Was für eine Kulisse! Die Sonne lässt die Natur leuchten. Die Dünen wirken weiß wie Schnee, Schilf und Weiden sind in ein sattes Grün getränkt – und im Hintergrund trägt die rauschende Ostsee weiße Wellenkämme an den menschenleeren Strand. Pramort nennt sich die östlichste Spitze der vorpommerschen Halbinsel Zingst – eine jagdfreie Zone, wo in jedem Frühjahr und im Herbst Tausende Kraniche rasten.

Bis zu 70.000 Kraniche kommen in die Region

„Zählt man die Rastplätze auf den nahen Inseln Werder und Bock mit dem größten Windwatt an der deutschen Ostseeküste, den Kirr im Barther Bodden und die Westküste Rügens hinzu, sind es in manchen Jahren sogar bis zu 70.000 dieser beeindruckenden Tiere, die sich in dieser Region aufhalten“, sagt Sylvia Juhnke.

Sie ist seit 20 Jahren Wanderführerin und kennt den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft wie ihre Westentasche. Zusammen mit nur einer Handvoll Gästen durchstreift sie auf Naturerlebnistouren entlang markierter Wege und Holzstege das wohl bedeutendste Kranich-Rastgebiet Zentraleuropas. Viele Besucher kommen jedes Jahr wieder – sie haben den Kranich-Virus, wie es heißt.

Im Herbst wird Pramort zur Schutzzone

Im März und April und später von Mitte September bis Ende Oktober wird Pramort zu einem wahren Luftkreuz des Nordens. Dann rasten die Globetrotter der Lüfte hier für ein paar Wochen, um für den Flug aus den Winterlagern in Nordafrika, Spanien oder Südfrankreich nach Skandinavien oder ins Baltikum Kraft zu tanken. Im Herbst ist der Andrang naturinteressierter Besucher besonders groß. Dann wird Pramort zur Schutzzone I erklärt, in der ab 15 Uhr nur mit einer kontingentierten Nationalpark-Card Eintritt gewährt wird.

Den Tag über verbringen die stolzen Vögel im Hinterland der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, um sich auf den Feldern satt zu fressen. Mit der Dämmerung ziehen sie dann aufgereiht wie an langen Perlenketten, mit schmetternden Trompetenrufen und erhabenen Flügelschlägen zu ihren Schlafplätzen in die geschützten Uferzonen zwischen Meer und Bodden. Ein unvergleichliches Open-Air-Spektakel.

Wanderführerin Sylvia Juhnke führt seit knapp 20 Jahren Gäste durch den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft.


„Wir haben Glück, es ist Ostwind“, sagt Sylvia Juhnke, „dann nämlich müssen sie gegen den Wind ankämpfen, sie fliegen langsamer und wir sehen sie besser.“ Alle nicken und richten den Blick nach oben.

Und tatsächlich, da gleiten sie in keilförmigen Flugformationen heran – erst ein paar Dutzend, dann sind es Aberhunderte. Rasch schlüpfen wir in die Beobachtungshütte, damit sich die scheuen Vögel beim Anflug nicht gestört fühlen.

Kraniche können bei guten Winden ungemein weit fliegen. Nachgewiesen wurden bereits Flüge von 2.100 Kilometern in nur 24 Stunden.

Sylvia Juhnke, Wanderführerin


„Kraniche können bei guten Winden ungemein weit fliegen“, erzählt Sylvia Juhnke, „nachgewiesen wurden bereits Flüge von 2.100 Kilometern in nur 24 Stunden.“ Wir staunen immer mehr über diese fast 1,30 Meter großen Vögel, die in Einzelfällen bis zu 40 Jahre alt werden können und ihrem Partner ein Leben lang treu bleiben. Wir erfahren, dass sie in großen Gruppen stehend im Flachwasser schlafen und ungemein wachsame Tiere sind.

Das Frühjahr ist Balzzeit

In der Mythologie gelten sie daher auch als Wächtervögel. „Man sagt, der Kranich hat an jeder Feder ein Auge“, ergänzt Jens Bassek, der als Nationalpark-Ranger die Kranich-Besucher in Pramort betreut. „Schaut mal durch mein Spektiv“, sagt er. Und siehe da: Die Kraniche scheinen miteinander zu tanzen. Mit geöffneten Flügeln hüpfen sie rhythmisch umeinander herum, nicken mit dem Kopf und trompeten sich an, als wollten sie sagen: Schau her, hier bin ich! „Das Frühjahr ist Balzzeit, in der die Tiere mit ihren fantasievollen Gebärden auf Partnersuche gehen“, sagt Sylvia Juhnke.

Schon immer waren die Völker von diesem wundersamen Vogel angetan. Für die Germanen symbolisierte er Glück, für die Chinesen ein langes Leben, den Indern war er gar gottgleich.

Umso mehr freuen sich viele Einheimische, dass immer mehr dieser prachtvollen Zweibeiner in der Region bleiben, hier ihren Nachwuchs bekommen und sogar überwintern. Für den Tourismus Mecklenburg-Vorpommerns ist der Kranich wahrlich ein Glücksfall, verlängert er die Saison doch um viele Wochen im Jahr, dann wenn Tausende Vogelfreunde mit Kameras und Feldstechern an die Ostsee reisen, um König Kranich ihre Aufwartung zu machen.

Die Hirsche locken viele Fotofans in die Region

Doch die Konkurrenz schläft nicht – und sie ist nicht weit. Der Rothirsch, der sich außer in Pramort vor allem am Darßer Ort, der nördlichsten Landzunge der Halbinsel Darß, aufhält, ist ein Motiv, das vor allem Fotofreunde anlockt. Weil auch diese Nehrung jagdfrei ist, ist der König des Darßes selbst hier tagsüber zu beobachten, wenn er über die Dünen und Sandbänke und durch die Schilfgürtel streift.

Hirsche in der Nähe von Zingst: Vor allem zur Brunftzeit zieht es zahlreiche Fotofreunde aus ganz Deutschland auf die Halbinsel.


Der ehemalige Nationalpark-Ranger Friedemann Bartz hat hier sein zweites Zuhause gefunden. Wenn er erzählt, kommt er rasch ins Schwärmen über die Schönheit und Entstehung der Ostseeregion, über die Vögel oder Pflanzen, die hier zu Hause sind – und natürlich über den Rothirsch.

„Bis zu 20 Jahre alt kann so ein Exemplar werden. Allerdings kann man an der Zahl der Geweihenden nicht das Alter ablesen“, klärt uns der gelernte Forstwirt auf. Ein paar Schritte weiter zeigt er auf eine abgeknickte Krüppelkiefer. „Schaut, da hat ein Junghirsch seine überschüssigen Hormone abreagiert.“

Und plötzlich entdeckt er durch sein Fernglas eine Geweihspitze hinter der Düne. Dann steht er da, rund 250 Meter entfernt: ein 24-Ender, ein echtes Kraftpaket.

In der Brunftzeit kommt es zu Hirschkämpfen

„Vor allem in der herbstlichen Brunftzeit kann es zu Kämpfen zwischen Platzhirsch und Herausforderer um den Harem kommen“, erzählt Bartz. Das sei ein wahres Schauspiel: Zuerst nehmen die Konkurrenten Witterung auf. Nähert sich der Rivale, wird er durch lautes Röhren gewarnt. Gibt der Gegner nicht auf, stolzieren die Duellanten im Paarlauf nebeneinander her und imponieren sich mit ihren Breitseiten.

Kommt es schließlich zum Kampf, kann der bis zu einer Stunde dauern, bis einer entkräftet aufgibt. „Kein Wunder, wenn ein 220-Kilo-Hirsch in der Brunft schon mal 30 Kilo verliert“, lässt uns Bartz staunen, der am liebsten den ganzen Tag hier verbringen würde. Seine Frau, so gibt er zu, habe ihm schon einen Rat gegeben: sein Bett am Leuchtturm Darßer Ort aufzuschlagen.

Tipps für deine Reise nach Zingst

Anreise: Per Auto auf der A 19 oder A 20, weiter auf der B 105 über Barth nach Zingst. Mit dem Zug bis Rostock oder Stralsund, weiter bis Ribnitz-Damgarten oder Barth und dann mit der Buslinie 210 nach Zingst. Pramort ist für den Autoverkehr gesperrt, und entweder zu Fuß, mit dem Rad oder der Pferdekutsche zu erreichen. Hier sowie am Darßer Ort sind die markierten Wege unbedingt einzuhalten.

Beste Reisezeit: Zur Kranichbeobachtung Anfang März bis Anfang April sowie Mitte September bis Ende Oktober; zur Hirschbeobachtung ganzjährig, speziell zur Brunft von Mitte September bis Anfang Oktober.

Unterkünfte: Zingst bietet eine Vielzahl an Hotels aller Kategorien sowie Pensionen und Ferienwohnungen. Zu empfehlen ist nahe Pramort das Hotel Schlösschen Sundische Wiese (Doppelzimmer ab 99 Euro) und für Familien das moderne Hostel Haus 54 (Doppelzimmer ab 55 Euro).

Touren: Außer geführte Touren zu Lande bieten Reedereien Beobachtungsfahrten auf den Boddengewässern ab Zingst, Prerow oder Barth an.

Für Fotofans: Das Seeheilbad Zingst hat sich mit dem Umweltfotofestival Horizonte einen internationalen Ruf als Gastgeber für Naturfotografen erworben. Jährlich lädt der Ort zu rund 150 Fotoworkshops, mehr als 40 Fotoausstellungen und Fotomarkt ein. Das Festival Horizonte findet 2020 vom 16. bis 24. Mai statt. Für geführte oder individuelle Fotosafaris kann man sich an mehreren Stationen in Zingst Profikameras kostenlos ausleihen.

Weitere Informationen: Kur- und Tourismusinformation, Seestraße 56/57, 18374 Zingst, telefonische Buchungen von Exkursionen unter Telefon (03 82 32) 8 15 80.