeln beim Angriff eines Riesen lauten. Oder ist es doch ein Erdbeben? Dann schaue ich zum Fenster hinaus und sehe, dass sowohl der ohrenbetäubende Lärm als auch die heftigen Vibrationen nur von der Straßenbahn ausgelöst werden, die vielleicht einen halben Meter vor unserem Fenster vorbeirast.

Vier Wochen sind wir nun in dieser unermüdlichen Stadt. Untergekommen sind Sophie, unsere beiden Dobermänner und ich in einem Zimmer in einem Mehrparteien-Haus, das wir bei Airbnb gefunden haben.

New York ist viel mehr als Manhattan

Unsere Bude liegt im aufstrebenden Teil von Brooklyn. Aufstrebend heißt, dass sich dreckige Waschsalons und Ein-Dollar-Ramschläden mit vereinzelten hippen Bars und einem einzigen gemütlichen Café abwechseln.

Blick von Brooklyn auf die Skyline New Yorks.

Aber schon nach unserem ersten Ausflug ins polierte Manhattan merke ich, dass ich mich in dem noch nicht gentrifizierten Teil Brooklyns am wohlsten fühle. Ohnehin ist es nicht, als ob wir eine Wahl gehabt hätten.

Schon hier zahlen wir für einen knappen Monat fast so viel wie für ein halbes Jahr in unserer kleinen Blockhütte im Wald in der Wildnis Kanadas. Und es ist ja bekanntlich nicht so, dass freischaffende Künstler in Geld schwimmen…

Brooklyn: Wo Gangster und Hipster zusammen Bier trinken

Hochhäuser, Basketballplätze und Liquor-Stores prägen das Straßenbild im prosperierenden Teil von Brooklyn. Und hinter jeder Ecke erwartet uns etwas Neues. Mal sind es angsteinflößende Kampfhunde oder Lowrider-Karren, die auf ihren Rädern zum aggressiven East Coast Hip-Hop federn.

Darf in New York auf keinen Fall fehlen: kunstvolle Street-Art.

Hinter der nächsten Ecke ist es ein alter Mann mit tief sitzender Wollmütze, welcher tiefgründige Gedichte rezitiert, während sein verlorener Blick ins Leere wandert. Dann auf einmal stehen wir vor einer Bar mit dem Namen „The Garden of Eden“.

Zum Namen passend ranken sich exotische Pflanzen um Tische, Bar und Stühle. Die Luft ist vom sanften Klang eines klassischen Klaviers und dem Gesumme zahlreicher Bienen erfüllt.

Die Klientel ist so gemischt wie das Straßenbild vor dem Laden. Rocker, Gangster, Hausfrauen, Hipster und in der einen Ecke eine ganze Polizei-Staffel, die den Feierabend genießt.

Brooklyn: Stadtteil, der niemals leise ist

Ich liebe unsere ausgedehnten Spaziergänge durch unsere vorübergehende Nachbarschaft. Hier gibt es die ganze Welt zu entdecken und alle Formen von Essen, die man sich nur wünschen kann. Verschiedenste Schriftzeichen bewerben fremdartige Produkte und nachts jagen Katzen, Ratten, Mäuse, Füchse und Hunde durch die nun dunklen, aber noch immer belebten Gassen.

Die Sirenen der Polizei sind das einzige Geräusch, das das ewige geschäftige Treiben zu übertönen vermag. Aber wenn dann die Straßenbahn kommt, ertrinkt selbst dieses Geheul irgendwo in der Mischung.

Und so scheint es fast, als ob selbst schwer bewaffnete Gesetzeshüter nicht das dunkle Geheimnis dieser bunten und eigendynamischen Welt durchdringen können.

Hippe Cafés gibt es auch in Brooklyn

Wenn wir uns dann die Fahrräder nehmen und parallel zum Hudson River ein Stückchen Richtung Osten fahren, landen wir schließlich in einem anderen Teil von Brooklyn. Hier hat die Gentrifizierung schon ganz mächtig zugeschlagen. Und statt verschiedener Kulturen treiben sich hier hauptsächlich verschiedene Hipster-Styles auf den Straßen herum.

In der angesagten Gegend von Brooklyn gibt es auch viele hippe Cafés.

Auch das macht eine Weile Spaß. Wir streifen durch unzählige gemütliche Cafés, in denen Bartträger und Topmodels vor silbernen Laptops sitzen und ihren Blick nicht heben, bis es Zeit ist zu gehen. Der Kaffee schmeckt überall hervorragend und dadurch beinahe wieder langweilig.

Zwei verschiedene Welten in Brooklyn

Spaß machen uns vor allem die Touren durch künstlerisch mit Graffiti übersäte Nebenstraßen und das Gestöber in außergewöhnlich guten und trotzdem günstigen Secondhand-Läden. 

An jeder Ecke in Brooklyn gibt es bunte Graffiti zu entdecken.

In diesem Teil von Brooklyn leben die Locals überwiegend in feinstens renovierten Fabrik- und Lagerhallen. Viel Glas, Stahl und Beton spiegeln gekonnt den aktuellen Trend in moderner Architektur wider. Aber irgendwie fehlt mir hier etwas. Die Straßen gleichen einander, die Autos sind teuer und zurückhaltend.

Die Hunde sehen alle vornehm und wenig angsteinflößend aus. Gesprächsfetzen wehen uns um die Ohren. Vernissagen, Galerie-Eröffnungen, Modeschauen. Nur manchmal auch ein bisschen Politik.

So bleibt für mich der noch ungezähmte Teil Brooklyns der spannendste. Hier schlägt das wilde Herz dieser Stadt, die wahrlich niemals schläft. Hier ist New York ein Melting Pot, wie er größer nicht sein könnte, vereint im Schatten des Banners dieser großartigen Stadt.