Beim Gedanken an Göttingen denken viele Menschen vor allem an drei Dinge: Fahrräder, Studenten und alternative Szene. Klingt wie Münster, nur in klein?! Auch ich hatte diesen Gedanken im Kopf, bevor ich zum ersten Mal dort war. Aber ich wurde eines Besseren belehrt, Göttingen kann viel mehr!

Okay. Aller Anfang ist schwer. Ich kam an einem kalten und nebligen Montagmorgen in Göttingen an. In der Bahn war es laut und voll. Nichtsdestotrotz: Die Stadt ist sehr verkehrsgünstig gelegen und war mit dem Zug gut zu erreichen. Auch mit dem Auto (A7 und A38) oder dem Fernbus kann man unkompliziert anreisen.

Göttingen, die Fahrradstadt

Am Bahnhof angekommen, bestätigte sich das erste Klischee: Fahrräder, so weit das Auge reicht. Anfangs war ich von dieser Fahrrad-Flut erschlagen, doch im Laufe des Tages gewöhnte ich mich an die vielen Zweiräder.

Als Großstädter fiel mir sofort eines auf: saubere Luft. Es waren kaum Autos zu sehen, die meisten Menschen waren zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Weite Teile der Altstadt sind für den Autoverkehr gesperrt.

Fahrräder am Göttinger Hauptbahnhof.
Am Göttinger Bahnhof reihen sich Hunderte Fahrräder aneinander. Foto: Kilian Genius

Göttingen, die grüne Stadt

Für einen ersten Rundgang lohnt der Stadtwall – er ist die älteste Grünanlage Göttingens und befindet sich direkt in der Innenstadt. Der etwa 2,8 Kilometer lange Wall legt sich wie ein grüner Gürtel um das Stadtzentrum. Ein paar Spaziergänger und Jogger liefen mir über den Weg und obwohl ich mitten in der Stadt war, war es ruhig.

Direkt an den Stadtwall grenzt der Alte Botanische Garten, den es schon seit den Gründungstagen der Göttinger Universität 1736 gibt. Das „Fenster zur Natur“ ist nur wenige Gehminuten vom Bahnhof und der Fußgängerzone entfernt und beinhaltet auf einer Fläche von fünf Hektar mehr als 12.000 verschiedene Pflanzenarten. Und das Beste: Der Eintritt ist kostenlos. 

Naturfreunde aufgepasst: Göttingen ist von der hügeligen und waldreichen Landschaft Südniedersachsens umgeben. Es gibt viele Ausflügsmöglichkeiten – das Eichsfeld im Osten sowie der Harz und das Mittelgebirge Solling sind nicht weit entfernt.

Der Alte Botanische Garten in Göttingen.
Der Alte Botanische Garten ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Foto: Kilian Genius

Göttingen, die historische Stadt

Göttingen hat eine mehr als 1.000 Jahre alte Geschichte. Dazu gehören auch die vielen Fachwerkhäuser in den schmalen Gassen der Altstadt und das „Gänseliesel“ auf dem Martplatz. Die Figur gilt als die meistgeküsste Frau der Welt.

Jeder Doktorand pilgert nach erfolgreicher Prüfung zur Bronzestatue des von Gänsen umgebenen Mädchens, überreicht ihm Blumen und drückt ihm einen Schmatzer auf die Wange. Die Statue steht seit 1901 mitten auf einem Brunnen am mittelalterlichen Alten Rathaus und ist seitdem als Wahrzeichen und beliebter Treffpunkt der Studentenstadt bekannt.

Übrigens: Das „Gänseliesel“ wurde mittlerweile durch eine Kopie ersetzt, die Originalfigur befindet sich seit den 1990er-Jahren im Städtischen Museum.

Das „Gänseliesel“ auf dem Göttinger Marktplatz.
Das „Gänseliesel“ ist vermutlich die meistgeküsste Frau der Welt. Foto: Kilian Genius

Göttingen, die Universitätsstadt

In Göttingen leben mehr als 30.000 Studenten. Die Georg-August-Universität ist die älteste noch lehrende Universität Niedersachsens und zugleich die größte. Ihr Ruf ist hervorragend – mehr als 40 Nobelpreisträger haben hier studiert, gelehrt oder gearbeitet. 

Die Studenten sorgen für ein intensives kulturelles Leben. Es gibt viele Theater, Bühnen und Museen. Allein das Deutsche Theater bietet pro Spielzeit rund 450 Vorstellungen. Hinzu kommen die Internationalen Händel-Festspiele und der Göttinger Literaturherbst, die zu den Höhepunkten des Jahres zählen und zahlreiche Besucher in die Stadt locken.

Altes Fachwerkhaus in der Göttinger Altstadt.
Viele Fachwerkhäuser sind mehrere Hundert Jahre alt und verleihen der Universitätsstadt ihren besonderen Charme. Foto: Kilian Genius

Doch warum ist Göttingen nun ein unterschätztes Reiseziel? Ja, Göttingen ist eine Universitätsstadt und sehr stolz darauf. Und ja, in Göttingen gibt es ziemlich viele Fahrräder, und die Studenten prägen das Lebensgefühl und das Stadtbild. 

Hinzu kommt: Die Kombination aus historischem Universitäts- und Kulturambiente ist klasse, außerdem gibt es viel Natur – und das direkt in der Innenstadt. Der Stadtwall und der Alte Botanische Garten liegen zwischen mittelalterlichen Kirchen und dem prächtigen Alten Rathaus.

In der Fußgängerzone werden malerische Fachwerkhäuser von Studentenkneipen und Cafés zu neuem Leben erweckt. Kurzum, es gibt wahnsinnig viel zu entdecken. Göttingen, ich komme wieder!