Zeit ist Geld, das sagen meistens Menschen, die besonders viel arbeiten. In Russland gibt es aber ein Café, das dem Sprichwort eine völlig neue Bedeutung verleiht. Denn im Café Ziferblat in Moskau zahlen die Gäste nicht für das, was sie trinken und essen, sondern für die Zeit, die sie vor Ort verbringen. 

Wer sich also in das ungewöhnliche Café verirrt, zahlt Eintritt. Eine Stunde kostet rund vier Euro, wer sich offen lassen möchte, wie lange er dort bleibt, zahlt knapp acht Euro. Die Gäste bekommen dann einen Retrowecker auf den Tisch gestellt, der sie begleiten soll.

Dann heißt es: sich treiben lassen, die Zeit genießen. Während der Zeit im Café sind alle Getränke und Speisen kostenlos. Und die Zeit vergeht langsam im Café Ziferblat. 

Retro-Sessel und volle Bücherregale

Denn die Einrichtung erinnert an ein gemütliches Wohnzimmer: Die Gäste tummeln sich auf gut eingesessenen Sofas und Hockern, plaudern miteinander oder lesen konzentriert ein Buch. So jedenfalls lassen es Fotos vermuten, die im Internet von der ungewöhnlichen Location existieren.

Und weil das Konzept bei den Moskauern so gut ankommt, hat der Betreiber gleich zwei Zeitcafés in Moskau eingerichtet: eines im Stadtteil Kitai-Gorod, in einem Hinterhof gelegen.

Das andere steht an der belebten Tverskaja-Straße. Laut Website gibt es mittlerweile dank eines Franchise-Systems außerdem fünf weitere Cafés, in denen die Zeit Geld wert ist. Auch in London gab es vorübergehend ein Zeitcafé, das allerdings 2018 wieder geschlossen wurde. 

Abwaschen musst du selbst

Vielleicht sind die Londoner einfach noch nicht bereit für die Art Entschleunigung, die sich Betreiber Ivan Meetin vorstellt. Denn sein Ziel ist ein ganz klares: Entschleunigung statt Konsumkultur. „Die Gäste werden zu Mietern auf Zeit“, erklärt er dem „GEO-Magazin“ das Konzept. Das heißt aber auch: Getränke und Speisen holt man sich selbst, Brettspiele und Bücher auch – und am Ende muss auch alles selbst wieder aufgeräumt werden, inklusive Abwasch. 

Ruhepol für Freiberufler

Das führe bei einigen Gästen zunächst zwar zu Verwunderung, aber die meisten wüssten schnell zu schätzen, wie es im Zeitcafé zugeht. Glaubt man den Google-Rezensionen, so ist der Ort vor allem für Freiberufler ein guter Ruhepol. So schreibt etwa eine Besucherin: „Sehr schöne Atmosphäre, hier konnte ich richtig kreativ sein.“ Allerdings fühlt sich offenbar nicht jeder Gast direkt wohl in dem Anti-Café.

Eine Besucherin etwa kritisiert vor allem das Mobiliar: „Es ist, als käme man in eine alte Wohnung mit alten Möbeln (…).“ In einer Sache aber sind sich am Ende wohl die meisten der Gäste einig: Das Café Ziferblat ist etwas anders als die üblichen Kaffeehäuser.