Die Ostsee zeigt sich von ihrer bockigen Seite, sobald der Hafen von Peenemünde am Horizont kleiner wird. Der Wind stürmt, die Wellen schäumen, das Schiff schaukelt. Die „MS Seeadler“ nimmt Kurs aufs offene Meer.

Noch gleitet sie an der Küste Usedoms entlang, bis die letzten Konturen entschwinden. Unter Deck duftet es nach Friesentee, es ist wohlig warm. Die steife Ostseebrise muss draußen bleiben, bis das Ziel wie ein kleiner Punkt in der Ferne auftaucht: die Greifswalder Oie.

Greifswalder Oie: Geheime Insel zwischen Usedom und Rügen

Ein schmaler Streifen Land, gerade mal 1.550 Meter lang und zwischen 350 und 570 Meter breit, zwölf Kilometer vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns zwischen Usedom und Rügen: Hier liegt die Greifswalder Oie (Oie bedeutet auf Niederdeutsch „kleine Insel“ und wird „Oi“ ausgesprochen), das am besten gehütete Geheimnis der Ostsee.

Der schmale Landstreifen in der Ostsee ist ein Paradies für Ornithologen.

Nur ein Seenotrettungskreuzer sowie die „MS Seeadler“ dürfen hierher Kurs nehmen. Das Fahrgastschiff darf mit jeder Fahrt maximal 50 Passagiere auf die Insel bringen. Denn auf der Oie leben keine Menschen, sondern Vögel. Die Greifswalder Oie ist ein streng bewachtes Vogelschutzgebiet.

Als die Konturen der Insel immer schärfer werden, machen sich zwei bärtige Typen zum Aussteigen bereit, zwischen ihnen eine Kiste mit Hotdogs und Bier. Einen Kiosk eröffnen sie allerdings keinen auf der Insel. Die beiden sind Vogelkundler, Hotdogs und Bier sind die Verpflegung für die nächsten Tage.


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Ihre Aufgabe: Vögel fangen, beringen und Daten über den Zustand der Tiere sammeln. Die Ergebnisse werden mit denen anderer Beringstationen europaweit verglichen. So lassen sich Angaben über Zugrouten, Verbreitung und Population der Arten vergleichen und Veränderungen aufzeigen. 

Lost Place Greifswalder Oie: Eine Insel voller Geschichte

Zu DDR-Zeiten war die Greifswalder Oie Sperrgebiet. NVA-Soldaten waren hier stationiert und lauschten Richtung Westen. Heute erzählen nur verfallene Gebäude von einst: eingestürzte Garagen, in denen die Abhörfahrzeuge geparkt waren, alte Maschinenhallen, Bunkerreste. Ein Paradies für Fans von Lost Places.

Nur noch Ruinen erinnern an die einstigen Abhöreinrichtungen zu DDR-Zeiten.

Raketenwissenschaftler des Dritten Reiches testeten auf der Insel die erhoffte Wunderwaffe V1. Heute sind auf der Greifswalder Oie die Vögel an der Macht. Seit 1990 betreibt der Verein Jordsand einen der wenigen ganzjährig besetzten Außenposten.

Pro Jahr beringen Vogelkundler etwa 20.000 Vögel aus 166 Vogelarten. Neben ihnen leben auch immer wieder Zivis und Jugendliche auf der Oie, die ein Ökologisches Jahr absolvieren.

Greifswalder Oie: Geöffnet für Besucher

Eben weil die Greifswalder Oie so klein ist, hat man sie schnell umrundet. Die Wege führen über grüne Wiesen und durch saftig grüne Wälder. Plötzlich riecht es intensiv nach Knoblauch; an einer Stelle im Wald wächst so viel Bärlauch, dass man sich in einem italienischen Restaurant wähnt und nicht auf einer einsamen Insel.

Neben Vogelkundlern kommen auch Bärlauch-Fans voll auf ihre Kosten.

Zwischendurch ertönt ein lautes „Mäh“. Denn nicht nur Vögel leben auf der Greifswalder Oie, sondern auch rund 100 Rauwollige Pommersche Landschafe.

Da die Insel über mehrere Jahrzehnte nicht landschaftlich bewirtschaftet war, bestand die Gefahr, dass die Flächen verbuschen und von Wald bedeckt werden. Die Beweidung durch die Schafe soll einen Ausgleich schaffen.

Schafe erledigen einen wichtigen Job auf der Insel.

Spektakulärer Ausblick vom Leuchtturm über die Oie und die Ostsee

Das Highlight – wortwörtlich! – befindet sich am Ende des Weges. Hier thront stolz der östlichste deutsche Leuchtturm, er ist 38,6 Meter hoch. Und es gibt noch einen Superlativ: Der Leuchtturm ist der lichtstärkste Leuchtturm in Mecklenburg-Vorpommern und der einzige mit linksdrehendem Licht.

Der östlichste Leuchtturm Deutschlands steht auf der Greifswalder Oie.

Es sendet alle 3,8 Sekunden einen Blitz von 0,2 Sekunden Dauer aus. Besucher der Insel dürfen bis an die Spitze klettern, insgesamt 176 Stufen sind zu erklimmen. Dann zeigt sich die Schönheit der Oie mit voller Wucht.

Wie ein Gemälde mit sattgrünen, hellblauen und wolkenweißen Farben breitet sich die Greifswalder Oie und die Weite der Ostsee unter einem aus, jeder Augenblick ist ein neues Staunen.

Nach zwei Stunden tutet auf der „MS Seeadler“ ein Horn. Abfahrt nach Peenemünde, alle an Board. Nur die Ornithologen dürfen bleiben und ihre Freunde, die Vögel.