Obwohl es am späten Nachmittag merkbar kühler geworden ist, sitzt Jackson Pears White mit einem halben Pint Stout Beer nicht im geheizten Wintergarten des Brighton Pier, sondern auf einem Stuhl auf der kleinen Außenterrasse.

Vor dem Abendhimmel über dem Ärmelkanal, den die untergehende Sonne in ein erst gelbes, dann orangefarbenes und schließlich rötliches Licht einfärbt, ist ein Schauspiel zu bewundern: Tausende Stare fliegen in wellenförmigen Schwärmen über dem Wasser, ändern wie auf ein geheimes Kommando synchron die Richtung, verlieren sich in kleineren Gruppen und finden sich bald darauf wieder zu größeren zusammen.

Der Tanz der Vögel, den sie hier Starling nennen, wirkt zweckfrei, ist er aber nicht. „Sie schützen sich so in der Gruppe vor Greifvögeln“, sagt White. 

Brighton war einst ein mondänes Seebad

Brighton? Der einstige Fischerort mit dem damaligen Namen Brighthelmstone wuchs seit dem 19. Jahrhundert zu Englands erstem und mondänstem Seebad. Viele Deutsche kennen es von Sprachreisen aus Jugendzeiten und haben ein anderes Bild vor Augen – das eines in die Jahre gekommenen Ortes, in dem Einheimische in Liegestühlen an der Strandpromenade die inoffiziellen Landesmeisterschaften im Sonnenbrand austragen, ihr Geld auf dem Pier in Spielautomaten stecken oder auf die passende Zahl beim Bingo hoffen.

Zur Erinnerung gehört auch, dass man die Frage, ob man zu seinen Fish and Chips Vinegar (also Essig) haben wollte, leichtsinnigerweise mit Ja beantwortet hat. Brighton stand irgendwie für gestrig. Und dann noch im Winter.

In den Wintermonaten gehört die Promenade von Brighton und Hove Spaziergängern, Radfahrern und Joggern.

Die Stare wissen es besser. Sie ziehen nicht wie ihre mitteleuropäischen Artgenossen in den Süden, sondern bleiben vor Ort. Dank Insellage und Golfstrom ist es auch in der dunklen Jahreszeit mild genug, um sich die lange Reise zu sparen. Natürlich fehlt der berühmte britische Regen in allen seinen Darreichungsformen nicht, aber es gibt auch genügend Sonnenstunden und Temperaturen, die selbst im Januar um die fünf Grad liegen.

Brighton boomt wieder

Jackson Pears White, der im Londoner Stadtteil Camden lebt, weiß es auch besser. Er hat einen Zahnarzttermin gehabt und gleich ein langes Wochenende in der südenglischen Küstenstadt drangehängt. „Brighton ist wie London an der See. Es ist weit genug weg, um der Hauptstadt zu entfliehen, und doch nah dran. Man hat das Gefühl, zu Freunden zu kommen“, sagt er.

White hat schon überlegt, dauerhaft an die Küste zu ziehen. „Aber die Immobilienpreise sind teilweise auf Londoner Niveau“, erzählt er. Brighton boomt wieder.

Der Aussichtsturm British Airways i360 ist der höchste des Landes. Die verglaste Aussichtskanzel fährt bis zu einer Höhe von 138 Metern.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, geht zum Aussichtsturm British Airways i360 an der Strandpromenade. Das futuristisch anmutende Bauwerk steht am West Pier, den ein heftiger Sturm im Jahr 2004 zusammenbrechen ließ.

Übrig geblieben ist von dem denkmalgeschützten Bauwerk noch vorgelagert im Wasser das Stahlgerippe, das den Pierkopf trug. Auf der Landseite errichteten sie von 2014 an den Turm. Zur Eröffnung 2016 kam Prince Charles und ließ sich in der gläsernen, für 200 Passagiere ausgelegten Gondel auf 138 Meter Höhe fahren.

British Airways i360: Beste Sicht in 138 Metern Höhe

Es gibt eine Bar, auch Partys, Kunstaktionen oder Yogakurse bieten sie da oben an. Die meisten aber fahren mit, um die Aussicht zu bewundern. Bei klarer Sicht reicht der Blick bis zu 40 Kilometer weit auf die Küste mit der Isle of Wight und dem nahen Hove im Westen, das 2001 mit Brighton zusammengeschlossen wurde.

Brighton selbst mit seinem kilometerlangen Kieselsteinstrand liegt zu Füßen, die Hügelketten der South Downs erstrecken sich im Hinterland. Im Osten erscheint die Landspitze Beachy Head bei Eastbourne mit ihren Kreidefelsen. Oder man blickt einfach hinaus auf die See.

Acht Millionen Touristen zählt Brighton, das es zusammen mit Hove auf rund 250.000 Einwohner bringt, im Jahr. „Die Stadt eignet sich zu jeder Jahreszeit für einen Trip. Es gibt hier keinen Winterschlaf“, sagt Katie Weeks vom Tourismusbüro.

Während der Wintermonate fehlen die Badetouristen. Das hat aber den Vorteil, dass die Radfahrer, Jogger und Spaziergänger auf der Promenade genügend Platz haben, um ihrem Bewegungsdrang in der frischen Seeluft nachzugehen.

Verkehrte Welt am Strand von Hove vor den Überbleibseln des West Pier: Das auf dem Kopf stehende Haus kann man besichtigen.


Die Strandseite wurde in der jüngeren Vergangenheit umgekrempelt zu einem Quartier mit Ateliers, Clubs, Bars, einem Strandsportcenter und Spielplätzen. Der vor 120 Jahren im viktorianischen Stil erbaute, mehr als 500 Meter lange Brighton Pier brummt ohnehin an 365 Tagen im Jahr. Mit seinen Restaurants, Bars, Spielhallen, Kiosken und Karussells ist er eine Art Jahrmarkt auf Stelzen.

Besuch des Dome gehört zum Pflichtprogramm

Brighton hat zahlreiche Museen, Galerien und Theater zu bieten. Unbedingt auf der Liste der Unternehmungen für Reisende sollte ein Besuch im Dome stehen. Der ist keine Kirche, sondern der berühmte Konzertsaal der Stadt.

„Er wurde 1808 eigentlich als Pferdestall vom Royal Pavilion gebaut, bis dem Königshaus auffiel, dass der Stall größer war als der Palast“, sagt Sprecherin Sue Bradburn. Also wurde er zu einem Veranstaltungssaal umgebaut, dessen Charme klassisch wirkt. Es gibt Pop-, Rock- und Klassikkonzerte, auch Filmfestivals stehen im Programm.

Weil der Prince of Wales und spätere König Georg IV. sich den Royal Pavilion als eine Art Lustschloss an der See erbauen ließ, wurde Brighton einst zu einem mondänen Seebad.

Hier gewann Abba den Grand Prix

Aufgetreten sind hier regelmäßig Größen wie Pink Floyd, Elton John oder David Bowie. 1974 stand eine Band aus Schweden namens Abba beim Grand Prix d’Eurovision auf dieser Bühne, sang den Hit „Waterloo“ und gewann damit den Wettbewerb. Was danach kam, ist Musikgeschichte. Derartige Augenblicke kann man sich bei einer Führung durch den Dome in Erinnerung rufen. Dann sieht man auch, dass Künstlergarderoben gar nicht so opulent sein müssen, wie man immer denkt.

The Lanes ist Shoppingviertel

In direkter Nachbarschaft zu Pavilion und Dome liegt der historische Ortskern, das Viertel The Lanes. In den schmalen, verwinkelten Gässchen und der sich anschließenden North Lane gibt es Hunderte von Geschäften, die mit dem Markeneinerlei aus anderen Fußgängerzonen nichts gemein haben. Designer- und Secondhandmode, Antiquitäten und Schmuck, Musikalien und Bücher, Kunst und Trödel sind im Angebot. Zu den augenfälligsten Beispielen für Individualität zählt ein vegetarisches Schuhgeschäft.

Im früheren Fischerviertel The Lanes in Brighton gibt es in Hunderten von Läden nichts, was es nicht gibt.

Brighton ist die liberalste Stadt Englands.

Jackson Pears White, Besucher aus London

„Brighton ist die liberalste Stadt Englands“, sagt Jackson Pears White. Das Seebad gilt unter anderem als die Schwulen-und-Lesben-Hauptstadt der Insel. Angeblich gibt es hier bezogen auf die Einwohnerzahl mehr Tanzclubs und Diskotheken als irgendwo sonst im Vereinigten Königreich. Verhungern und verdursten muss auch keiner. Einer groben Schätzung zufolge besteht Auswahl zwischen rund 400 Restaurants aller Preisklassen und Pubs.

In den Druids Head kam schon Jack the Ripper

Schon die Lanes haben eine Menge davon zu bieten, zum Beispiel den Pub Druids Head am Brighton Place. Hier soll angeblich der Frauenmörder Jack the Ripper übernachtet haben, was die Gäste im meistens gut gefüllten Schankraum aber nicht weiter stört. Man kommt von draußen ins Warme und, wenn man kein ausgemachter Eigenbrötler ist, sofort ins Gespräch – Wetter geht immer. Und man ahnt, was Jackson Pears White meint, wenn er vom Gefühl spricht, mit einem Trip nach Brighton zu Freunden zu kommen.

Tipps für deine Reise nach Brighton

Anreise: Mit dem Flugzeug über London. Nächstgelegener Flughafen zu Brighton ist Gatwick; den etwa Easyjet von Hamburg aus anfliegt. Von dort aus dauert eine Zugfahrt rund 40 Minuten. Auch Linienbusse verkehren zwischen dem Airport und der Küstenstadt. Wer mit dem Auto anreisen will, nimmt die Kanalfähre zwischen dem französischen Calais und Dover. Mit einem Mietwagen ist Brighton von Gatwick aus in etwa 45 Minuten über die A 264 und die A 23 erreichbar.

Einreise: Bis zum Ende des Jahres reicht für Deutsche nach Angaben des Auswärtigen Amtes trotz Brexit ein Personalausweis.

Beste Reisezeit: Ganzjährig; es kommt darauf an, was man unternehmen und erleben möchte. Für einen Badeurlaub ist die Zeit zwischen Mitte Juni und Mitte September geeignet – mit allen Unwägbarkeiten, die das britische Wetter mit sich bringt.

Unterkünfte: Gibt es wie Kiesel am Strand in allen Kategorien und Preisklassen. Wer es klassisch britisch und mondän mag, kann eines der Hotels aus viktorianischer Zeit an der Promenade wie etwa das 1864 eröffnete The Grand wählen.

Attraktionen:Royal Pavilion: 4/5 Pavilion Buildings, Brighton. Geöffnet: Oktober bis März täglich 10 bis 17.15 Uhr. April bis September 9.30 bis 17.45 Uhr. Eintritt: 15 Pfund für Erwachsene, 9 Pfund für Fünf- bis 18-Jährige.
Konzert- und Veranstaltungshalle Brighton Dome: Church Street, Brighton.
British Airways i360: Der Aussichtsturm am West Pier des Brighton Beach hat ganzjährig geöffnet. Die Öffnungszeiten variieren. Sie sind immer auf der Website erhältlich.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Brighton. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.