Dicht an dicht streben Kiefern, Fichten und Birken in den milden Sommerhimmel, breiten sich Moose, Farne und Beeren auf dem Waldboden aus. Mittendrin blitzt ein roséfarbenes, hölzernes Anwesen hervor, das Hotel Punkaharju.

Wer dann seine schillernde Besitzerin, Saimi Hoyer, mit feuerrotem Lockenschopf und goldfarbener Lederjacke beschwingt die Stufen zur Veranda hinauftraben sieht, fühlt sich direkt an Pippi Langstrumpf und die Villa Kunterbunt erinnert.

Allein: Die alten Zöpfe hat sie abgeschnitten, die klobigen Schuhe gegen elegante Kleider getauscht und statt Äffchen und Pferd ist ihr persönliches Herzenstier der Wolf. Wie dieser ist auch das ehemalige Supermodel in den weiten Wäldern des Saimaa-Seengebiets im Südosten Finnlands zu Hause. 

Richtig abschalten – im Hotel Punkaharju in Südostfinnland.

Das war nicht immer so. Denn erst vor rund vier Jahren traf sie genau hier, an einem kleinen Teich in der Stille des Waldes, eine Entscheidung fürs Leben: Die aus Helsinki stammende Finnin beschloss, das historische Valtionhotelli zu kaufen, es von Patina zu befreien und das verschachtelte, mit Holzschnitzereien verzierte Gebäude liebevoll zu restaurieren. Die Geschichte des ehemaligen „Staatshotels“ führt fast zwei Jahrhunderte zurück.

Pilze sammeln mit Braunbären

Bereits im Jahr 1845, als das Großfürstentum Finnland noch Teil des Russisches Reichs war, ordnete Zar Nikolaus I. den Bau des Gebäudes an, zum einen eine Hütte für die Waldhüter, zum anderen auch einige Unterkünfte für Besucher. Nach und nach ist es erweitert und angebaut worden; das heutige Hotel Punkaharju gilt als ältestes Hotel Finnlands.

Cremerosa, Weiß und Pastelltöne sind die Farben, die sich durch seine Lobby, das Restaurant und die Zimmer ziehen. Wie ein wach geküsstes Märchenschloss thront es auf einer Anhöhe am Ufer des Saimaa-Sees und verführt mit herrlicher Aussicht, mit Ruhe, mit Grün, so weit die Wipfel reichen. 

Verästelt wie ein Labyrinth breitet sich Finnlands größter See hier aus und ist wiederum von Tausenden kleineren Gewässern umgeben. Ein eiszeitlich geschaffenes Mosaik aus grünen und blauen Tupfern bis zum Horizont.

Elche, Wölfe und sogar Braunbären streifen, scheu und vom Menschen meist ungesehen, durch die nicht enden wollenden Wälder. Süße Walderdbeeren baumeln von nickenden Stängeln und auch die Blaubeeren sind bereits reif. „Hier habe ich als Kind mit meinen Eltern immer die langen Sommerferien verbracht“, erzählt Saimi, „zweieinhalb herrliche Monate lang.“

Zurück zum Glück in Finnland

In den vielen Jahren im Ausland, als sie in der Glitzerwelt und auf den Laufstegen Mailands und New Yorks, von Paris und Tokio zu Hause war und ihr Leben in einen Koffer passte, sei genau dies der Ort gewesen, den sie all die Zeit  vermisst hat. „Vor allem der wunderbare Duft der Moosglöckchen fehlte mir“, erzählt sie. Für Saimi sind die rosafarbenen Blumen der Inbegriff des finnischen Frühlings. „Man kann sie sogar essen“, erklärt sie.

Vor neun Jahren jedoch, kurz nachdem ihre beiden Söhne zur Welt gekommen waren, erkrankte Saimi Hoyer. Als sie nach langer Zeit aus dem Krankenhaus entlassen wurde, riet ihr Arzt, dorthin zu gehen, wo sie am glücklichsten sei. Kurz dachte sie an Rom, erzählt sie, doch schnell war klar: Es ist der geliebte Saimaa-See.

Finnland pur: Malerische Sauna direkt am See.

Geschwächt zog sie in das Holzhaus, in dem sie, eine gute halbe Stunde vom Hotel entfernt, auch heute mit ihren Söhnen lebt. „Und dann gab es diesen magischen Morgen“, erinnert sich Saimi, „ich trat aus der Tür in den himmlischen Frühlingsregen und konnte plötzlich wieder etwas riechen. Die ersten Frühjahrspilze sprossen und ich ging einfach los, pflückte den ersten Pilz, dann den nächsten und noch einen; so bin ich quasi zurück ins Leben gegangen.“ In dieser Umgebung fand sie zurück zu ihrer Kraft, ihrer Mitte. 

Als schließlich das im Verfall begriffene Hotel zum Verkauf stand, habe sie nicht lange überlegt. „Ich dachte, irgendjemand muss das Haus doch retten“, erzählt sie. Und: Sie möchte Reisende in diese Region bringen. „Die meisten Touristen fahren nach Helsinki oder Lappland“, dabei sei die Seenplatte so wunderschön. 

Finnland pur: Nach der Sauna in den See

Die „finnische Ausgabe“ der Pippi Langstrumpf macht sich ihre Welt heute so, wie sie ihr gefällt. Nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für ihre zahlreichen Gäste. Im lichtdurchfluteten Restaurant mit Blick auf den See steht vor allem Saimis Lieblingsspeise auf der Karte: Pilze.

Pilze in mannigfaltigen Variationen: Süßsauer eingelegt, im vegetarischen Burger verarbeitet, sogar im Schokoladenkeks finden sie sich wieder; ungewöhnlich wie köstlich. Um ihre Liebe und Faszination für Pilze weiterzugeben, veranstaltet sie mehrmals im Jahr Pilzsammelkurse. Das ganze Jahr hindurch seien welche zu finden, sagt sie, am besten natürlich im Herbst, ihrer Lieblingsjahreszeit. 

Doch viel mehr steht hier auf dem Programm: etwa Yoga-, Mal- oder Schreibwochenenden, Jazzkonzerte und Vorträge über die Geschichte Punkaharjus. Im kommenden Winter plane sie sogar eine Modeshow auf dem zugefrorenen See. „Ich arbeite hart, rund 15 Stunden am Tag“, sagt Saimi, „doch dies hier ist mein Platz, mein Leben, hier bleibe ich, bis ich sterbe.“ 

Wer spät am Abend aus der dampfenden Sauna tritt, vom Holzsteg in den stillen See steigt und seine Bahnen Richtung Mitternachtssonne zieht, versteht, warum.