Ein grauer Betonklotz mit eingeschlagenen Fensterscheiben. Der Putz blättert ab. „I ♥ EHST“ steht in der obersten Reihe. Das Erdgeschoss ist mit graffitibeschmierten Brettern zugenagelt, vom einstigen Spitzenhotel mit Edelrestaurant, Intershop und Disco ist nicht mehr viel übrig. Das ehemalige Hotel Lunik (russisch: kleiner Mond) ist das Symbol Eisenhüttenstadts, aus dem DDR-Schmuckstück im Herzen der Stadt wurde ein Schandfleck. Es ein verlorener Ort, ein Lost Place.

Willkommen in „Hütte“, wie es dort heißt. Oder „Iron Hut City“, wie Tom Hanks es nannte. Der Hollywood-Star fuhr 2011 mit einem Trabi durch die Stadt, schaffte es auf die „Bild“-Titelseite und verliebte sich in „Hütte“.

Begib dich für ein Wochenende auf eine Zeitreise in die DDR, denn die ehemalige Stalinstadt (1953–1961) war der sozialistische Traum von einem besseren Leben. Doch was ist daraus geworden? Die deutsche Stadt, in der die DDR am lebendigsten wirkt.

Eisenhüttenstadt: Der gescheiterte DDR-Traum

Alles begann mit einem Parteitag, wie auch sonst. Die Stadt wurde in den 1950er-Jahren auf dem Reißbrett geplant, von der Anzahl der Wohnkomplexe bis zur Zahl der Stühle im Theater. Die DDR-Spitze wollte einen neuen Industriestandort im dünn besiedelten Ostbrandenburg, das Eisenhüttenkombinat Ost (Eko) mit einer angeschlossenen Wohnstadt für die Arbeiter entstand.

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Dass die Stadt heute so leer wirkt, liegt an einem Fehler im Plan. Die ideale Arbeiterstadt wurde für weit mehr Menschen angelegt, bis 2000 sollten 100.000 Menschen in Eisenhüttenstadt leben. Das hat nicht ganz funktioniert, zumindest bis 1989 wuchs die Stadt an (bis auf 53.000 Einwohner).

Nach der Wende haben viele junge Menschen die Stadt verlassen, „Hütte“ ist seit dem Mauerfall um die Hälfte geschrumpft und die Stadt ist stark überaltert. Ein Besuch lohnt sich trotzdem. Und wenn du im 21. Jahrhundert so durch Eisenhüttenstadt flanierst, dann wirst du es merken: Der kommunistische Traum ist real.

Ist Eisenhüttenstadt etwas für dich?

Die Stadt wirkt auf den ersten Blick ziemlich depressiv, die Lindenallee ist menschenleer, trist und grau. Nach der Wende haben viele junge Menschen die Stadt verlassen, „Hütte“ ist seit dem Mauerfall um die Hälfte geschrumpft. Es gibt kaum Restaurants, Cafés und Kneipen, mehr als die Hälfte der Einwohner ist über 65 Jahre alt. „Was soll ich hier?“, wirst du dir denken.

Kastenbauten und leere Plätze: Kein seltener Anblick im WK I.

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Eisenhüttenstadt ist das schönste, was die DDR-Baukunst hervorbrachte. Das hat einen guten Grund: Weil die ersten Gebäude im WK I für ihn nicht genug „Ausdruck des Aufbauwillens“ einer Stadt des Proletariats verkörperten, mischte sich Walter Ulbricht höchstpersönlich in die Stadtplanung ein. Die Bauherren um den Architekten Kurt W. Leucht legten sich ins Zeug, Balkone, Loggien und Kunst verzierten die Wohnhäuser, die danach entstanden.

Nach dem Mauerfall wurde das Flächendenkmal Eisenhüttenstadt saniert, was in vielen ostdeutschen Städten zum Opfer von Abrissbaggern wurde (Beispiel: Frankfurt-Neuberesinchen, Stadtpromenade Cottbus), ist in „Hütte“ erhalten. Deswegen ist Eisenhüttenstadt heute, was es ist: Die Stadt, in der die DDR am lebendigsten wirkt.

Gerade ist das moderne Kino dabei, die Stadt als Filmkulisse für sich zu entdecken. Davon zeugen aktuelle Produktionen wie „Das schweigende Klassenzimmer“ (2018) oder „Warum“ (2019), Eisenhüttenstadt kann trotz seiner jungen Stadtgeschichte auf eine stolze Filmografie zurückblicken – und entwickelt sich zum Klein-Hollywood in Brandenburg.

Der Aktivist ist ein kultiges Restaurant an der Karl-Marx-Straße in Eisenhüttenstadt.

Und wenn du durch die Stadt flanierst, dich mit der Geschichte und der Planung der Stadt beschäftigst, wirst du viel mehr von osteuropäischen Städten (wie zum Beispiel Moskau, Minsk oder Podgorica) verstehen. Du wirst vielleicht mit etwas Ehrgeiz auch etwas über Architektur und Stadtplanung lernen. Und vielleicht am Stammtisch im Aktivisten einen der liebenswerten Eisenhüttenstädter kennenlernen, die dir bei einem Bier eine Geschichte von damals erzählen.

Eisenhüttenstadt: Ein Mekka für Instagrammer

Deinen Besuch im – gescheiterten – kommunistischen Traum solltest du ausnutzen, denn Eisenhüttenstadt ist ein Paradies für urbane Fotografie, ein Mekka für Instagrammer. In Innenhöfen, an Häuserfassaden, im Friedrich-Wolf-Theater und an den unwahrscheinlichsten Orten wirst du mit tollen Details überrascht. Das schönste davon ist vielleicht das Wandmosaik „Deutsch-polnisch-sowjetische Freundschaft“ in der Lindenallee.

Fast hundert Bronzefiguren schmücken das Stadtbild in Eisenhüttenstadt, darunter diese Familie.

Wusstest du, dass es in Eisenhüttenstadt über 100 Bronzefiguren im öffentlichen Raum gibt? Ein Mann im Mantel wartet mit dir an der Ampel, zwei Jungs versuchen sich am Handstand im Gartenfließ und ein Pärchen küsst sich im Sommer vor einem Blumenbeet. Vor dem Eisenhüttenstadt-Trip solltest du schauen, dass du genug Speicher und eine Powerbank bei dir hast, um das alles einzufangen. Und wenn du nach einem Wochenende im Zug sitzt und Richtung Heimat fährst, wirst du dich fragen: War das alles real?

Sehenswürdigkeiten, Museen und Lost Places

Lost Places, DDR-Mosaike und Ornamente über Hauseingängen – Hobbyfotografen werden auf jeden Fall fündig, auch mit Langzeitbelichtung lassen sich tolle Nachtaufnahmen von der gespenstischen Atmosphäre im leeren Zentrum machen.

Der erste Anlaufpunkt in der Innenstadt ist die Lindenallee, das Zentrum der Planstadt, wo ein Hauch von DDR durch die verlassenen Plattenbaugeschäfte zieht. Weil die Touristinformation touristenunfreundliche Öffnungszeiten hat, lädst du dir am besten eine Orientierungshilfe herunter. Um Kunst im öffentlichen Raum zu verstehen, könntest du dir das Buch „Baubezogene Kunst DDR“ des Eisenhüttenstädter Architekten und Ex-Sprayers Martin Maleschka besorgen. Aber auch online findest du viele Infos dazu.

Das Eisenhüttenstädter Rathaus ist ein guter Ausgangspunkt für Erkundungstouren.

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählen neben der Kunst im öffentlichen Raum das Friedrich-Wolf-Theater (mit schönem Wandmosaik), der gigantische Lost Place Hotel Lunik und das Rathaus mit einem Modell der Stadt und einem der schönsten Mosaike. Im Wohnkomplex I gleich neben der Lindenallee siehst du die ersten Häuser von Eisenhüttenstadt und einen großen Sowjetstern, der den verlassenen Platz des Gedenkens schmückt. Über dem Eingang der Astrid-Lindgren-Schule steht es groß geschrieben: Stalinstadt, wie die Stadt einst genannt wurde. Das Stahlwerk ist für Besucher leider geschlossen, es gibt nur selten Ausnahmen.

Der schönste Teil von Eisenhüttenstadt ist der Wohnkomplex II um die Saarlouiser Straße und die Erich-Weinert-Allee, jeder Aufgang und Balkon ist kunstvoll verziert, in einem der geräumigen Innenhöfe ist eine knapp 30 Meter lange Bank versteckt. Hier befindet sich auch das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR.

An einem schönen Sommertag solltest du unbedingt raus nach Fürstenberg fahren. Der historische Stadtkern lockt mit breiter Oderpromenade und Cafés – im Städtischen Museum gibt es ab und zu sehenswerte Ausstellungen moderner Kunst. Ein Stückchen weiter in den Oderwiesen findest du eine gesprengte Brücke, die im Fluss steht: Gerade im Winter mit den „Brieger Gänsen“ – den runden Schneeschollen im Wasser – ein wundervoller Anblick.

Eisenhüttenstadt: Anreise und Mobilität

Eisenhüttenstadt liegt anderthalb Stunden Zugfahrt von Berlin-Ostkreuz entfernt. Mit dem Auto bist du aus Nordberlin in etwas mehr als einer Stunde vor Ort. Setz dich am Bahnhof in einen Bus der Linie 454 – er fährt dich einmal durch die Wohnkomplexe V und VI zum Rathaus, von wo aus du zu Fuß die denkmalgeschützten WK I bis III erkunden kannst. Eisenhüttenstadt ist sehr weitläufig und der Bus fährt nur eingeschränkt, bring dir also am besten selbst ein Fahrrad oder einen E-Scooter mit.

Tipps: Übernachten in Eisenhüttenstadt

Eine Wohnung mit DDR-Flair im größten Flächendenkmal Deutschlands, Dreisternekomfort mit Restaurant und Sauna oder schlafen vor dem barocken Kloster im nahe gelegenen Neuzelle – in Eisenhüttenstadt und Umgebung hast du die Qual der Wahl. Nur bei Couchsurfing und Airbnb brauchst du sehr viel Glück, das Angebot ist mit 73 Gastgebern mehr als knapp.