Dieser Mann läuft von Kanada nach Patagonien – komplett zu Fuß

Dieser Mann läuft von Kanada nach Patagonien

Caspar Look geht körperlich und mental an seine Grenzen auf seinem Ultralauf von Vancouver nach Patagonien. Eine Reise voller Strapazen und Ungewissheit, aber vor allem voller unvergesslicher Eindrücke.

Alle Fotos, die während des Jahres entstanden sind, hat Caspar selbst gemacht. Einen Sponsor hat er nicht – seine tägliche Verpflegung finanziert mit Erspartem.
Halbzeit: Ungefähr 9.000 Kilometer hat Caspar von Vancouver bis nach Panama-Stadt zu Fuß zurückgelegt. Bevor es weiter durch Südamerika bis nach Patagonien geht, legte er eine Pause in Deutschland ein.

Foto: Jan-Caspar Look

Caspar Look führte in seiner Wahlheimat Vancouver ein gutes Leben als Architekt. Doch das intensivste Jahr seines Lebens sollte erst mit seinem Abschied aus der kanadischen Metropole anbrechen. Vor gut einem Jahr schloss der gebürtige Schaumburger endgültig seine Wohnungstür hinter sich und rannte einfach los. 

Im Gepäck hat er nur das Nötigste: Campingausrüstung, zwei Ersatzpaare Laufschuhe, etwas Kleidung, Technik und natürlich Wasser. Ungefähr 30 Kilo zieht der 39-Jährige in einem Wägelchen hinter sich her. Sein Ziel: die Südspitze Südamerikas, Patagonien.

Alle Fotos, die während des Jahres entstanden sind, hat Caspar selbst gemacht. Einen Sponsor hat er nicht – seine tägliche Verpflegung finanziert mit Erspartem.
Alle Fotos, die während des Jahres entstanden sind, hat Caspar selbst gemacht. Einen Sponsor hat er nicht – seine tägliche Verpflegung finanziert mit Erspartem. Foto: Jan-Caspar Look

Nun blickt er auf ein Jahr voller Strapazen und Ungewissheit zurück – aber auch voller Reichtum an Erlebnissen. Nach 9.000 Kilometern tauschte Caspar allerdings vorerst in Panama-Stadt die Laufschuhe gegen das Flugzeug ein und besuchte Familie und Freunde in seiner alten Heimat Deutschland. Dabei erzählte er bei einem Besuch in der reisereporter-Redaktion von seinem Abenteuer.

Von Vancouver nach Panama-Stadt: Warum dieser Mann um die Welt läuft

Mit dem Ankommen in Panama-Stadt hat Caspar das erste Kapitel seines Ultra-Laufs abgeschlossen und ist stolz. Es war nie sein Ziel, den Reise-Marathon in einem Stück durchzuziehen: „Ich habe mir immer die Option gelassen, eine Pause einzulegen, um Abstand zu gewinnen“, sagte er.

Abstand – dabei denkst du vielleicht an eine Art Auszeit oder Flucht. Doch das sei es nie für Caspar gewesen. Er strahlt eine wahnsinnige Ruhe aus und wirkt, als sei er mit sich im Reinen. Und das, obwohl er mal eben 9.000 Kilometer zu Fuß durch trockene Wüsten, feucht-heiße Tropenwälder und auf viel befahrenen Straßen der Mega-Metropolen hinter sich gebracht hat.

Ich bin eines Tages einfach aufgewacht und hatte diesen Gedanken. Es fühlte sich zunächst surreal an.

Was bewegt einen Menschen dazu, von heute auf morgen alle Zelte abzubrechen? „Ich bin eines Tages einfach aufgewacht und hatte diesen Gedanken. Es fühlte sich zunächst surreal an“, doch Caspar konnte die für andere irrsinnige Idee nicht aus seinem Kopf verbannen.

Es brauchte zwei Jahre, bis er sich bereit für die Reise fühlte. Als sparsamer Mensch hatte er genügend Geld zurückgelegt, um mehrere Jahre davon leben zu können – jeden Tag unterwegs auf fremden Straßen, Stränden und Pfaden.

Von Kanada nach Panama zu Fuß – die Reise in Bildern

Keine 08/15-Reise: Zu Fuß erkundet Caspar Land und Leute

Gestartet in Vancouver, führte seine Route aus dem regnerischen Herbst Kanadas entlang von Kaliforniens Küste geradewegs in die heiße und trockene Wüste Mexikos. Dabei passierte er „aus Versehen“ bekannte Sehenswürdigkeiten, die einfach auf der Route lagen. Sightseeing, wie es Bus-Touristen machen, ist „absolut nicht mein Ziel“, stellt Caspar klar.

Von Weitem erspähte er die Touristengruppen, die sich um Sehenswürdigkeiten tummelten, und genoss die etwas andere Perspektive ganz in Ruhe. Dann hielt er kurz inne, saugte alle Eindrücke auf. Einen Umweg für spezielle Hotspots legte er dabei aber nicht ein.

Jeden Tag das Ungewisse und mit jedem Schritt sich und den Ort spüren, an dem man ist.

Diesen Perspektivwechsel, eine 180-Grad-Wende seines Lebens, ohne Karriere machen zu wollen – das genießt Caspar in vollen Zügen. „Jeden Tag das Ungewisse und mit jedem Schritt sich und den Ort spüren, an dem man ist“, das wolle er.

Möglich sei das auch, weil er sich im Kopf von Leistungszielen frei gemacht habe und sich nur kleine Etappen am Tag setze. Sobald die Sonne untergeht, schlägt er sein Lager draußen in der Wildnis auf, „mein Zelt ist mein Luxus“.

Durch Zufall oder aber, weil es zu Fuß gar nicht anders geht, entdeckt Caspar immer wieder wunderschöne Landschaften. Das Foto ist im nationalen Tierschutzgebiet Gandoca-Manzanillo in Costa Rica entstanden.
Durch Zufall oder aber, weil es zu Fuß gar nicht anders geht, entdeckt Caspar immer wieder wunderschöne Landschaften. Das Foto ist im nationalen Tierschutzgebiet Gandoca-Manzanillo in Costa Rica entstanden. Foto: Jan-Caspar Look

Caspar läuft am Tag bis zu 60 Kilometer und kommt an seine Grenzen

Mit kleinen Etappen sind Tagesstrecken zwischen 50 bis 60 Kilometern gemeint. Ohne eine gute Grundfitness ist das unvorstellbar. Caspar nahm zuvor schon am Iron Man teil und war begeisterter Triathlet. Doch der Ultra-Lauf ist eine ganz neue Herausforderung, die ihn mental und körperlich an seine Grenzen brachte und bringt.

Das extrem schwüle und zugleich heiße Klima in Mexiko mit Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius und nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit setzten ihm zu. Sein Körper signalisierte ihm: Pause.

Gezwungenermaßen hieß es für eine Weile Stillstand, den Sommer verbrachte er also in Mexiko. Dabei verschlug es ihn ausnahmsweise öfter ins Hotel, damit sich sein Körper erholen konnte. Während seiner morgendlichen Meditation an den wohl schönsten Stränden tankte er neue Energie und lief mit dem Wägelchen weiter. 

Wie gefährlich ist so eine Reise?

Autos, die an einem vorbeirauschen, fremde Menschen und Kulturen, gefährliche Strecken, Tropenkrankheiten und das Übernachten in der Wildnis: Schwingt da nicht ein unheimlich großes Risiko mit? Dessen ist sich der 39-Jährige bewusst, dennoch begegnet er den Menschen immer unvoreingenommen, selbst an vermeintlich gefährlichen Orten wie Honduras.

Das Land erlebt aktuell eine schwere Krise: Bürger demonstrieren gegen die Politik, teilweise mit tödlichem Ausgang. Viele ergreifen die Flucht nach Mexiko. Doch gerade an diesem unruhigen Ort lernte Caspar die liebenswertesten Menschen auf seiner Reise kennen. 

Die Reise lehrte mich vor allem Demut.

Oft sei es bislang nicht vorgekommen, da er vorwiegend ärmere Länder durchquert hatte, aber hin und wieder fand sich Caspar in den vier Wänden einheimischer Familien wieder. „Ich lerne hautnah das Leben der Menschen vor Ort kennen“, schwärmt Caspar und kennt nach 9.000 Kilometern und 318 Lauftagen schon jetzt sein großes Learning: „Die Reise lehrte mich vor allem Demut.“

Besonders die Menschen in Honduars bleiben Caspar in Erinnerung. Herzlich wurde er überall empfangen.
Besonders die Menschen in Honduars bleiben Caspar in Erinnerung. Herzlich wurde er überall empfangen. Foto: Jan-Caspar Look

Nächste große Etappe: Von Panama nach Patagonien

In gut einem Jahr haben ihn seine Füße von Vancouver nach Mittelamerika gebracht. Nach einer einmonatigen Pause mit Besuch bei der Familie in Norddeutschland ging es für Caspar jetzt wieder zurück. Von Panama-Stadt will er das zweite Kapitel seines Ultra-Laufs aufschlagen und damit auch gleich die größte und vielleicht auch gefährlichste Challenge beginnen.

Caspar durchquert aktuell den Darien Gap (auch Tapón del Darién), einen ungefähr 60 Kilometer langen Abschnitt und seine einzige Möglichkeit, auf dem Landweg nach Südamerika, genauer Kolumbien, zu gelangen. Nicht viel ist über die vom dichtem Dschungel überwucherte Route bekannt, durch die Medien dringen immer wieder beängstigende Geschichten über Drogen- und andere kriminelle Banden. Mehr als Trampelpfade gibt es hier nicht.

Caspar hat, auch aus Rücksicht auf seine Mutter, lange mit sich gehadert, ob er tatsächlich durch den kaum erschlossenen Dschungel laufen soll, statt entlang von Panamas Küste mit Booten zu fahren. Doch wieder einmal ließ er sich von seiner Intuition leiten. Wenn du nachverfolgen willst, was er in der Heimat indigener Völker erlebt, kannst du das auf seinem Instagram-Account oder über seinen Blog tun.

Und obwohl der Wahl-Kanadier von Tag zu Tag lebt, stellte er sich auch schon die Frage, wie es nach Patagonien weitergehen soll. „Vielleicht werden aus zwei auch fünf Jahre. Vielleicht auch eine Weltreise“, könnte sich Caspar vorstellen. Von Vancouver nach Alaska – einmal um die Welt – und das (fast) komplett zu Fuß.

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