Kreuzfahrt statt Altersheim: Europas erstes Seniorenresidenz-Schiff

Kreuzfahrt statt Altersheim: Europas erstes Seniorenresidenz-Schiff

Dauerhaft auf dem Kreuzfahrtschiff leben – das deutsche Start-up Ted Cruises will die erste schwimmende Seniorenresidenz Europas realisieren. Wir waren zu Besuch auf dem Altersheim-Kreuzfahrtschiff „FT Calea“.

Die „FT Calea“ liegt am Tag der offenen Tür im niederländischen Grave.
Die „FT Calea“ liegt am Tag der offenen Tür im niederländischen Grave.

Foto: Leonie Greife/unsplash.com (Montage)

Mit großen Kreuzfahrtschiffen, auf denen Tausende Passagiere über die Weltmeere schippern, hat die „FT Calea“ nichts zu tun. Kleiner und intimer wirkt das Flusskreuzfahrtschiff, auf dem bald zwischen 50 und 100 Menschen dauerhaft wohnen sollen. Noch versprüht das Schiff den Charme vergangener Tage. Doch wenn es im Spätsommer oder Herbst – so der Plan – zum ersten Mal als Seniorenresidenz ablegt, soll es von innen deutlich moderner sein.

Wie ihr künftiges Zuhause einmal aussehen wird, müssen sich die potenziellen Bewohner an diesem Tag der offenen Tür also größtenteils vorstellen. Die Einrichtung ihrer Kabine können sie mit einem Inneneinrichter individuell planen: Teppich, Gardinen, Möbel – sie entscheiden, womit sie sich wohlfühlen. Auch eigene Möbel dürfen mit an Bord. „Der Lieblingssessel kann natürlich mit“, sagt Inneneinrichterin Sarah Rüskes von Pro Office im Gespräch mit dem reisereporter.

Video-Rundgang: Das erwartet die Bewohner auf dem Seniorenresidenz-Kreuzfahrtschiff 

Wer aufs Altersheim-Kreuzfahrtschiff zieht, hat Gestaltungsfreiraum

Die Größe der Kabine ist ebenfalls flexibel: Es gibt rund elf Quadratmeter große Einzelkabinen und Doppelkabinen mit 22 oder 33 Quadratmetern Fläche. Auf insgesamt zwei Decks verteilen sich die Wohnräume, von denen es später rund 50 bis 60 geben soll.

Daneben finden sich ein kleiner Sauna- und Wellnessbereich, eine Lounge, ein Fitnessraum und ein Restaurant mit Showküche, in der Kochbegeisterte auch selbst ihre Lieblingsgerichte kochen oder backen können.

Müssen tun sie das aber nicht. Denn wer sich auf dem Altersheim-Kreuzfahrtschiff einmietet, genießt den Rundum-Service eines Kreuzfahrtschiffs: Zimmerservice, Vollpension, viel Zeit für Entspannung und zum Entdecken der Reiseziele. Die Route können die Bewohner nach ihren Wünschen mitgestalten.

An rund 150 Tagen im Jahr wird die „FT Calea“ zwischen Köln und Bonn auf dem Rhein liegen. Allerdings nicht am Stück, denn immer wieder bricht das schwimmende Altersheim zu Kreuzfahrten auf den Flüssen Europas auf. Das Konzept ist darauf ausgelegt, dass Freunde und Familie immer an Bord willkommen sind, ob für Tagesbesuche oder um Teilstrecken der Flusskreuzfahrten zu buchen. 

Betreutes Wohnen auf dem Kreuzfahrtschiff: Senioren ja, Pflegefälle nein

Doppelkabine mit Panorama-Fenstern.
Für die Doppelkabinen werden zwei Einzelkabinen miteinander verbunden. Foto: Pro Office

„Ich würde sofort meine Wohnung aufgeben und hier aufs Schiff ziehen“, sagt Jörg Kobelt. Der 65-Jährige besichtigt die „FT Calea“ gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Noch hat sich das Trio aber nicht entschieden. Dazu müssen noch einige Fragen geklärt werden: von der Finanzierung bis zur medizinischen Versorgung. 

Denn Jörgs Frau Margarethe Morsbach hat ein Lipödem, sie muss zweimal wöchentlich zur Lymphdrainage. Auch solche Fälle seien aber realisierbar, versichert Ben Vrijdaghs. Gemeinsam mit Thady Thömmes gehört er zum Gründungsteam des Unternehmens Ted Cruises, das hinter der „FT Calea“ steckt. 

Impressionen von der schwimmenden Seniorenresidenz

Den beiden ist besonders wichtig, individuell auf die Bedürfnisse der Bewohner einzugehen, den Menschen zu zeigen, dass man sich um sie kümmert. Doch sie betonen: „Wir sind kein Pflegeheim, sondern betreutes Wohnen mit Pflegefachkräften an Bord.“ Pflegefälle können nicht mitfahren, dafür gebe es sowohl personell als auch von den räumlichen Gegebenheiten her keine Möglichkeiten.

Kennengelernt haben sich Thady und Ben – wie sollte es anders sein – auf einer Kreuzfahrt. Dort hat Thady Ben die ungewöhnliche Idee für ein schwimmendes Altersheim vorgestellt. 2011 ging der 23-Jährige das erste Mal an Bord, seitdem war er schon 97-mal auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Die Leidenschaft für diese Art des Reisens und der Pflegenotstand in Deutschland sind zwei Motoren, die das Duo in den letzten Jahren angetrieben haben, ihre Idee umzusetzen. 

Auf der „FT Calea“ kümmert sich ein Betreuer um zwei bis drei Gäste – ein Schlüssel, der in anderen Einrichtungen kaum erreichbar ist. Kein Wunder, dass bei dem Team schon zahlreiche Bewerbungen von Altenpflegern eingegangen sind, die sich dort einen angenehmeren Arbeitsalltag erhoffen – und gleichzeitig unterwegs sein wollen. 

Das kostet eine Kabine in dem schwimmenden Altersheim

So eine Betreuung wünschen sich viele für ihre Zeit im Ruhestand. Man muss sie sich aber auch leisten können. Wer auf das Flusskreuzfahrtschiff ziehen will, muss zwischen 29.000 und 120.000 Euro für die Einrichtung der Kabine und die Renovierung des Schiffes zahlen. Dazu fallen monatlich mindestens 2.100 Euro Miete pro Person an (bei Doppelbelegung in der einfachsten Zimmerkategorie).

Kleinste Kabine auf dem Flusskreuzfahrtschiff „FT Calea“.
In den kleinsten Kabinen ist nur Platz für ein schmales Bett und einen Stuhl. Foto: Pro Office

Trotzdem sind die Bewohner nicht bis ans Lebensende an das Schiff gebunden. Wer wieder ausziehen möchte, bekommt innerhalb von 15 Jahren nach Einzug die Anfangsinvestitionen anteilig erstattet. Wann die „FT Calea“ genau in See sticht, steht noch nicht fest. Bevor mit den Umbauarbeiten begonnen wird, müssen sich für alle Kabinen Käufer gefunden haben. Sie zahlen erst, wenn die Renovierung beginnt und sicher ist, dass das Projekt auch tatsächlich umgesetzt wird. 

FT steht für „Flusstraum“, Calea bedeutet „Glück voller Freude“. Ob ein Leben an Bord diesem Namen gerecht wird? Um das herauszufinden, müssen die zukünftigen Bewohner mutig sein und das Abenteuer Kreuzfahrt statt Altersheim wagen.

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