Klimakrise, Coronavirus und Terror – gefühlt wird Reisen immer unsicherer. Aber ist das eigentlich wirklich so? Darüber haben wir mit dem renommierten Reiseforscher Jürgen Schmude gesprochen. Der Tourismusexperte erforscht seit Jahren, wie sich unser Reiseverhalten entwickelt.

Er erzählt im Interview unter anderem, wie sicher es ist, heute zu reisen, und wie unsere Öko-Bilanz beim Reisen eigentlich ausfällt.

Herr Schmude, Sie erforschen die Entwicklung unseres Reiseverhaltens. Können Sie sagen, was das Coronavirus mit dem Tourismus macht?

Jürgen Schmude: Auf den asiatischen Markt hat das Coronavirus mit Sicherheit große Auswirkungen, das sehen wir ja bereits jetzt. Und auch in Deutschland fehlen die chinesischen Touristen, die machen auf das Jahr gesehen allerdings lediglich ein Prozent des gesamten Incoming-Tourismus aus.

Und wie sieht das mit der Kreuzfahrt-Branche aus?

Jürgen Schmude: Die Hysterie durch das Coronavirus ist groß. Kreuzfahrtschiffe dürfen nicht anlegen und haben nahezu täglich negative Presse. Sollte sich das Virus aber eindämmen lassen und die Lage sich beruhigen, rechne ich nicht mit negativen Langzeitfolgen für die Branche.

Warum das Coronavirus nicht Chinas einziges Problem ist

Gab es denn in der Vergangenheit bereits vergleichbare Fälle?

Jürgen Schmude: Das Coronavirus wird ja oft mit dem Sars-Ausbruch verglichen. Allerdings müssen wir uns hier eingestehen, dass das neue Virus im Vergleich deutlich massiver ist. Wir befinden uns mit Corona im nächsten Stadium. Wie sich das weiterentwickelt, kann niemand mit Sicherheit vorhersagen.

Vor allem China wird ja seit dem Ausbruch des Coronavirus gemieden. Ist das ein herber Rückschlag für das Land?

Jürgen Schmude: Der Rückgang von deutschen Reisen nach China ist nicht erst durch das Coronavirus entstanden. Bereits die verschärften Visa-Bestimmungen in dem asiatischen Land haben viele Touristen abgeschreckt.

Wie kommt so eine große Abneigung Ihrer Ansicht nach hauptsächlich zustande?
Jürgen Schmude: Klar ist: Je mehr negative Nachrichten Reisende über ihr Ziel lesen, desto skeptischer werden sie dahingehend.

Negative Nachrichten vermitteln auch immer das Gefühl von Unsicherheit. Wie wichtig ist Sicherheit für Reisende heutzutage?

Jürgen Schmude: Sicherheit ist seit 2001 einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf das Reiseverhalten der Menschen. Ausschlaggebend dafür waren zunächst die Anschläge von 9/11. Durch weitere Terroranschläge in Urlaubsregionen, Pandemien und technische Pannen hat sich Sicherheit als eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Reisezieles etabliert.

Nun ist Sicherheit auch immer ein individueller Eindruck. Wovon hängt die Beurteilung da ab?
Jürgen Schmude: Das Sicherheitsempfindenändert sich abhängig von der Distanz zum Reiseziel: Wenn jemand aus Japan von Anschlägen in Paris hört, dann hält er gleich ganz Frankreich für unsicher. Ein Deutscher hingegen würde in dem Fall eher dazu neigen, auf eine andere Stadt in Frankreich auszuweichen.

Wieso Menschen trotz Sicherheitsbedenken reisen

Stichwort „ausweichen“: Wie ändern sich Reisepläne, wenn der Zielort gerade nicht sicher ist?

Jürgen Schmude: Wer sich für seinen Urlaub vor allem Sonne, Strand und Meer wünscht, der hat wirklich viele Reiseziele zur Auswahl. Am Ende ist es den meisten Leuten dann auch egal, ob sie in der Türkei, in Spanien oder Ägypten am Strand liegen.

Aber das geht nicht mit jedem Urlaubswunsch, oder?

Jürgen Schmude: Anders ist das bei Städtereisen: Wer den Eiffelturm sehen will, der findet den nur in Paris. Und wenn die Sicherheit hier nicht ausreichend gegeben ist, dann gilt: ganz anders oder gar nicht. Oft ändert sich dann die Motivation von Sightseeing zu Wellnessurlaub. Oder die Reise wird komplett verschoben.

Die Hotels in Tunesien, Ägypten und der Türkei blieben in den vergangenen Jahren trotz (Teil-)Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes nicht leer – einige Touristen sind trotzdem gereist. Wie erklären Sie sich das?

Jürgen Schmude: Das liegt an der Erotik des Preises. Wenn eine Woche All-inclusive-Urlaub plötzlich 199 Euro kostet, dann schlagen viele Schnäppchenjäger zu – und sehen dann eben über Sicherheitsrisiken hinweg. Und das Phänomen hat nichts mit der Gehaltsklasse der Urlauber zu tun. Wenn Sie mich fragen, ist das schwer nachvollziehbar.

Gibt es denn aktuell typische Reiseziele, bei denen Sie akute Sicherheitsbedenken haben?

Jürgen Schmude: Die Katastrophenjahre des Tourismus sind vorüber. Die Anschläge aus 2015 und 2016 haben ihre abschreckende Wirkung weitgehend verloren. Aber das kann sich schnell ändern. Bei einem neuen Anschlag in einem Touristengebiet würde auch die Anspannung der Reisenden wieder wachsen.

Sicherheit ist für Reisende also wichtig. Aber wie sieht es mit Nachhaltigkeit aus?

Jürgen Schmude: Offen gesagt wirkt sich die Klimadebatte auf das Reiseverhalten 2020 nicht im Geringsten aus. Nachhaltigkeit ist ein Alltagsthema, kein Urlaubsthema. Konkret sieht das dann so aus: Zu Hause wird streng der Müll getrennt und dann steigt man doch wieder ungeniert in den Flieger.

Jetzt könnte man aber durch die vielen Demonstrationen und Nachhaltigkeits-Initiativen den Eindruck bekommen, dass die Leute eigentlich langsam verstehen, worum es bei der Klimadebatte geht.

Jürgen Schmude: Das Bewusstsein ist da, aber es folgt keine Verhaltensänderung. Das sehe ich auch bei meinen Studierenden: Sie reisen alle weiter, wie bisher. Aber sie kennen es ja nicht anders, sind mit offenen Grenzen und vielen Möglichkeiten aufgewachsen.

Also sind wir – überspitzt gesagt – einfach sture Wesen, die nichts dazulernen?

Jürgen Schmude: Ich setze große Hoffnung auf die heutige Schülergeneration. Sie werden mit Fridays for Future sozialisiert und wachsen mit einem anderen Umweltbewusstsein auf als die Generationen vor ihnen. Sie werden das nachhaltige Reisen vielleicht auf eine neue Stufe heben.

Reisescham – und wieso sie nicht notwendig ist

Die Klimadebatte hat aber auch dazu geführt, dass der Begriff „Reisescham“ oder „Flugscham“ immer häufiger auftaucht. Aber sollten wir uns dafür schämen, etwas von der Welt sehen zu wollen?

Jürgen Schmude: Natürlich muss sich niemand fürs Reisen schämen. Im Gegenteil: Reisen ist ja etwas Schönes. Aber man sollte es eben mit Köpfchen tun und darüber nachdenken, ob es wirklich notwendig ist, dreimal im Jahr zu fliegen. Sich etwa zu fragen, ob der Junggesellenabschied in Las Vegas, der Shoppingtrip nach Mailand und der Wellnessurlaub in Norwegen wirklich notwendig sind oder ob eine Zugreise, die dafür aber etwas länger dauert, nicht auch ausreicht.

Gibt es das Stereotyp eines Reisefans?

Jürgen Schmude: Es gibt weder den typischen Reisenden noch den typischen Nicht-Reisenden. Aber: Rund 25 Prozent der Deutschen reisen nicht. Und diesen Teil der Gesellschaft kann man in zwei Gruppen einteilen: die Leute, die nicht reisen wollen, und die, die nicht können.

Halten Sie es für sinnvoll, die Nicht-Reisenden vom Gegenteil überzeugen zu wollen?

Jürgen Schmude: Der Tourismus braucht nicht zu versuchen, Leute vom Reisen zu überzeugen, die kein Interesse an der Aktivität haben. Vielmehr sollte es mehr Angebote für Menschen geben, die aus finanziellen, gesundheitlichen oder strukturellen Gründen nicht reisen können. Denn ich finde, wer reisen möchte, sollte grundsätzlich auch die Möglichkeit dazu bekommen.

Was wir von Nicht-Reisenden vielleicht lernen können

Hat es vielleicht auch was Gutes, dass nicht jeder das Reisen für sich entdeckt hat?

Jürgen Schmude: Nun ja. Vielleicht sind Nicht-Reisende am Ende ja sogar die besseren Reisenden, wenn man an die Klimakrise denkt.

Jetzt beschäftigen Sie sich bei der Arbeit viel mit Reisen. Machen Sie denn privat auch noch Urlaub?

Jürgen Schmude: Klar. Ich bin derzeit auf Juist im Urlaub. Hier ist es schön ruhig, die Insel ist nachhaltig und vom Massentourismus noch nicht betroffen. Perfekt also für eine kleine Auszeit im Februar.