Der ausrangierte Diktator steht auf einem Hinterhof. Er ist nicht allein auf dem Gelände der Nationalgalerie: Neben Enver Hodscha reihen sich auf ihren Sockeln überlebensgroße Statuen von Stalin und Lenin. Dazwischen wirkt Hodschas Abbild im Zentrum von Tirana geradezu bescheiden. Tatsächlich hat sich der kommunistische Machthaber in Albanienüber vier Jahrzehnte gottgleich gebärdet.

Jemand hat der Hodscha-Figur einen gezielten Haken verpasst: Die steinerne Nase fehlt dem Herrscher, der die Bevölkerung knechtete, Religionen verbieten, die Menschen sich gegenseitig ausspähen und ganze Familien in Gefängnissen verschwinden ließ.

Dem Diktator fehlt die Nase: Enver Hodscha (und manch anderer Politiker von zweifelhaftem Ruf) ist auf einem Hinterhof in Tiranas Zentrum entsorgt worden.


Diktatoren auf einen Hinterhof zu verbannen, heilt keine schmerzenden Wunden der Geschichte. Doch hat Albanien mit einiger Verzögerung inzwischen begonnen, sich der Vergangenheit zu stellen.

Da gibt es zum Beispiel die Ausstellung „Bunk’Art 2“ direkt hinter den Ministeriumsgebäuden. Durch einen Bunker steigen Besucher in den Untergrund: In diesen Tunneln hatte einst die gefürchtete Geheimpolizei Sigurimi ihre Zentrale, die das Land in ein System von Gefängnissen und Lagern verwandelte. Heute werden hier die Verbrechen dokumentiert.

Pyramidenförmiges Gebäude ist Treffpunkt von Jugendlichen

Das im Wortsinn schrägste Relikt aus kommunistischen Zeiten dürfte die pyramidenförmige Ruine an einem breiten Boulevard sein. Hinter einem Bauzaun ragt sie in einem kleinen Park in den Himmel. Einst war die Pyramide mit glänzendem Marmor verkleidet. Hodschas Tochter Pranvera hatte sie entworfen.

Eine pyramidenförmige Ruine in Tirana ist besonders beliebt bei Jugendlichen. Sie soll deshalb zu einem Jugendzentrum umgewandelt werden.

Im Innern war ein ihrem Vater gewidmetes Museum zu sehen – eine Ausgeburt des Personenkults, der über den Tod des Diktators 1985 hinaus betrieben wurde. Nach 1991 sollte die Ruine weichen, das Parlament an eben jener Stelle in einen Neubau einziehen. Eine Petition von Parlamentariern verhinderte, dass die Erinnerung mit der Abrissbirne entsorgt wurde. Nun ist die Umwandlung in ein Jugendzentrum geplant.

Genau genommen hat die Jugend die Pyramide aber längst in Beschlag genommen: Sie nutzt die Außenfassade beim Aufstieg als luftige Promenade und beim Abstieg als lustige Rutschbahn.

Überhaupt dominieren junge Leute das Stadtbild. Wer durch die Straßen von Tirana spaziert, ist angetan von der Lebensfreude. So viele einladende Cafés und Restaurants sind zu entdecken, gerade auch im Blockviertel, das einst den Politbonzen vorbehalten war.

Vertreter beiderlei Geschlechts nippen an ihren Cocktails – ganz anders als auf dem Land: Je weiter man sich von den großen Städten entfernt, desto weniger Frauen sind in der Öffentlichkeit zu entdecken. Vorzugsweise Männer sitzen dort vor ihrem geliebten Raki-Schnaps.

Gegend um den Fischmarkt ist eine attraktive Einkaufsmeile

Die Gegend um den ehemaligen Fischmarkt in Tirana hat sich zu einer attraktiven Einkaufsmeile gemausert. Gewürze und Nüsse, Honig, Obst, Blumen und Fisch: Alles wird im Neuen Basar feilgeboten. Drumherum toben am frühen Abend ausgelassen Kinderscharen. Nachwuchs ist willkommen: Albanien leidet darunter, dass viele junge Erwachsene abwandern, auch nach Deutschland. Rund 60.000 Emigranten sollen es jedes Jahr sein – bei einer Bevölkerung von weniger als drei Millionen.

Der Hauptplatz im Zentrum Tiranas, der Skanderbegplatz, ist eine autofreie Zone mit grünen Oasen. Hier demonstriert freitags die Jugend dafür, dass endlich etwas gegen die Klimakatastrophe getan wird. Abends bieten Sänger unter freiem Himmel kostenlose Vorstellungen. Menschentrauben stehen plaudernd herum. Über das Treiben wacht auf seinem Denkmal Nationalheld George Kastriote Skanderbeg, der im 15. Jahrhundert in vielen Schlachten die Osmanen besiegte.

Albanien gleich Korruption plus Blutrache und Cannabisanbau in großem Stil? Diese Vorurteile sind kaum in Einklang zu bringen mit den Eindrücken vor Ort.

Albaner sind sehr gastfreundlich

Einst hatte sich Albanien erst von Titos Jugoslawien, dann von Chruschtschows Sowjetunion und schließlich auch von Maos China losgesagt und firmierte als Nordkorea Europas. Nun öffnet sich das Balkanland im Südosten Europas der Welt.Das größte Pfund, mit dem die Albaner heute wuchern, ist ihre Gastfreundschaft. Als die ersten Touristen in den wilden albanischen Bergen auftauchten, ging die Freundlichkeit der Einheimischen so weit, dass sie partout kein Geld von den Wanderern nehmen wollten. Das beleidige ihre Ehre.

Markt von Shkodra: Einen eher unbequemen Platz auf dem Gepäckträger hat dieses Schaf zugewiesen bekommen.


„Was habt Ihr vor eurem Besuch über Albanien gewusst?“, fragt Bledar Kola, Chef im Slowfood-Restaurant Mullixhiu. Die Frage ist eher rhetorisch gemeint. Seit mehr als drei Jahren arbeitet der 1984 geborene Küchenchef in Tirana mit kulinarischen Mitteln daran, den Ruf Albaniens aufzupolieren. Sein Lokal wird in der internationalen Gastroszene gerühmt.

Als der Krieg im nahen Kosovo wütete, ging der 15-jährige Kolat nach London. Vom Tellerwäscher arbeitete er sich zum Koch empor. Er lernte bei besten Adressen – etwa bei René Redzepi im Noma in Kopenhagen und bei Magnus Nilsson im Fäviken in Nordschweden.

Restaurant Mullixhiu bietet kulinarische Reise durch Albanien

Jetzt kocht Kola selbst mit einfachen regionalen Zutaten, die er raffiniert miteinander komponiert. Wie wäre es mit einem Zucchini-Pflaumen-Salat? Oder mit einem mit Käse und Wachtelei gefülltem Teigsäckchen? Danach gefüllte Weinblätter, Dolma genannt? Zum Abschluss sollte man keinesfalls Qumeshtor verpassen, eine Art Milchflan mit Maulbeerkonfitüre.

Der Kommunismus hat unseren Speiseplan verarmen lassen.

Bledar Kola, Chef des Restaurants Mullixhiu

Mullixhiu heißt Müller, und tatsächlich backt Kola sein eigenes Brot aus alten Mehlsorten, wie sie in vorkommunistischen Zeiten in der albanischen Küche verwendet wurden. Der Gast kann in dem von rustikalem Holz dominierten Lokal in eine gläserne Küche schauen. „Der Kommunismus hat unseren Speiseplan verarmen lassen“, sagt Kola. Er will dem Essen wieder seinen Reichtum zurückgeben.

Kola versucht, die Preise so erschwinglich zu halten, dass auch Einheimische sich ein Menü leisten können. Für 15 Euro kann sich der Gast quer durch Albanien schmecken. Ob er sich vorstellen kann, irgendwo ein Mullixhiu-Franchise zu eröffnen? „Nein, ich möchte den Kontakt zu den Gästen und auch zum Essen nicht verlieren“, sagt Kola.

Wohlgesättigt bricht man auf zu einer Rundtour durchs Land – und ist verblüfft über Albaniens Vielfalt. Zum Beispiel an der Küste: Da gibt es nicht nur den mit viel Beton zugebauten Badeort Saranda im Süden und auch nicht nur die Strände von Durrës, an denen herrenlose, überaus freundliche Hunde herumtollen. Die albanische Riviera im Südwesten ist – jedenfalls noch – weitgehend unbebaut. Die Blicke aufs blaue Ionische Meer sind von der holperigen Straße hoch oben grandios.

Autofahrer sollten die Augen aber lieber nach vorn richten: Es könnte sein, dass plötzlich ein paar Ziegen oder eine Kuh im Weg herumstehen.

Butrint war schon Cäsar ein Begriff

Die Geschichte Albaniens reicht über Jahrtausende zurück, ist griechisch, römisch, osmanisch geprägt: Idyllisch auf einer Halbinsel liegen die Ausgrabungsstätten von Butrint. In diese Stadt schickte schon Cäsar seine ausgebrannten Legionäre in Badehäuser und in den Heiltempel des Asklepios.

Die Ausgrabungsstätte Butrint liegt noch ein wenig weiter südlich als Gjirokastra. In diese Stadt schickte einst Cäsar seine ausgebrannten Legionäre in die Badehäuser.


Butrint im Süden gelang 1992 als erstem albanischen Ort der Sprung auf die Unesco-Weltkulturerbeliste. Dort steht inzwischen auch Gjirokastra, die Stadt aus Stein. Sie hat ihren Namen vom grauen Kalkstein, der die Dächer bedeckt.

Die ehemalige Handelsstadt Berat, ebenfalls Unesco-gewürdigt, beeindruckt mit schmalen Gässchen zwischen weißgekalkten Altstadthäusern und der Ikonenmalerei in orthodoxen Kirchen oben auf der immer noch bewohnten Festung.

Überall im Land stehen Bunker

Allerdings: Überall im Land trifft man auf die Spuren der kommunistischen Diktatur. Nicht nur am Ohridsee nahe Nordmazedonien scheinen Ufos in einer Wiese gelandet zu sein. Es handelt sich um Bunker, von denen viele in Nähe der Grenzen herumstehen.

Der paranoide Hodscha befand sich in ständiger Angst vor einer Invasion. Die ganze Welt war sein Feind. 700.000 Bunker wollte er bauen lassen, für jede Familie einen. Beinahe hätte er sein Ziel erreicht. Nun werden die Albaner die Betonufos nicht mehr los.

Die Bunker überall in Albanien sind das Erbe des paranoiden Diktators Hodscha. Niemand weiß, wie man die Betonhügel wieder loswerden soll.


Kreativ haben sie die ungeliebten Hinterlassenschaften zu Wein- und Pilzzuchtkellern, zu Minihotels oder auch zu Discos umzufunktionieren versucht. Inzwischen vermarkten sie die Bunker als Markenzeichen: An gut sortierten Souvenirständen lassen sich Aschenbecher im Minibunker-Outfit erstehen.

Die Bevölkerung hofft, dass der Anschluss an die neue Zeit gelingt. Das gilt auch für Vater und Sohn Gezim und Eugen Skermo. In ihrem riesigen Garten am Fuße des Morava-Gebirges summt und brummt es. Kunterbunte Bienenhäuschen reihen sich aneinander.

Imkerei am Morava-Gebirge: Die Familie Skermos hofft, ihren Honig irgendwann auch in Europa verkaufen zu können.


Die Skermos betreiben die wohl größte Imkerei des Landes. „Der Weg in die Selbstständigkeit nach der Planwirtschaft war hart“, sagt Gezim Skermo. Heute exportieren sein Sohn und er ihren Honig bis nach China und in die USA.
Europa verschließt dem Honig der Skermos bislang seine Türen. Albanien wartet sehnsüchtig darauf, eine Eintrittskarte für die Europäische Union zu bekommen. „Wir haben noch nie aufgegeben“, sagt Eugen Skermo und schaut auf seine fleißigen Bienen.

Tipps für deine Reise nach Albanien

Anreise: Tägliche Direktflüge ab Frankfurt am Main bietet Lufthansa an, Eurowings fliegt im Sommer 2020 ab Köln/Bonn, Düsseldorf und Stuttgart.

Beste Reisezeit: Für Rundreisen eignet sich das Frühjahr bis einschließlich Juni und die Zeit ab September bis Ende Oktober. Im Juli und August kann es ziemlich heiß werden. Für Badeurlaub beginnt die beste Reisezeit ab Juni und dauert bis in den Oktober, wenn die Wassertemperaturen im Mittelmeer angenehm sind. Tirana ist ein Ganzjahresziel.

Veranstalter: Dertour hat die achttägige Busrundreise „Höhepunkte Albaniens“ ab 699 Euro pro Person im Programm – inklusive sieben Übernachtungen im Doppelzimmer und Halbpension, einer Deutsch sprechenden Reiseleitung und Flughafentransfers. Flüge können hinzugebucht werden. Auch eine Selbstfahrertour ist buchbar. Eine Badeverlängerung an der Küste ist möglich. Dertour hat diverse Hotels im Angebot.

Autofahren: Die Straßen sind rumpelig, der Verkehr in Tirana ist chaotisch. Auf dem Land ist mit Eselskarren oder Ziegen auf der Fahrbahn zu rechnen. Es empfiehlt sich, bei Tageslicht unterwegs zu sein. Bitte Zeitpuffer einplanen, die Kilometer ziehen sich.

Währung: Die albanische Landeswährung heißt Lek. Vielerorts können Touristen auch mit Euro zahlen. Geldautomaten sind in den Städten überall zu finden.

Die Reise wurde unterstützt von DER Touristik. Über die Auswahl der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.